[Schreibratgeber] Zwischen Oberflächlichkeit und Perfektion

Ach, dass ist jetzt nicht so wichtig, dass ich da noch recherchiere. Wenn ich an der Oberfläche bleibe, ist das auch in Ordnung. Es geht um die Figuren und um die Geschichte, nicht unbedingt um den Hintergrund. Die ganzen Fakten kann ich bei Bedarf noch recherchieren und gegebenenfalls hinzufügen. Und wenn ich nur die Eckdaten aufführe, dann ist das auch in Ordnung.

Verdammt, ich weiß noch nicht genug. Ich muss noch ein paar Bücher zum Thema kaufen und ein paar Internetseiten durchschauen. Das muss ich richtig recherchieren und richtig schreiben. Ansonsten blamiere ich mich und bekomme schlechte Rezis im Internet. Und dann kann ich die Geschichte vergessen. Ich muss mich dahinter klemmen.

Wenn Du Dich bei einem der beiden Aussagen angesprochen fühlst, dann ist der Beitrag hoffentlich etwas für Dich. Diese Woche habe ich angefangen das Buch „The Love and Power Journal“ von Lynn V. Andrews zu lesen. Und in dem Vorteil stand ein guter Hinweis drinnen, der überall im Leben Anwendung findet. Darum geht es letztendlich auch in diesem Beitrag.

Schon oft hatte ich Bücher in der Hand, wo ich mich drei Mal gefragt habe, warum wurde das eigentlich veröffentlicht. Und dabei schreibe ich hier noch nicht einmal von der Geschichte. Es ist nervig, wenn die Figuren wie wandelnde Klischees daher laufen und man sich fragt, wie können die eigentlich überleben (bei der mangelnden Gehirnmasse). Und wenn dann noch die Geschichte schwach ist, hei, ich bin die Erste, die dem Buch einen Freiflugschein gegen die Wand schenkt.

Wenn aber dann noch fehlerhafte historische oder wissenschaftliche oder was weiß ich für Daten hinzukomme, die ICH als Noob sogar feststellen kann, dann ist Schluss mit lustig.

Denn sehr häufig lese ich „schlechte“ Bücher (schlecht deswegen in Anführungszeichen, weil das immer noch eine subjektive Entscheidung ist), weil ich der Meinung bin, dass es so gesehen keine schlechte Bücher gibt. Aus jedem Buch kann man etwas mitnehmen, lernen und daran wachsen.

Doch wenn alles zusammenkommt, gebe sogar ich durchaus auf (und ich bezeichne mich schon gelegentlich als Dickkopf).

Bücher, die mit hysterischer Perfektion geschrieben sind, sind mir wohl nicht untergekommen, weil die aller Wahrscheinlichkeit noch nicht den Weg in die Bücherläden gefunden haben. Wie soll man also ein Werk beurteilen, welches die Autorin bzw. der Autor immer als schlecht bezeichnet, wenn das eine Buch noch fehlt?

Der goldene Mittelweg ist hier durchaus der richtige Pfad auf dem wir uns bewegen sollten. Ein wenig Oberflächlichkeit und ein wenig Perfektion. Das wäre doch wundervoll.

Da ich zur Sorte „hysterische Perfektion“ gehöre, muss ich mich selbst am Riemen reißen und dafür Sorgen, dass ich eines Tages meine Babys loslasse. Aber ich habe mir Gedanken zum Thema gemacht und werde versuchen folgende Punkte umzusetzen.

  1. Akzeptiere, dass es keinen perfekten Roman gibt (Perfektion)Zwar wünschen wir uns ihn, den perfekten Roman, den alle LeserInnen lieben und wofür es nur perfekte, wohlwollende, ausführliche 5-Sterne-Rezis gibt. Aber seien wir doch mal ganz ehrlich, dieses Meisterwerk gibt es nicht.
    Schau Dir mal die ganzen Rezensionen zu verschiedenen Bücher an. Dort findest Du (wenn die Bewertungen auch wirklich ehrlich sind) von einem bis zu fünf Sternen alles. Sogar die literarischen Klassiker von Jane Austen bis hin zu Rudyard Kipling werden nicht immer positiv bewertet. Und man möchte meinen, dass sie, aufgrund ihres Alters, einen gewissen Negativrezischutz genießen. Träum weiter.
    Du darfst also nicht erwarten, dass gerade Dein Roman zu den perfekten Werken der Geschichte eingeht. Das wird (leider) nicht geschehen. Denn Deine LeserInnen sind Menschen. Den einen wird es gefallen und die anderen werden es eben nicht mögen. Und je eher Du das akzeptierst, desto besser ist es für Deine Seele.
  2. Du verärgerst einen Teil Deiner LeserInnen (Oberflächlichkeit)Wenn Du zu sehr an der Oberfläche bleibst und überhaupt nicht recherchierst oder denkst, dass die Regeln von heute auch auf eine vergangene Zeit 1:1 angewandt werden kann, wirst Du über kurz oder lang Deine LeserInnen verärgern.Vor ein paar Jahren habe ich einen Roman gelesen, auf das ich mich sogar richtig gefreut habe. Es spielte im viktorianischen England. Aber mir schien es, als habe die Autorin eine Geschichte in der Gegenwart geschrieben. Und als sie keinen Verlag dafür fand, hat sie einfach die Zeit geändert, ein paar Sachen hinzugefügt, einige weggelassen und dann war es das auch schon.
    Wenn die Autorin da recherchiert hat, dann habe ich davon nichts bemerkt. Und mir reichte hier das Lesen anderer Werke aus der gleichen Zeit um zu sehen, dass da eklatante Fehler auftauchten.

    Und so etwas bleibt bei einigen durchaus hängen. Schlimmstenfalls setzen sich auch genau die hin, schreiben eine ausführliche Rezi – oder auch ein Veriss – und dann könnte es sein, dass diese Worte die große Runde machen.
    Du muss nicht viel recherchieren, aber so viel, dass Du Deine LeserInnen nicht verärgerst.

  3. Du hältst Dich von der Veröffentlichung ab (Perfektion)Wenn Du – so wie ich – der Meinung bist, dass Du noch dieses Buch und jene Internetseite mit der superwichtigen Information brauchst, wirst Du über kurz oder lang nicht veröffentlichen.Hier, bei mir, habe ich vier Bücher zu einem wissenschaftlichen Thema, was ich bearbeiten und in abgewandelter Form dann in meinem aktuellen Roman einbringen möchte. Und das ist keine leichte Koste (behaupte ich mal).
    Zudem habe ich in den letzten beiden Tagen gut zwanzig Bücher zu einem anderen Thema auf meine Bücherwunschliste gesetzt, damit ich sie mir nach und nach holen kann, um diese durchzuarbeiten und in meinem Roman einzubringen (und heute sind noch ein paar dazu gekommen).

    Und das beste ist, vielleicht für ein oder zwei Szenen.

    Natürlich soll man sich nicht mit dem kleinsten Informationsbatzen zufrieden geben, wenn man es richtig machen kann (zumindest behaupte ich das mal).

    Aber was ist eben dieses Richtige und was ist eben dieses übertriebene?

Das ist natürlich die Frage, wann ist genug eben einfach genug und wann ist dieses genug zu viel oder auch zu wenig. Darüber können wir, theoretisch gesehen, stundenlang diskutieren und werden zu keiner Lösung kommen. Denn in erster Linie musst Du mit Deinem Werk zufrieden sein und Dich damit wohlfühlen. Alles andere ist sowieso reiner Blödsinn.

Mache Dir eine Liste zu den Themen, die Du einbringen möchtest. Plane also Deine Recherche (https://schreibkasten.wordpress.com/2015/02/21/samstagsgedanken-plane-deine-recherchen/). Überlege Dir genau wo Du wichtige Informationen aus anderen Quellen einbringen möchtest. Das kannst Du auch in Deinem Plotpaln entsprechend festhalten.

Dann recherchiere nur diese Themen. Nicht mehr und nicht weniger. Wenn Du, nehmen wir mal ein paar Themen, zu folgenden Punkten etwas schreiben willst (ich liste mal was auf):

  • Sonnenstrahlung,
  • Katzenhaarallergie
    und
  • schwarze Löcher in unserem Sonnensystem

dann darfst Du auch nur zu diesen Themen ein Ergebnis abliefern. Wenn Du von den schwarzen Löchern in unserem Sonnensystem zu einer weltweiten Verschwörung der Katzen kommst, welche die Sonnenstrahlung dazu nutzt um uns zu Dosenöffner zu machen (was natürlich absoluter Blödsinn ist, denn das sind wir sowieso schon 😉 ), dann heißt es ganz klar: FINGER WEG!!!

Natürlich darfst Du Dir diese Fragen aufschreiben. Wenn Du möchtest, beschaffe Dir ein schönes Notizbüchlein und schreibe sämtliche Fragen, weiterführende Themen und sonstiges auf. Detailliert. Also, wie bist Du auf diese Frage gekommen, wo hast Du bereits was darüber gelesen, eventuell Büchertitel oder Internetseiten. Egal was, schreib es Dir auf.

Dann leg das hübsche Notizbüchlein beiseite und arbeite weiter 🙂

Wenn Du fertig bist mit Deinen Recherchen, gilt, weiterhin Finger Weg von Deinem Notizbüchlein. Schreibe Deinen Roman und nutze ruhig die Informationen, die Du Dir erarbeitet hast. Nicht mehr.

Achte beim schreiben darauf, ob Du nicht doch noch weitere Punkte recherchieren musst. Notiere sie Dir in Deinem Notizbüchlein. Aber es gilt immer noch: Finger weg von den weiteren Recherchen.

Wenn Du, nachdem Du Deinen Roman fertig geschrieben hast, feststellst, Du musst noch etwas zu Wurmlöcher recherchieren, über Hagebutte und Golden Retriever, dann ist das in Ordnung. Recherchiere und arbeite Dich durch das Gewühl.

Aber jetzt weißt Du, worauf Du Dich wirklich einlässt und hast einen Leitfaden. Denn Deine Geschichte ist fertig und Du feilst an den Enden. Das war etwas, was Du vorher nicht machen konntest, weil Du einfach kein fertiges Werk hattest.

Natürlich werden einige sagen, warum überhaupt vorher recherchieren, man könnte es sowieso erst nachher machen. Stimmt schon, dazu sage ich nichts. Aber vielen fällt es schwer mit nichts in den Händen sich auf das Abenteuer „Roman schreiben“ einzulassen. Das muss man akzeptieren. Zumindest gehöre ich zu der Sorte. Denn ich habe schlichtweg das Gefühl, dass ich nicht genug weiß, um die Geschichte richtig zu schreiben. Wenn ich aber wenigstens die Grundlagen in den Händen halte, dann kann ich überhaupt loslegen.

Aber es könnte ja sein, dass ich eine wichtige Information erhalte, welche die Grundstruktur meiner Geschichte ändert. Und dann müsste ich den kompletten Roman umändern. Dieses Gefühl plagen mich dann durchaus.

Such Dir also Deinen Weg zwischen der ungenügenden Oberflächlichkeit und der hysterischen Perfektion. Es ist Dein Weg und nur Du weißt, was Dir letztendlich zusagt.

Aber vor allem … schreibe 🙂

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Über Frau Schreibseele

eine schreibende, die auf den weg zu ihrer ersten geschichte ist. und bis dahin gibt es beiträge rund ums schreiben, lesen und erleben auf meinem blog :)
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