[Schreibübung] Der erste Satz

Ich weiß nicht, wie es Dir geht. Aber wenn ich eine Geschichte oder auch nur ein Kapitel anfange, sitze ich da und winde mich minutenlang vor dem allerersten Satz. Wenn ich aber den ersten Satz überwunden habe, gelegentlich auch den ersten Absatz, geht es bei mir rund. Dann muss ich mir keine Gedanken mehr machen, was ich schreibe und wie ich schreibe. Ich tippe wie eine Weltmeisterin vor mich hin.

Aber der erste Satz ist eine Hemmschwelle bei mir.

Und das Wissen, dass man diesen ja noch gefühlte einhundert Mal ändern kann, bevor ihn irgendjemand zu Gesicht bekommt, hilft leider auch nicht viel. Dabei ist es ja eine Tatsache. Das Geschriebene ist erst dann in Stein gemeißelt, wenn es veröffentlicht wurde. Und wenn Du es nur als E-Book vertreiben willst, dann noch nicht einmal zu diesem Zeitpunkt.

Wenn Du was ändern willst, passt Du es einfach an und veröffentlicht es einfach neu. Bei Büchern sieht die Sache natürlich etwas anderes aus. Aber die Zeiten haben sich in dieser Hinsicht geändert (ob das gut oder schlecht ist, kann diskutiert werden, aber nicht hier 🙂 ).

Liest man aber dann in einigen Schreibratgebern, dass der erste Satz unglaublich entscheidend ist, mitunter der entscheidenste Satz des ganzen Romans (immerhin soll er die LeserInnen sofort in die Geschichte, also in medias res reinzerren), sogar noch wichtiger als die ersten drei Seiten, kann man durchaus unter Druck geraten.

Und sagen wir mal so, sehr häufig entscheide ich schon nach dem ersten Satz, ob ich ein Buch kaufe oder nicht. Klar, die Inhaltsangabe lese ich durch. Wenn ich online Bücher kaufe, dann auch schon mal die Rezensionen (auch und insbesondere die negativen Bewertungen ebenfalls). Aber der erste Satz muss bei mir bei einem veröffentlichten Buch schon sitzen. Dann macht es mir auch Spaß weiterzulesen.

Dass das nicht immer ein guter Kaufratgeber ist, habe ich schon zu oft feststellen müssen. Aber meistens hält der erste Satz schon, was er verspricht.

Ich kann mich noch erinnern, dass ich vor Jahren ein Buch der Krimiautorin P.D. James gelesen habe. Der erste Satz (leider weiß ich nicht mehr den Titel, sorry) ging sinngemäß so: „Der Morgen, an dem der Mord geschah, war wunderschön.“ So oder so ähnlich. Auf alle Fälle wurde im ersten Satz erwähnt, dass an diesem Tag ein Mord geschehen würde.

Und das darf ruhig sein. Denn wenn ich einen solchen Satz habe, dann sitze ich natürlich da und will wissen, wer wird ermordet, wann an diesem Tag geschieht der Mord und wer ist der oder die MörderIn. Das sind durchaus erlaubte Lockelemente.

Aber das beste ist, Du kannst das üben. Und heute bekommst Du mit einem Blogbeitrag, gleich zwei Übungen mit 🙂

  1. Schnapp Dir einige Deiner Bücher. Das können gute sein oder auch schlechte, Romane, Novellen, Kurzgeschichten, was auch immer Du hast und was Dich fesselt.
    Kleiner Tipp: Unter anderem bei amazon hast Du die Funktion „Blick ins Buch“. Da sind meistens die ersten paar Seiten des Buches zu finden, also auch der erste Satz. Notfalls greif darauf zurück. Und eventuell fasziniert Dich ja die eine oder andere Geschichte, dass Du gleich das Buch noch dazu kaufst ;)Schreibe ruhig den ersten Satz auf ein Blatt Papier und mache Dir Gedanken, was er über den Rest der Geschichte aussagst. Was kannst Du allein aus diesem Satz herausfinden? In was für einem Genre wurde die Geschichte geschrieben? Wer könnte die Hauptfigur sein? Wo befinden wir uns gerade?
    Und so weiter und so fort.
    Du sollst jetzt keinen detaillierten Aufsatz schreiben, der bis ins letzte Detail alles analysiert (außer natürlich Du willst es). Einige Notizen reichen schon aus. Das lohnt sich besonders, wenn Du danach den Roman durchliest. Dann kannst Du überprüfen, ob Deine Gedanken richtig waren oder wie weit Du von der realen Geschichte abgekommen bist. Und dann kannst Du Dich fragen, wie das gekommen ist.
    Dafür eignen sich auch Anthologien (https://schreibkasten.wordpress.com/2015/02/09/was-bedeutet-anthologie/). Du hast innerhalb eines Buches mehrere Geschichten und damit mehrere Satzanfänge. Und zudem kannst Du die Geschichte um einiges schneller durchlesen, als einen kompletten Roman. Das bedeutet, dass Du schneller Deine Gedanken zum Satzanfang überprüfen kannst.
  2. Schreibe selbst erste Sätze für Deine Geschichten.
    Setze Dich jeden Tag hin und schreibe einen ersten Satz. Das kann für Geschichten sein, die Du gerne schreiben möchtest, aber auch für Geschichten die Du im Kopf hast und (noch) nicht schreiben willst oder einfach erste Sätze.
    Es geht hier um die Übung. Je mehr Du übst spontan einen ersten Satz zu schreiben, desto weniger wirst Du Angst davor haben, vor einem weißen Blatt zu sitzen und anzufangen.Gerade wenn Du den ersten Satz für eine Geschichte schreibst, an der Du arbeitest oder arbeiten möchtest, behalte diesen auf.

    Kleiner Tipp: Ein erster Satz, bzw. überhaupt ein Satz, muss nicht kurz sein. Im ersten Band der „Kushiel Saga“ geht der erste Satz über einen kopletten Absatz. Und ich behaupte immer noch, dass mein Deutschlehrer im Abitur von einem Buch erzählt hat, der komplett aus einem Satz bestand. Damals hatte ich mir sogar Namen des Autors / der Autorin und Titel aufgeschrieben. Aber nach so vielen Jahren weiß ich nicht mehr, wer das war.

Einfach üben und dann wirst Du tolle erste Sätze hinbekommen. Und dann ist der Rest auch kein Problem. Davon bin ich überzeugt.

Advertisements

Über Frau Schreibseele

eine schreibende, die auf den weg zu ihrer ersten geschichte ist. und bis dahin gibt es beiträge rund ums schreiben, lesen und erleben auf meinem blog :)
Dieser Beitrag wurde unter Sonntag - Schreibübung abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s