Ich war noch niemals auf dem Mond, ich habe noch nie gemordet …

Hei, hallo und herzlich willkommen,

es gibt den Ratschlag, dass man nur darüber schreiben sollte, was man kennt. Aber ob das wirklich eine so gute Idee ist, darüber werden wir uns heute unterhalten.

Kurze Vorgeschichte

Norma Banzi hat vor einiger Zeit folgenden Zitat auf ihrem Profil veröffentlicht.

Ich sage es noch einmal gerne und frei von jeder Ironie. Frauen können glaubwürdige Romane über schwule Männer schreiben. Sie müssen dafür kein Mann sein.

Krimischriftsteller werden auch nicht ständig gefragt, ob sie schon einmal gemordet haben, um einen guten Krimi zu verfassen. Es gibt etwas im Kopf, das nennt sich Gehirn. Und damit kann man sich Geschichten ausdenken.

Was wir nicht aus eigener Erfahrung wissen, können wir recherchieren. Männer sind nicht sooo rätselhafte Wesen, dass es umgemein kompliziert wäre, sich gute Geschichten über sie auszudenken, auch die schwulen und bisexuellen nicht.

Die Autorin schreibt Gayromances und man wirft gerade diesen Autorinnen (die mehrheitlich weiblich sind) häufig vor, dass sie eigentlich keine Ahnung haben, was sie da überhaupt schreiben. Doch stimmt das wirklich? Dürfen nur zum Beispiel Schwule Gayromance schreiben? Oder nur verliebte Menschen Liebesromane? Wenn Du ein wenig Deine Fantasie jetzt spielen lässt, dann wirst Du wissen, welche Genres jetzt noch kommen können.

Ich war noch niemals in New York …

Wenn Du über reale Orte schreibst, dann musst Du Dich nicht auf die Orte beschränken, die Du schon besucht hast. Heutzutage gibt es das Internet und das bedeutet für Dich eine vielfältige Möglichkeit, an Informationen zu kommen und diese zu nutzen.

Jetzt könnte man einwerfen, dass Du auf diese Weise niemals dieses Gefühl einfangen wirst, welches man hat, indem man vor Ort ist. Das mag stimmen. Aber hei, Du bist eine Autorin bzw. ein Autor. Streng Deine Fantasie an und leg los. Wie könnte es sein in einer riesigen Stadt wie New York zu sein? Oder auf Hawaii?

Es gibt auch die Möglichkeit mit Menschen zu reden. Dafür hast Du das Internet. Du bist also nicht darauf beschränkt über Orte zu schreiben, die Du kennst.

… ich war noch nie auf dem Mond …

Wenn wir nur darüber schreiben würden, was wir kennen, hätten alle Science-Fiction Autorinnen und Autoren unter uns ein ganz schönes Problem. Denn ich bin mir ziemlich sicher, dass Du noch nie eine Klingonin oder einen Wookiee getroffen hast. Wie willst Du also über Wesen schreiben, die es vielleicht gar nicht gibt?

Auch hier gilt, streng einfach Deine Fantasie an und Deine Geduld. Denn Recherchen sind hier durchaus angebracht. Denn die Astrobiologie beschäftigt sich unter anderem damit, wie außerirdisches Leben wirklich aussehen könnte. Da sind sicherlich einige sehr interessante Ansätze für Dich und Deine Romane dabei.

… noch habe ich gemordet …

Zumindest hoffe ich, dass Du das noch nie gemacht hast. Aber Krimis wären undenkbar, wenn wir diese nur dann schreiben dürften, wenn wir jemand umgebracht hätten. Dann wäre Anne Perry uns definitiv im Vorteil.

Aber ich bin mir fast sicher, dass Du schon einmal in Deinem Leben eine richtige Mordswut hattest. Solch eine Wut, dass Du durchaus jemanden totschlagen könntest. Ich zumindest hatte eine solche Wut. Und dieses Gefühl kannst Du nutzen, um Deinen Mörder oder Deine Mörderin loslegen zu lassen.

… ich war noch verliebt oder hatte Sex …

Letztens wurde in einer Facebook-Gruppe die Frage gestellt, ob man Erotik schreiben dürfe, wenn man selbst noch nie Sex hatte. Oder auch, wenn man nie verliebt war, darf man dann Romancebücher schreiben?

Schauen wir uns doch mal das obige Zitat an. Warum sollten Frauen nicht über Schwule schreiben? Immerhin sind sie Frauen und können somit niemals nachempfinden, wie es ist, als Mann mit einem Mann Sex zu haben. Gut, sie könnten dann auch theoretisch nie aus der Sicht eines Mannes bei einer heterosexuellen Geschichte schreiben. Und wenn sie selbst heterosexuell sind, dann auch nie über Lesben.

Die Literaturlandschaft würde ziemlich traurig aussehen, würden wir darauf warten, endlich mal mit jemandem in der Kiste zu landen. Oder uns überhaupt zu verlieben. Gefühle nach zu empfinden ist natürlich eine Sache. Aber wenn Du schon einmal für jemanden geschwärmt hast, kannst Du das schon besser beschreiben.

Aber wenn Du über Liebe und Erotik schreiben willst, dann halt Dich nicht zurück.

… oder habe die Nazgul gejagt.

Natürlich wäre auch Fantasy nicht möglich. Wie solltest Du von einer Heldin oder einen Helden berichten, die über eine Ebene mit seltenen Blumen reitet, die Du selbst nie gesehen oder gerochen hast? Wie sie über die Jahrhunderte einer Legende verfolgen und nicht einmal wissen, ob sie jemals ihr Ziel erreichen?

Und auch hier hätten wir Probleme mit den Völkern. Wenn wir noch nicht einmal wissen, ob es sie vielleicht geben könnte, wie könnten wir über sie schreiben? Wir haben hier also ein ähnliches Problem wie bei den Science-Fiction Geschichten. Nur das hier noch Elemente hinzukommen, die man wissenschaftlich nicht erklären kann. Die Magie halt.

Deine Fantasie ist gefragt … und Recherche

Natürlich sind das bei Weitem nicht alle Genres, über die man schreiben könnte. Aber diese sollen als Beispiel erst einmal ausreichen. Sicherlich hast Du verstanden, worauf ich hinaus will.

Wichtig ist es halt, dass Du Dich in die Situation hinein versetzt und überlegst, wie Du die Geschichte darstellen kannst. Und wenn Du mitten in dieser Szene bist, dann kannst Du Dir überlegen, wie Du es selbst empfinden würdest. Notfalls holst Du Dir Hilfe von den Leuten, mit denen Du schreibst. Oder anderen Autorinnen oder Autoren. Es gibt genügend Möglichkeiten, um damit zu arbeiten.

Abschlussgedanken

Lass Dich bitte nicht von anderen beirren, die der Meinung sind, dass Du etwas nicht schreiben kannst, weil Du etwas nicht erlebt hast. Du selbst entscheidest ganz allein, ob Du diese Herausforderung annimmst oder nicht.

Würden wir uns nur darauf verlassen, was wir kennen und können, dann wären historische Romane genauso unmöglich wie Science-Fiction. Und da hat sich bisher auch noch niemand abhalten lassen. Also, leg los und schreibe Deinen Roman, wie Du ihn willst.

Deine Erfahrungen

Was hast Du schon so erlebt und könntest darüber in Deinen Romanen schreiben? Schnapp Dir Dein Notizbuch und fange an, darüber zu schreiben, was Dir so einfällt. Es stellt sich hier aber auch die Frage, willst Du überhaupt darüber schreiben oder ist es eher weniger Dein Fall?

Deine Romane

In welchem Genre schreibst Du? Und hast Du auch schon mal mit ähnlichen Vorurteilen zu tun gehabt, wie oben erwähnt? Wenn ja, wie bist Du damit umgegangen? Wenn nicht, wie willst Du mit diesen umgehen?

Überlege Dir jetzt schon, wie Du mit etwaigen Kritiken umgehen könntest, damit Du schon einige Argumente hast. Aber ein kleiner Tipp, verwende dafür jetzt nicht zu viel Zeit darauf. Sammle nur einige Hinweise, damit Du eine Grundlage hast. Vielleicht wirst Du nie in eine solche Situation gelangen. Dann wäre es reine Zeitverschwendung, wenn Du darüber stundenlang brüten würdest.

Was brauchst Du für Deinen Roman?

Überleg Dir, was Du für Deinen Roman als Grundlage brauchst und woher Du das Material bekommen kannst. Und dann leg los und besorge es Dir. Während Du gleichzeitig an Deiner Geschichte arbeitest.

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Über Frau Schreibseele

eine schreibende, die auf den weg zu ihrer ersten geschichte ist. und bis dahin gibt es beiträge rund ums schreiben, lesen und erleben auf meinem blog :)
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4 Antworten zu Ich war noch niemals auf dem Mond, ich habe noch nie gemordet …

  1. Nora Bendzko schreibt:

    Danke für diesen schönen Artikel zum Abend! Das Zitat der Gay Romance Autorin ist absolut treffend 😀

    Für mich war diese Frage eigentlich nie existent … ich schreibe vornehmlich Fantastik, also muss ich mich eh immer in etwas versetzen, von dem ich keine Ahnung habe (und der Leser auch nicht). Das hast du auch schön herausgestellt. Bei „realen“ Inhalten wird einfach noch oft der Anspruch gestellt, dass sie mit der faktischen Realität vereinbar sein sollen; was aber auch im Realismus nicht oft der Fall ist, hier verklärt der Schreibstil trotzdem einiges. Finde ich grundsätzlich gut. Ist nur nicht schön, wenn man Autoren mit dieser Argumentation versucht in Korsetts zu zwingen. Dafür ist die menschliche Vorstellungskraft doch viel zu groß ^_^

    Ich hatte meine erste Sexszene übrigens noch als Jungfrau in der Pubertät geschrieben. Da hatte ich mich auch gefragt: Kann ich das überhaupt? Letztendlich bin ich mehr emotional als explizit gewesen, aber das hat kein Leser moniert. Was ich vom Anatomischen nicht wusste habe ich Tante Google gefragt, und et voilà – ist niemandem aufgefallen. Inzwischen schreibe ich, öhm, erfahrener? *lach* Aber inzwischen traue ich mich auch, Themen wie Homosexualität explizit darzustellen, davon habe ich theoretisch ja auch keine Ahnung. Vor einem Jahr habe ich eine Liebesszene mit einem Zwitter total vermurkst (hier hilft Tante Google nicht so sehr) … da muss ich eben nochmal ran. Verbieten lasse ich es mir von niemandem, darüber zu schreiben 😉 Jeder wie er will und kann mit bestem Gewissen!

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    • Carola vom schreibkasten schreibt:

      Bei vielen Themen sagen sich die Leserinnen und Leser, guter Roman, nehme ich. Dabei gibt es keine Diskussion, ob es realistisch sein könnte oder ob ich darüber überhaupt schreiben dürfte. Dazu zählen unter anderem Krimis oder auch Fantasygeschichten. Da wird sich niemand hinstellen und sagen, hei, das kannst Du doch gar nicht beschreiben, das hast Du nicht erlebt.

      Aber wenn es um die Erotik geht, da geht es auf einmal heiß her. So in dem Sinne, was Du da schreibst, das musst Du unbedingt erlebt haben. Ansonsten wird es nicht realistisch. Wieso können aber so viele Menschen realistische (im übertragenen Sinne bitte verstehen) Krimis schreiben? Und dabei gehen manche Autorinnen und Autoren doch sehr ins Detail, gerade was den Mord und die Aufklärung betrifft. Da gibt es keine Probleme, wenn nicht gerade Polizistinnen oder Polizisten den Roman schreiben. Denn recherchieren können wir ja alle.

      Und wie Du selbst schreibst, auch als Jungfrau kann man durchaus erotische Szenen schreiben. Zwischenzeitlich gibt es so viele Seiten, die bei gewissen Fragen helfen können oder Ratgeber. In dem Sinne, ich sehe da kein Problem.

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  2. Florian Eckardt schreibt:

    Wenn ich immer nur über das schreiben würde, was ich kann, könnte ich mich nicht weiter entwickeln. Andersrum kann ich hinterher aber sagen: Ich habe ein Stück weit auch erlebt, was ich geschrieben habe. Und nur so kann ich wachsen.

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    • Carola vom schreibkasten schreibt:

      Es kommt immer auf die Sichtweise an. Hierbei ging es unter anderem auch darum, dass Du auch Dinge schreiben kannst, die Du nicht erlebt hast (zumindest hoffe ich, dass Du noch nie einen Mord begangen hast). Aber wenn Du das, was Du schreibst auch erlebt hast, dann ist das absolut wundervoll 🙂

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