[Ein Jahr, ein Roman] Charaktere – Nutze die Archetypen

Vermutlich bist Du, auch wenn Du gar keine Ahnung von Psychologie hast, schon einmal über das Wort „Archetyp“ gestolpert. Plump ausgedrückt sind Archetypen Figuren / Bilder / Erscheinungen, die uns allesamt vertraut sind und mit denen wir uns identifizieren können oder wo wir das Prinzip dahinter verstehen.

Carl Gustav Jung, ein schweizer Psychologe und ein Schüler vom guten alten Freund, erforschte und definierte die Archetypen. Und diese werden noch heute verwendet, sowohl in der Psychologie, als auch in der Schriftstellerei. Und gerade auf letzteres werde ich mich hier besonders beziehen.

Wir alle kennen Helden und Heldinnen, den weisen Mann oder die weise Frau und natürlich das Urböse. Das sind Formen von Archetypen, die sich nach und nach entwickelt haben und automatisch Bilder in unseren Köpfen entstehen lassen, je nachdem aus welchem Kulturkreis wir kommen. Aber eine Form eines Helden oder eine Heldin dürfte wohl jede Kultur haben. Dabei ist es egal welche Namen sie haben.

Du kannst Dir mal ein Märchen schnappen (egal welches, Hauptsache es beruht auf alle Volksgeschichten) und es Dir durchlesen. Du wirst schnell die Archetypen erkennen. Ein Held / eine Heldin zieht aus um etwas zu erledigen oder zu erleben. Eine weise Frau eventuell eine Hexe oder auch ein weiser Mann helfen unserer Hauptfigur um gegen das Böse zu kämpfen und zu obsiegen. Dann kehrt unsere Hauptfigur wieder nach Hause, neu geboren und mit neuem Wissen ausgestattet um eventuell selbst eines Tages zur weisen Person zu werden, damit die nächste Generation ausziehen kann.

HeldInnen gibt es viele: Luke Skywalker, Ellen Ripley, Harry Potter von mir aus Captain America 😉

Aber auch die weisen Frauen und Männer kennst Du sicherlich einige: Obi-Wan Kenobi, Gandalf der Graue und der Weiße (sehr dezent der Hinweis) oder auch Professor Dumbledore. Und mir fällt hier auf, ich könnte die Liste fast endlos fortführen, aber es gibt eher wenige Frauen / Hexen, die hier auftauchen.

Und natürlich das Oberböse wie der Imperator aus Star Wars (Darth Vader hat zwar die größere Rolle, aber im Grunde genommen ist er nur ein Handlanger), Du-weißt-schon-wer und jeder Mörder oder jede Mörderin aus einem Krimi.

Meine Empfehlung ist ganz klar, besorge Dir ein Buch zum Thema und studiere es (nicht lesen, wirklich studieren, siehe die Buchliste am Ende des Beitrages, ich habe Dir einige aufgelistet, die ich gelesen habe). So verstehst Du am Ende des Konzepts der Archetypen am Besten.

Es gibt bestimmte Grundvoraussetzungen für die Archetypen. So haben wir es immer mit einem heldenhaften Helden zu tun. Und eben mit einem bösartigen Bösewicht. Aber es geht sogar noch weiter. Jung, und viele die nach ihm gekommen sind, haben Gottheiten aus dem griechischen Pantheon genommen und über sie weitere Archetypen erklärt.

So ist Hera zum Beispiel die Ehefrau, die ihrem untreuen Ehemann vergibt, aber der „Schlampe“ das Fell über die Ohren zieht, mit der ihr Ehemann ins Bett gegangen ist. Artemis ist die Jungfrau, die zwar Kinder liebt und sich umsorgend um sie kümmert, aber niemals eigene bekommen würde.

Und so weiter.

Und natürlich gibt es auch Götter, welche die verschiedenen Archetypen der Männer darstellen (dazu mehr bei den Büchertipps).

Man könnte sogar sagen, es gibt regelrecht Listen, die Du abarbeiten könntest, um Deine Charaktere zu basteln.

Moment, Listen? Hört sich das nicht nach einem Baukastensystem an um einheitliche, ja schon fast stereotypische Figuren zu schaffen, ohne Seele und Leben? Komischerweise klappt das so gar nicht.

Wenn Du Dir die Listen anschaust (siehe auch hierzu die Buchtippliste 😉 ), dann siehst Du zwar bestimmte Eigenschaften von den Archetypen oder auch Gottheiten (es kommt darauf an, welches Buch Du liest und somit, welchen Weg die AutorInnen entsprechend gehen), aber die individualisieren sich automatisch (auch wenn es das Wort individualisieren vielleicht nicht gibt, ich benutze es hier trotzdem 🙂 ).

Zwar sind die Archetypen eine Art universelle Geschichte der (in meinen Augen patriarchalen) Geschichtsschreibung. Aber sie sind uns aktuell so sehr vertraut, dass sie zu Leben erwachen, sobald wir mit ihnen arbeiten.

Im Grunde genommen musst Du sie nur noch mit Leben ausfüllen und schon kannst Du anfangen zu schreiben. Und das um einiges schneller und effektiver, als wenn Du Dir alles aus den Finger saugen müsstest, um ans Ziel zu kommen.

Es gibt einige Grundarchetypen für eine Geschichte, an Die Du denken solltest, wenn Du schreibst. Sie haben auch etwas mit der HeldInnenreise zu tun. Die werde ich bei Gelegenheit auch mal vorstellen, damit Du weißt, wovon ich hier rede (einen ersten Eindruck findest Du auf Wikipedia: http://de.wikipedia.org/wiki/Heldenreise).

Zu den Archetypen zählen:

  • die Heldin / der Held
  • der Schatten (also durchaus Dein Bösewicht)
  • der Herold – einE BotIn mit einer Herausforderung, einer Nachricht, bringt die Geschichte in Gang
  • die Mentorin / der Mentor – oder eben die Hexe, der weise Mann, meistens eine ältere Person, welche selbst mal in der Vergangenheit ein Held / eine Heldin gewesen ist
  • die Tricksterin / der Trickster – meistens eine komische Begleitung, bei den Natice Americans tauchte sie / er als Koyote auf, sorgt dafür, dass übermäßige Egos auf Normalmaß gestutzt werden und dann mit ihrer Arbeit weiter machen können um den Schatten zu besiegen und eben am Ende die Heldin oder der Held zu sein
  • die Schwellenhüterin / der Schwellenhüter – sorgt für Hindernisse für die / den HeldIn auf den Weg zum Ziel, in Polizeiserien sind das zum Beispiel die Vorgesetzten, welche die Fälle wegnehmen, Chefs / Chefinnen, welche einen wichtigen Auftrag an jemand anderen geben um Deine Figur herauszufordern und so weiter
  • die Gestaltenwandlerin / der Gestaltenwandler – sie wandeln quasi ihre Gestalt, aber häufig eher ihre Eigenschaft als wirklich ihre physische Gestalt (wie Mystique bei den X-Men), es kann schon sein, dass sie mal gut sind, dann treten sie Deiner Figur in den Hintern, um ihnen dann wieder zu helfen

Am Montag werde ich noch einmal ausführlich auf die Archetypen eingehen, um sie Dir näher zu beschreiben. Könnte ich auch heute machen, aber ich denke mal, dass Thema platzt hier schon sowieso aus allen Nähten und ich bin immer noch nicht fertig.

Wenn Du die oben aufgeführte Liste hast und sie mit den Gottheiten (Buchtipps) zusammenführst, hei, dass kann doch nur was werden 🙂

Ich behaupte jetzt mal dreist, dass Du weißt, wer deinE HeldInnen sind und wohl auch der Schatten. Gegebenenfalls dürfest Du auch wissen, wer deinE MentorIn ist. Beim Rest, seien wir mal ehrlich, dass dürfte schon etwas schwieriger werden. Zumindest ergeht es mir so.

Aber ich würde nicht damit anfangen, wenn ich nicht eine Möglichkeit für Dich hätte. Und sie hat etwas mit den Tarotkarten zu tun, aber danach werde ich Dir auch beschreiben, wie es ohne geht.

Schreibe Dir die verschiedene Archetypen von oben (also die Liste) auf ein Blatt. Hierbei ist es egal ob es weiß ist oder liniert / kariert. Dann nimm Dein Tarotdeck und ziehe für jede Position eine Karte. Auch für die Positionen, wo Du Dir eigentlich sicher bist, wer dort zu stehen hat.

Siehe Dir die Karten an und bestimme, wer dort zu sein hat. Es kann durchaus sein, dass Du beim Herold ein Symbol ziehst. Daher darf die Botschaft, welche die Geschichte in Gang sein, durchaus das sein, was eine Botschaft ist, ein Gegenstand.

Schau Dir genau die Karten an und schreibe auf, was Du auf den Bildern siehst, was Du in der Bedeutung findest und verbinde sie noch zusätzlich mit Deinen persönlichen Gedanken. Das Gesamtbild ist es letztendlich, was Deine Figuren weiter bringt.

Auch hier gilt, wenn Du Dir bei einer Position nicht sicher bist, dann ziehe durchaus eine zweite Karte. Erlaube es Dir und schau, was am Ende dabei herauskommt. Ich gehe davon aus, dass Du mit dieser Methode weiter kommst.

Denn jedes Mal, wenn ich damit gearbeitet habe, hatte ich durchaus meine Erkenntnisse gehabt und konnte am Ende besser mit den Figuren arbeiten.

Danach kannst Du mit den Vorgaben zu den einzelnen Gottheiten arbeiten und schauen, welche der Figuren zu Deinen Archetypen passt. Durch das gesamte Bild wirst Du tiefer einsteigen und hast am Ende einen Cast von dem Du nicht zu träumen gewagt hättest 🙂

Wenn Du nicht mit den Tarotkarten arbeiten willst oder kannst (weil Du sie noch nicht hast), dann geht es auch anders:

Nimm Dir etwas Zeit und gehe tief in Dich. Ruf Dir die Bezeichnung vor Dir auf und welche Bedeutung sie hat (gut, dass wirst Du dann am Montag genauer erfahren, ich bitte dafür noch etwas Geduld). Dann schaue weiter, welche Eigenschaften Du für diese Position brauchst. Wenn Du einen Antihelden brauchst oder eine Hexe als Mentorin, wirst Du sicherlich ein Bild vor Deinen Augen haben.

Dann halte diese Bilder bitte sofort schriftlich fest oder diktiere sie Deinem Aufnahmegerät. Halte alles fest, was Dir einfällt (gilt natürlich auch, wenn Du mit dem Tarotdeck arbeitest). Und auch hier kannst Du am Ende mit den Vorlagen zu den Gottheiten arbeiten, wenn Du die Charaktere weiter ausarbeiten willst.

Probiere es aus und siehe, wie es Dir hilft mit den Figuren zu arbeiten. Am Ende wirst Du sehen ob Du es weiter nutzen oder es lieber sein lassen möchtest.

Ich wünsche Dir auf alle Fälle viel Spaß damit.

Es kommen noch zwei Beiträge dazu:

  1. Die genauere Erklärung zu den Archetypen der HeldInnenreise
  2. Die Gottheiten detaillierter erklärt

Linktipps:

Buchtipps:

  • Goddesses in Everywoman von Jean Shinoda Bolen (hierbei geht es um die psychologische Bedeutung der Göttinnenarchetypen in den Frauen – und durchaus auch Männer)
  • Gods in Everyman von Jean Shinoda Bolen (das gleiche Buch wie eins, eben nur für Männer – da ich es noch nicht gelesen habe, kann ich nicht sagen, wie es sich auf Frauen bezieht)
  • 45 Characters: Mythic Models for Creating Original Characters von Victoria Lynn Schmidt (achte hierbei bitte auf die aktualisierte Auflage, dass ist das Buch mit den Vorlagen zu den Gottheiten, die ich oben erwähnt habe, es ist gut zu lesen – wegen dem englischen – und war für mich eine Erleuchtung)
  • The Writer’s Journey von Christopher Vogler (hier ganz klar die Empfehlung, hole Dir die dritte Auflage in englisch, die deutsche Version hat nur die zweite Auflage übersetzt)
  • The Hero with a Thousend Faces von Joseph Campbell (die Grundlagen der verschiedenen Archetypen, die ich oben erwähnte)
  • The Virgin’s Promise von Kim Hudson (bezieht sich zwar sehr stark auf Drehbücher, man kann es aber auch auf Romane umwandeln)
  • From Girl to Goddess von Valerie Estelle Frankel (die Heldenreise als Heldinnenreise)
  • Awakening the Heroes Within von Carol S. Pearson
  • Heroine’s Journey von Maureen Murdock (wurde auch von Christopher Vogler empfohlen)
  • Goddess in Older Women von Jean Shinoda Bolen
  • Archetypes: Characters, Narrative and Mind von Melanie Anne Phillips
  • The Complete Writer’s Guide to Heroes and Heroines: Sixteen Master Guides von Tami D. Cowden, Carolyn LaFever und Sue Viders
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Über Frau Schreibseele

eine schreibende, die auf den weg zu ihrer ersten geschichte ist. und bis dahin gibt es beiträge rund ums schreiben, lesen und erleben auf meinem blog :)
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