[Ein Jahr, ein Roman] Charakter – Darf ich bitte zum Interview laden?

Einer meiner Lieblingsmethoden zur Charakterisierung meiner Figuren ist das Interview. Und es ist, mehr oder weniger, genau das, was Du Dir wohl gerade vorstellst.

Du lädst Deine Figur zum Interview.

Dabei gibt es die Möglichkeit, dass Du entweder bestimmte Fragen abarbeitest oder Dich einfach auf die Figur einlässt.

Du kannst Dir überlegen, welche Fragen Du von Deiner Figur direkt beantwortet haben möchtest und erstellst Dir einen Katalog. Eventuell wäre eine Recherche im Internet auch möglich. Sicherlich haben andere Leute für Interessent_innen einen solchen Katalog schon bereit gestellt.

Ansonsten erarbeitest Du Dir einen, den Du auch für alle anderen Figuren theoretisch verwenden kannst. Es geht also eher um allgemeine Fragen und nicht um spezifische.

Dabei kannst Du ruhig auch Fragen stellen, die Dich an Deiner Geschichte interessieren und worauf Du noch keine Antworten erhalten hast.

Nehmen wir mal an, Deine Figur benimmt sich gerade ziemlich zickig (es ist also nicht nur als Vorarbeit nützlich, sondern auch während des Schreibens). Und Du weißt gerade beim besten Willen nicht, wieso er so ist.

Du könntest natürlich Dir irgendeine „Ausrede“ überlegen oder Du fragst direkt Deine Figur.

Nimm Dir dafür eine halbe Stunde oder Stunde Zeit und etwas zu schreiben. Das kann an Deinem PC sein, per Hand oder mit einem Diktiergerät. Wenn Deine Figur zugänglich ist, dann stell ihm (ja, auch männliche Charaktere dürfen zickig sein 😉 ) direkt die Frage, was ist denn mit Dir gerade los?

Du kannst Dich dem Thema auch langsam nähern, indem Du das Gebiet umkreist und immer näher und näher an das eigentliche Thema heranpirscht. Und am Ende hast Du dann die Antwort für Deine momentane Szene.

Es mag sich für Dich vielleicht etwas esoterisch anhören. Aber wenn Du Deine Figuren gut ausgearbeitet hast, entwickeln sie ein gewisses Eigenleben. Denn sie reagieren logisch. Und daher bekommst Du auch Antworten auf Deine Fragen. Weil sie auf eine bestimmte Art und Weise reagieren.

Daher lohnt sich eine gute Ausarbeitung der Charaktere durchaus.

Ich mag eher das freie Interview. Das bedeutet, dass ich mir eine gewisse Zeit nehme, mich hinsetze und dafür Sorge, dass ich nicht gestört werde. Die Zeiten selbst können durchaus variieren. Mal dauert es nur wenige Minuten, mal kann es bis zu eine halbe Stunde oder sogar länger gehen.

Und dann fange ich ganz einfach an. Mit Fragen wie, wie geht es dir oder was machst du so, gehe ich quasi ins Interview rein. Manchmal frage ich die Figur auch, ob diese mir etwas erzählen möchte. Egal wie, Hauptsache wir kommen ins Gespräch.

Es geht hierbei nicht nur um die Informationen, die von den Figuren bekommst. Die sind schon eine Menge wert. Daher finde ich es besser, wenn das Interview erst dann gemacht wird, wenn man ein wenig über die Figuren Bescheid weiß.

Klar kannst Du auch ganz am Anfang das Interview führen. Aber ich finde es selbst nicht zielführend, weil Du noch nichts weißt. Daher kannst Du theoretisch noch nicht viel mit den Informationen anfangen.

Natürlich kannst Du es auch einfach ausprobieren und sehen, wohin Dich das führt. Eventuell hilft es Dir mehr als es bei mir getan hat.

Es ist aber nicht nur interessant was für Antworten Du am Ende bekommst. Sondern auch die Art, wie der Charakter mit Dir redet. Es kann sein, dass sie oder er ganz lässig daher kommt oder fresch, schüchtern oder offen. Das sind alles Hinweise, mit denen Du am Ende arbeiten kannst, um Deiner Geschichte mehr Tiefe zu geben.

Auf diese Art und Weise kannst Du herausfinden, mit welcher Stimme Deine Figur spricht. Und das ist etwas völlig anderes, als die AutorInnenstimme (also wie Du Deine Geschichten schreibst).

In einer Geschichte habe ich mit der Hauptfigur ein Interview geführt. Immer wieder habe ich den Charakter direkte Fragen gestellt um herauszufinden, was er so denkt oder wie er handelt. Dabei bemerkte ich irgendwann, dass er mir andauernd ausweicht. Nie antwortet er direkt. Und wehe ich habe etwas gefragt, was ihn direkt betraf. Da macht er regelrecht zu. Da begriff ich, er redet ungern über sich selbst. In dieser Hinsicht ist er extrem zurückhaltend.

Ich ahnte, dass er ein solcher Charakter ist. Doch erst mit dem Interview hatte ich es schwarz auf weiß, dass er wirklich so ist. Das war durchaus faszinierend.

Natürlich hätte ich dies auch in seinem Charakterblatt oder in sein Charakterexposé schreiben können: Er redet ungern über sich. Das wäre auch legitim gewesen. Aber dank des Interviews hatte ich auch die Art und Weise gesehen, wie er mir auswisch. Das hätte ich selbst niemals anders darstellen können.

Ich betone, ICH selbst hätte es nicht anders darstellen können. Andere sehen das sicherlich anders. Und auch das ist legitim 🙂

Du kannst das Interview wie folgt durchführen:

Mit Deinem PC. Öffne einfach ein Schreibprogramm Deiner Wahl und schreibe drauf los. Eventuell möchtest Du eine einfache Tabelle machen (mit einer Spalte). Jede Zeile ist dann für einE InterviewpartnerIn gedacht.

Also die erste Zeile für Dich und Deine Frage und die zweite Zeile dann für die Antworten Deines Charakters und so weiter. Immer mit der TAB Taste in die nächste Zeile um zwischen Dir und Deiner Figur hin- und herzuspringen.

Der Vorteil hierbei ist definitiv, dass Du es schon am PC hast und daher die Antworten gegebenenfalls in Deine Geschichte hineinkopieren könntest, wenn Dir eine sehr gut gefällt. Oder Du kannst das Geschriebene ausdrucken, um es Offline weiter zu verwenden.

Natürlich kannst Du auch das Interview per Hand führen. Damit bist Du völlig unabhängig von der Technik und kannst immer und überall was dazu schreiben. Und sehr häufig sind die Menschen, die mit der Hand schreiben, um einiges kreativer, weil sie einfach drauf los schreiben, dass Gehirn mit der Hand verbinden und nicht über einen toten PC oder Laptop.

Der Nachteil ist ganz klar, dass Du gegebenenfalls das Interview abtippen möchtest, willst Du es auf Deinem Computer haben. Und gerade wenn Du viel schreibst, wäre das sehr aufwändig. Daher mache ich es manchmal auch gar nicht, sondern hefte es ab und nutze es, wenn ich es brauche.

Natürlich kannst Du auch ein Tonbandgerät benutzen, um Dich völlig auf das Interview zu konzentrieren. Du musst nicht nachdenken, was Deine Figur gerade gesagt hat, sondern sprichst einfach, wie Deine oder seine / ihre Schnauze gewachsen ist.

Wenn Du jemanden hast, mit der oder dem Du an Deiner Geschichte arbeiten kannst, wäre vielleicht ein richtiges Interview nicht schlecht. Du bist Dein Charakter und DeinE PartnerIn (als SchreibpartnerIn 😉 ) ist der / die InterviewerIn. Gib ihr / ihm einige erste Fragen in die Hand und dann seht, wohin Euch das Interview führt.

Da es ein agieren zwischen euch beiden ist, könnte es sein, dass Dir spontan Äußerungen rausrutschen, an die Du so nie gedacht hättest.

Natürlich hat das Interview einige Nachteile. Es ist aufwändig und Du musst für Dich heruasfinden, welche Variante für Dich die passende ist. Ich bin aber der Meinung, dass die Vorteile, also das finden der Stimme für Deine Figuren oder auch der Informationsgehalt, dass alles wieder aufwiegt.

Ich wünsche Dir hierbei viel Spaß. Und wer weiß zu welchen Schlüssen Du kommst.

Und da ich mich scheinbar gerne widerhole, hüstel, hier die Links zu den anderen Interviewbeiträgen 😉

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Über Frau Schreibseele

eine schreibende, die auf den weg zu ihrer ersten geschichte ist. und bis dahin gibt es beiträge rund ums schreiben, lesen und erleben auf meinem blog :)
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