[Ein Jahr, ein Roman] Charakter – Deine Figur in einer (un)gewohnten Situation

Es geht langsam Richtung Ende des Charakterdesigns und daher gibt es mehr und mehr rund um das Verhalten der Figur. In meinen Augen ist das jetzt kein Muss, wenn Du das nicht möchtest. Aber es empfiehlt sich schon tief in das Verhalten Deiner Figur einzutauchen, damit Du verstehst, wieso sie reagiert wie sie reagiert. Und auch, wie reagiert Deine Figur überhaupt?

Daher ist ein reines Schreiben rund um Deine Figur durchaus ideal. Denn es hat mehrere Vorteile. Du lernst Deine Figur richtig kennen und Du übst Dein eigenes Schreiben einfach. Aber dazu werde ich noch einmal einen Samstagsbeitrag verfassen 🙂

Heute geht es um folgendes: Deine Figur kommt aus einer bekannten Welt (die Ausgangssituation oder The Ordinary World) und soll im Laufe der Geschichte in eine ihr unbekannten Welt hineingeschubst werden. Das ist die Idee hinter einer Geschichte.

Das gilt auch, wenn Deine Figur in ihre bekannte Umgebung bleibt (nicht überall gehen die HeldInnen auf große Reise, verlassen die Heimat und erleben in der Fremde großartige Abenteuer). Zum Beispiel bleiben in Krimis die ErmittlerInnen in der Heimatstadt (gelegentlich wanderen sie auch aus, aber wir gehen vom Normalfall aus). Jedoch müssen sie in die Fremde gehen, indem sie das Leben des Opfers aufsuchen, um herauszufinden, mit wem sie es zut un haben, Und natürlich auch in die Psyche des Täters oder der Täterin hineinblicken. Das kann man dann auch die Fremde bezeichnen. Und wenn sie den Mord aufgeklärt haben, kehren sie wieder in die Heimat zurück, zum Beispiel an ihren Schreibtisch.

Um zu wissen, wie weit Deine Figur überhaupt gehen kann (emotional, physisch, psychisch), ist es gut zu wissen, woher sie überhaupt kommt. Wenn Deine Figur eine behütete Kindheit hat, eine gute Ausbildung und was weiß ich, kann sie anders mit bestimmten Herausfoderungen umgehen. Hat sie aber eine *bescheidene* Kindheit gehabt, keine Spezialausbildung sondern hat sich alles selbst beigebracht, kann es sein, dass sie schneller an etwas zu Bruch geht, aber anders auf bestimmte Situationen reagiert.

Das kannst Du erst herausfinden, wenn Du eben weißt, woher sie kommt. Zwar werde ich im Rahmen des Plottings (ab Juni, nur zur Info) noch einmal gesondert darauf eingehen. Aber wir können hier schon einmal anfangen. Damit ersparst Du Dir später ein wenig Arbeit 🙂

Also überlege Dir zuerst, woher kommt überhaupt Deine Figur. Ja, schreibe ihre ganze Lebensgeschichte auf. Aus den letzten Übungen hast Du sicherlich einige Grundlagen, mit denen Du nun arbeiten kannst. Schreibe aber hierzu einen Fließtext. Aus der Ich Perspektive, aus der Sie/Er Perspektive, dass ist egal, solange Du Dich damit wohlfühlst.

Es geht hierbei wirklich um: Sie/Er wurde geboren am, dabei waren die ersten Anzeichen des Lebens schon schwer, weil … und so weiter und so fort. Wenn Du etwas poetisch werden willst, halt Dich nicht zurück. Denn auch durch solche Texte kannst Du herausfinden, wie die Stimme Deiner Figur ist. Und eventuell findest Du hier erste Textbausteine für Deine Geschichte, solltest Du Dir überlegen eine Rückblende einzubauen.

Zwar darf man ruhig vorsichtiger mit Rückblenden sein, aber in einem solchen Text kannst Du sehen, welche eventuell wichtig wären und welche überhaupt nicht.

Wenn Du die Ausgangssituation Deiner Figur bzw. Deiner Figuren schreibst, brauchst Du Dich ausnahmsweise mal nicht zurückzuhalten. Schreib was das Zeug hält. Nein, Du musst nicht jedes Detail bis zum erbrechen auflisten. Nur weil Du freie Hand beim schreiben hast, heißt das noch lange nicht, dass Du deswegen übertreiben musst 😉

Schreib also einen Text für Deine Figur und erzähle alles, was Dir wichtig ist.

Jetzt kommen wir zu den Szenen, die heute das Thema sind.

Wenn Du Dich in einer Situation befindest, die Du kennst, wo Du Dich wohlfühlst und weißt, wer wie was wo ist, macht und so weiter, reagierst Du auf eine bestimmte Art und Weise. Du schaust Dich anders um, im Grunde genommen nicht intensiv, weil Du alles kennst, dein Herzschlag und Deine Atmung ist anders, ruhiger, weil Dir Deine Umgebung vertraut ist. Und Deine Schritte sind auch anders, meistens selbstsicher und größer.

Befindest Du Dich in einer vertrauten Umgebung, musst Du nicht selbstsicher oder Extrovertiert sein, um anders zu reagieren, als in einer komplett fremden Umgebung. Zumindest fällt es mir so auf. Und hei, ich gehöre zu der schüchternen und introvertierten Gruppe von Menschen – leider. Trotzdem reagiere auch ich anders, wenn ich in einer mir bekannten Umgebung bin. Und dank meiner aktuellen Ausbildung kann ich das definitiv bestätigen.

Dann leg jetzt mal los 😉 Wie reagiert Deine Figur auf eine ihr bekannte Umgebung. Wenn Du über eine Polizistin schreibst, die sich an ihrem Schreibtisch setzt, wo sie die letzten zehn Jahre schon arbeitet und fast lebt, wie fühlt sich das für sie an? Oder wenn Du über einen Schmied schreibst, der seit über dreißig Jahren seine Schmiede betritt.

Schreibe erst einmal, wie es normalerweise für Deine Figur ist. Wie betrachtet sie die Umgebung und wie fühlt es sich an. Wenn sie etwas dabei denken, dann ist es in Ordnung, aber erzwinge es nicht. Lasse Deine Figuren aufgrund ihrer Lebenserfahrungen reagieren. Mehr nicht.

Im nächsten Schritt kannst Du Deine Figur sich ihrer Umgebung bewusst machen lassen. Wenn Deine Polizistin nach einigen Wochen Urlaub wieder zurück an ihren Schreibtisch kehrt, wie sieht sie ihre Umgebung. Oder der Schmied, der ein Jahr lang nicht in der Schmiede war. In beiden Fällen hat sich erst einmal nichts geändert und dann einmal schon. Du darfst Dich hier frei bewegen.

Aber wenn Du länger nicht an einem bekannten Ort warst, dann siehst Du meistens diesen mit anderen Augen. Ich kann mich noch erinnern, wie es als Kind war, nach drei Wochen Urlaub in mein Zimmer zurückzukehren. Mir schien alles für einige Zeit völlig fremd zu sein. Es war mir wohl vertraut, immerhin lebte ich in diesem Zimmer. Aber für kurze Zeit nahm ich alles anders wahr. War das bei Dir auch so? Dann erinnere Dich daran und baue es in Dein Text ein.

Nun schicke Deine Figur in eine ihr ungewohnte Situation. Es muss jetzt nicht sein, dass den Fantasyschmied auf einer Straßenkreuzung landet. Oder die Polizistin in eine Fantasywelt. Wobei das natürlich auch jederzeit erlaubt ist.

Es geht wirklich um eine ihr unbekannte Situation oder Räumlichkeit, in der sie vorher noch nie war. Nehmen wir mal an, der Schmied muss (warum auch immer, eine logische Begründung musst Du hierfür nicht liefern) fischen gehen. Er bleibt weiterhin im Dorf, aber es ist eine ihm völlig unbekannte Situation. Wie reagiert er darauf? Was geht ihm durch den Kopf? Wie verhält er sich?

Oder die Polizistin wird befördert und muss sich mit völlig neuen Aufgaben herumschlagen? Was macht sie, wie macht sie es und macht sie es gut? Hat sie Angst oder fühlt sie sich lässig dabei?

Wie Deine Figur darauf reagiert hängt auch davon ab, wie Du sie gestaltet hast. Eine extrovertierte Persönlichkeit wird auf eine entsprechende Situation völlig anders reagieren, als eine introvertierte.

In dem Sinne, tob Dich mit Deiner Figur aus. Wenn Du Inspirationen für die Szenen suchst, dann kannst Du auch die Tarotkarten verwenden. Schau Dir das Bild an und überlege, wie Deine Figur innerhalb der Szene auftritt und reagiert. Auf diese Art und Weise lernst Du auch noch die Karten kennen.

In dem Sinne, hab viel Spaß beim schreiben 🙂

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Über Frau Schreibseele

eine schreibende, die auf den weg zu ihrer ersten geschichte ist. und bis dahin gibt es beiträge rund ums schreiben, lesen und erleben auf meinem blog :)
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