Samstagsgedanken – Plane Deine Recherchen

Vor etwa zwei Jahren habe ich in einer Buchhandlung ein Roman entdeckt, den ich sofort gekauft habe. Es war eine Steampunkgeschichte und ich wollte so viele Geschichten aus diesem Genre lesen, wie nur möglich. Mein Fehler? Kurz zuvor hatte ich die ersten beiden Bücher der William Monk Reihe von Anne Perry (http://www.anneperry.co.uk/) gelesen.

Zugegeben, ich weiß nicht mehr wie der Titel ist oder wie die Autorin heißt. Und so viel ich gesehen habe, gibt es kein Band 2 und Band 1 ist zwischenzeitlich auch schon verschwunden. Trotz überschwenglicher Rezis auf einem gewissen Onlineportal. Warum auch immer.

Noch deutlich kann ich mich erinnern, dass eine Hausangestellte im viktorianischen England ihrem Dienstherren und Arbeitgeber drohte, seine dreckigen Geheimnisse in der Gesellschaft zu erzählen. Dann wäre sein Ruf ruiniert.

Ganz ehrlich? Sollte ich das Buch noch einmal finden, ich würde es mir nur deswegen noch einmal kaufen, um es dann endlich mal gegen die Wand zu klatschen.

Warum? Die Frau hat nicht recherchiert. Und das kann ich schon allein deswegen sagen, weil ich eben besagte Anne Perry gelesen habe. Ihre William Monk Bücher spielen in den 1850er Jahre. Und in einer Geschichte wurde eine Hausangestellte vergewaltigt und niemand, bis auf die HeldInnen der Geschichte, hat ihr geglaubt.

Und dann will mir die Autorin erzählen, dass eine Hausangestellte ihren Herren drohen kann? Vor allem, dass sie damit durchkommt? Also bitte … hier hat jemand die Hausaufgaben nicht gemacht.

Was will ich mit dieser Schelte sagen? Eigentlich nicht viel. Nur, mache Deine Hausaufgaben, wenn Du eine Geschichte schreibst.

In diesem Fall hatte ich das Gefühl, dass die Autorin einen Gegenwartsroman geschrieben hat (da gab es noch ein paar Sachen, aber ich will es jetzt nicht übertreiben) und dann sah sie, hei, dass nimmt mir niemand ab, also ab ins Steampunkzeitalter und dann verkauft es sich. Hatte sie ja auch recht, ich hatte es mir ja gekauft.

Aber mit dieser Geschichte hatte sie sich bei mir keinen Gefallen getan, weil ich in dieser Hinsicht strenger geworden bin und daher das abgestraft habe. Buch flog raus und wenn ich noch eines von ihr entdecke und herausfinde, dass es von ihr stammt, nehme ich es erst gar nicht mit.

Wer Sachbücher schreibt, muss so oder so recherchieren. Da kommst Du nicht drum herum. Immerhin willst Du ein Buch über irgendein Thema schreiben, welches Du Deinen LeserInnen näher bringen möchtest. Darüber sind wir einig. Daher solltest Du immer etwas mehr Wissen, als Deine potentiellen LeserInnen. Und zudem etwas bieten, was die anderen Bücher zu diesem Thema nicht bieten. Daher solltest Du schon wissen, was es für Bücher auf dem Markt gibt und was sie für Informationen bieten.

In diesem Fall kann die Recherche eine Unmenge an Zeit fressen. Denn es geht ja auch um das Abwegen des Für und Widers. Gibt es nicht doch Argumente, welche meine These unterstützen oder auch wiederlegen und so weiter.

Bei einem Roman sieht es ein wenig anders aus. Du musst nicht so extrem viel recherchieren, wie für ein Sachbuch. Aber das entbindet Dich nicht von Deiner Arbeit. Sorry, ist nun einmal so.

Egal ob Du einen Fantasyroman oder eine historische Geschichte schreiben möchtest, bis zu einem gewissen Grad gehört die Recherche immer dazu. Natürlich kannst Du Dich davor drücken, dass verbietet Dir niemand. Aber bei gewissen Dingen werden es die Leute, also Deine LeserInnen bemerken. Und das Echo kann unangenehmer sein, als die Arbeit.

Denn wenn die ersten negativen Rezensionen kommen, mit dem Tenor, da hat jemand schlampig oder gar nicht recherchiert, dann kann es sich negativ auf Deinen Verkauf am Ende auswirken. Wenn ich lese, dass jemand nicht seinen / ihren Job gemacht hat, warum sollte ich dann das Ergebnis lesen wollen? Und ja, Recherche betreiben ist genauso Dein Job wie das Schreiben einer guten Geschichte.

Daher meine klare Empfehlung: Mache Dir ein Rechercheplan.

Wenn Du Deinen Plotplan erstellt hast oder schon weißt, wohin grob Deine Geschichte geht, wirst Du auch wissen, was Du alles in Deiner Geschichte einbringen möchtest oder gar musst.

Jetzt nehmen wir mal an, Du willst eine Geschichte im viktorianischen England schreiben (weil ich das oben schon mal erwähnt habe, kann ich ja damit weiter machen). Dann wirst Du Dir sicherlich gut vorstellen können, dass vor gut 100 bis 150 Jahren eine völlig andere Welt herrschte.

Es reicht nicht aus nur zu wissen, wie hübsch die Damen damals ausgesehen haben. Sondern dann ist es wichtig zu wissen, wie die Einzelteile der Kleider hießen, wann welcher Kleidertyp getragen wurde und warum es damals für Frauen wichtig war eine Corsage zu tragen (und ja, es hatte eine höhere Bedeutung als die Erklärung, sie sehen damit schlanker aus, dass habe ich auch erst vor kurzem erfahren 😉 – mehr dazu erfährst Du in „How to be a Victorian von Ruth Goodman).

Am besten brichst Du Deine Fragen zu einem Thema auf die Grundelemente zusammen. Dadurch wird alles übersichtlicher und Du übernimmst Dich nicht. Nehmen wir mal an, Du willst wissen, wie eine viktorianische Dame am Ende aussieht, wie auf einem der vielen, vielen tollen Bilder, die Du vielleicht kennst oder in Büchern / Filmen gesehen hast (Beispielbilder: http://closetvictorian.tumblr.com/post/32069353383/victorian-fashion-1885-1886-source-victorian).

Wie könntest Du jetzt vorgehen?

Mit dem offensichtlichen. Die Damen tragen ja irgendwelche Kleider. Also findest Du erst einmal heraus, welche Kleidung überhaupt getragen wurde. Waren es Kleider oder doch eher Röche mit Blusen? Welche Farbe wurde getragen? Stoffe? Gab es Unterschiede bei der Wahl des Kleides für zu Hause und unterwegs? Für den Tag und zu Abend? Und so weiter. Das sind alles Teilfragen, die Du nach und nach beantworten kannst.

Danach ziehst Du die Dame aus. Was trägt sie darunter? Wie kriegen sie den hübschen geschwungen Hinterteil hin? Ich sage nur Krinoline. Und welche Unterwäsche haben sie getragen?

Wie sieht es mit Schuhen aus? Schmuck? Haare?

Haben sie sich damals geschminkt? (Nicht unbedingt.) Wie sah es mit Haarteilen aus? (wurde benutzt.) Gingen sie zu FriseurInnen (nein, nicht das ich bisher herausgefunden habe)?

Wie haben sich damals die Frauen gewaschen, angezogen, sind aufs Klo gegangen?

Ne menge Fragen, nech? Aber wenn Du alles in diese kleinen Teilschritte unterteilst, wird alles um einiges übersichtlicher, als wenn Du Dich bloss fragst, was hat eine viktorianische Dame an. Mit dieser Frage kannst Du Dich schlichtweg überfordern.

Zumal die Frage, wie eine viktorianische Dame aufs Klo kam vielleicht gar nicht mal so wichtig für Deine Geschichte ist (wäre aber mal interessant davon zu lesen 🙂 ). Denn seien wir mal ehrlich, wie oft haben wir überhaupt in Geschichten Szenen, wo jemand aufs Klo geht? Eher selten.

Wenn Du Schritt für Schritt die Sachen abarbeitest, dann findest Du irgendwann ein Ende. Hast Du herausgefunden, wie die Unterwäsche der Damen aussieht, dann musst Du nicht unnötigerweise weiter suchen. Du bist zu einem Ergebnis gekommen. Danach kannst du weiter schreiben. Und am nächsten Tag geht es eben mit der nächsten Frage weiter.

Aber Achtung: Es besteht trotz allem die Gefahr des zu viel Recherchierens.

Jetzt nehmen wir mal an, Du weißt ganz genau wie eine Dame aus dem Bett springt, sich anzieht, sie geht aufs Klo, macht ein wenig Morgengymnastik und widmet sich dann dem Bier zu ihrem Frühstück 😉 Jetzt könntest Du ja theoretisch schreiben.

Doch da nagt sie, die kleine fiese Stimme die Dir sagt, dass ist nicht genug, Du musst weiter suchen, weiter wissen, weiter machen …

Stoppe Dich irgendwann selbst. Mir macht es Spaß viel herauszufinden, ich gestehe. Zumal es für mich auch bedeutet meine Bibliothek mit tollen Büchern aufzufüllen (hei, ich habe kein Platz und kein Geld, aber mir egal 😉 ).

Doch die Gefahr besteht, dass Du nicht mehr aufhören kannst zu recherchieren. Und wenn Du viel weißt, dann möchtest Du eventuell auch viel unterbringen. Und das kann ziemlich in die Hose gehen.

Ich habe zum Beispiel einen Krimi angefangen zu lesen, welcher im Zeitraum des großen Kürfürsten von Preußen angelegt ist. Ca. 200 Seiten lang und etwa 50 Seiten davon gehören zur Geschichte, der Rest ist Recherchematerial. Für mich natürlich total interessant, weil ich dann weniger selbst recherchieren muss (eine Geschichte soll in dem Zeitraum spielen). Aber die Geschichte hat der Autor damit getötet, leider.

Meiner Meinung nach ist es hier wie mit den Charakteren, wisse immer etwas mehr, als was Du letztendlich in Deiner Geschichte gebrauchen wirst. Und vor allem, wirf Dein Material nicht einfach auf die Seiten im Sinne von, hier hast Du die *******. Friss oder stirb (das kann ich überhaupt nicht leiden). Es geht subtiler und schöner.

Wenn Du also zu viel weißt, kann sich das durchaus negativ auf Dein Schreiben auswirken. Dann willst Du vielleicht am Ende nicht die Geschichte erzählen, sondern eben Dein Material unterbringen.

Versuche also eine Abwägung zwischen dem was Du herausgefunden hast und dem was Du erzählen willst zu finden. Dann wirst Du sicherlich Deine runde Geschichte schreiben.

So, ich gehe dann mal recherchieren 🙂

Advertisements

Über Frau Schreibseele

eine schreibende, die auf den weg zu ihrer ersten geschichte ist. und bis dahin gibt es beiträge rund ums schreiben, lesen und erleben auf meinem blog :)
Dieser Beitrag wurde unter Samstag - Schreibratgeber abgelegt und mit , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s