[Ein Jahr, ein Roman] Von Stammbäumen und Herkunftsfamilien

Schon in früheren Beiträgen habe ich geschrieben, dass es durchaus interessant sein kann zu wissen, woher die Figur kommt, also die Ursprungsfamilie zu kennen. Als Beispiel kannst Du Dir mal die AhnInnentafel von Königin Viktoria ansehen (http://de.wikipedia.org/wiki/Victoria_%28Vereinigtes_K%C3%B6nigreich%29#Ahnentafel). In diesem Beispiel kannst Du sehen, wer ihre Eltern waren, ihre Großeltern und ihre Urgroßeltern. Wenn Du auf die Links klickst, findest Du die ganzen Informationen und weißt, wer sie letztendlich so geprägt hat.

Die meisten von uns kennen höchstens zwei Generationen, die Eltern und die Großeltern. Gelegentlich kommen noch die Urgroßeltern dazu, dass ist aber eher selten und vor allem, ist danach meistens Schluss. Doch auch die Generationen davor prägen uns.

In einem Buch von Jostein Gaarder (das ist der, der Sofies Welt geschrieben hat), stand mal, dass wir uns eigentlich richtig glücklich schätzen können. Denn wir haben die Lebenslotterie gewonnen. Schau Dir mal unsere Vergangenheit genau an: Kriege, Pest, Hexenjagden, Hunger und Verbrechen, etc., alles das haben uns Ahninnen und Ahnen mitgemacht und überlebt. Ansonsten wären wir nicht hier, so wie wir sind. Mit dieser Familie, mit diesem Erbe.

Und auch wenn wir es nicht so sehen mögen, aber das alles prägt uns über kurz oder lang.

Ein gutes Beispiel ist die Religion: Ursprünglich war Europa heidnisch, dann kam die christliche Religion (der Katholizismus), dann kam der Protestantismus und weitere Untergruppen.

Somit fingen so gut wie alle Familien mit den heidnischen Religione bzw. dem heidnischen Glauben an (auch wenn es der einen oder dem anderen nicht gefällt, aber es war so). Dann wechselten die Leute (mehr oder weniger freiwillig) zum katholischen Glauben (vorher gab es halt nichts anderes bezüglich des Christentums). Doch dann gab es die Wahl, man konnte weiterhin katholisch bleiben oder sich zum Protestantismus bekennen.

Und häufig lag es auch an den Wanderungen. Wenn Du, zum Beispiel, aus einem katholischen Land (sagen wir mal Bayern) nach Preußen eingewandert bist, dann konntest Du durchaus Deinem Glauben behalten (Religionsfreiheit spielte bei den Preußen durchaus eine Rolle, wobei ich glaube, wer katholisch war, war in Preußen nicht gaaaanz so beliebt 😉 ). Aber viele wechselten dann den Glauben.

Zwischenzeitlich wechseln dann die Leute erneut den Glauben und werden wieder heidnisch oder atheistisch (ich kenne da einige Beispiele).

So, weg von den Religionen 🙂 Aber diese Entscheidungen prägen Dich. Wenn Deine Familie weiterhin in Bayern geblieben werde (um beim Beispiel zu bleiben), wärst Du jetzt wohl dort geboren und im katholischen Glauben erzogen worden. Wenn sie aber nach Preußen gezogen sind, wäre es sehr wahrscheinlich, dass Du ProtestantIn geworden wärst. Also ein ganz anderes Schicksal.

Und das kann sich manchmal innerhalb von zwei oder drei Generationen entwickeln. Deine Urgroßeltern lebten noch in Bayern, Deine Großeltern wanderten aus und Deine Eltern sind schon echte Preußen.

Deswegen schaue Dir mal die Familie Deiner Figur an. Wenn Du weißt, woher sie kommt, weißt Du auch, wohin sie geht bzw. gehen kann.

Daher kann ein Stammbaum für Dich durchaus interessant sein. Die muss nicht über hunderte von Generationen zurückgehen (man muss es hierbei natürlich nicht übertreiben). Es reicht durchaus, wenn Du bis zu den Urgroßeltern zurückgehst. Wenn einige Generationen darüber noch jemand interessantes ist, den Du unbedingt aufführen musst, weil sie oder er eine wichtige Rolle im Roman spielt, ist das was anderes. Aber ansonsten reichen die Generationen.

Wie könnte man anfangen?

Ganz einfach, bei Deiner Figur. Schreibe den Namen, den Geburtsort und den Berufen. Falls sie/er Geschwister hat, kannst Du die auch aufführen. Aber erst einmal ist es auch in Ordnung, sie beiseite zu lassen.

Dann schaust Du Dir die Eltern an. Wer sind sie, was haben sie gemacht. Also auch hier, Name (mit Geburtsnamen, denn früher haben die Frauen den Nachnamen des Mannes angenommen, inzwischen machen es einige Männer andersherum), geboren am im Ort zum Datum und Berufe. Falls jemand verstorben ist, dann notiere Dir auch die Daten, also Sterbetag, dann den Ort und der Grund.

Schreib hier nur die Eckdaten auf. Dann kannst Du in die nächste Generation (also zu den Großeltern gehen). Fang am besten mit einer Hälfte der Eltern an, also entweder Mutter oder Vater. Ist übersichtlicher. Auch hier die Eckdaten aufschreiben.

Und wenn Du möchtest, gehst Du noch zu den Urgroßeletern. Auch hier gilt, immer ein Großelternteil nach dem anderen abarbeiten. Danach könntest Du noch wichtige Personen in der Vergangenheit aufnehmen, aber das liegt an Deiner Figur.

Warum aber überhaupt die ganze Arbeit? Gut, jetzt weißt Du, woher Deine Figur kommt. Du kannst noch zusätzlich die politische Einstellung, religiöse, allgemeine Weltanschauung notieren und darauf zurückgreifen.

Gerade wenn Deine Figur Probleme mit einem Elternteil hatte, mit beiden, mit den Großeletern oder wie auch immer, kannst Du alles über den Stammbaum dies nachvollziehen. Gerade dann, wenn die Eltern oder Großeltern einen bestimmten Beruf hatten und das Kind nicht mitziehen will. Dann wird ein gewisser Druck aufgebaut, gegen das sich das Kind (Deine Figur zum Beispiel) wehren muss. Oder es folgt artig den Weisungen der Eltern, erst einmal, und muss lernen sich daraus zu befreien.

Das gilt für alle Bereiche, die Du entsprechend beschreiben möchtest.

Oder Du möchtest eine Abwandlung einer Romeo und Julia oder auch Cinderella Geschichte schreiben. Dann kannst Du hier schauen, wer hat das Geld verdient, aus welchem alten Adel stammen die Familien und so weiter.

Es geht hier in erster Linie um den Informationsgewinn für Deine Figur. Je mehr Du über sie weißt, desto tiefer kannst Du in die „Seele“ blicken. Wobei ich gestehe, für einen Einzeltitel oder für eine Reihe, wo die Figuren nur einmal auftauchen, da darf man sich schon Fragen, lohnt sich der ganze Aufwand? Das musst Du bitte selbst entscheiden.

Als zusätzlich Übung kannst Du auch noch folgendes machen:

Such Dir einen oder auch mehrere Familienmitglieder aus Deinem Stammbaum aus und schreibe eine Szene wie sie miteinander agieren. Eine meiner Figuren musste mal mit ihrer Schwester agieren. Und dabei entdeckte ich viele Seiten an ihr, die ich so gar nicht kannte.

Gegenüber Freundschaften verhalten wir uns sehr häufig zurückhaltend, freundlich, eben nett. Der Partner oder die Partnerin sieht schon eher unsere wahre Seite. Gerade wenn die Beziehung schon länger dauert. Aber wer kennt uns besser als die Menschen mit denen wir groß geworden sind oder die uns auch den Hintern abgewischt haben?

Hier findest Du eine völlig andere Dynamik, die Du sonst nicht erleben wirst.

Meine Empfehlung ist ganz klar, schnapp Dir Scapple (damit geht es einfacher) oder ein großes Blatt Papier und leg los. Hab Spaß, schneide Bilder aus, finde heraus mit wem Du es zu tun hast. Und lasse Dich überraschen, was Du am Ende alles in den Händen halten darfst.

Advertisements

Über Frau Schreibseele

eine schreibende, die auf den weg zu ihrer ersten geschichte ist. und bis dahin gibt es beiträge rund ums schreiben, lesen und erleben auf meinem blog :)
Dieser Beitrag wurde unter Ein Jahr, ein Roman abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s