Waisenkinder – anders erzählt

Hei, hallo und herzlich willkommen,

Waisenkinder sind ein fester Bestandteil vieler Geschichten, gerade in Kinder- und Jugendbüchern. Doch könnte man die Geschichte um die Waisenkinder auch anders erzählen?

Kurze Vorgedanken

Thea hat mich gefragt, ob mir etwas anderes zum Thema Waisenkinder einfallen würde, da es sich bei dieser Geschichte doch schon fast wieder um Klischees handele. Hier ist ihr Kommentar dazu:

Hier mal ein Vorschlag für dich, der nichts mit diesem Post zu tun hat: Möchtest du vielleicht mal über das Waisenkind-Klischee schreiben?:)
Ich stecke grad in den Dilemma, dass ich einen Protagonisten habe der Waise ist. Ich möchte aber ungern dieses Klischee (schon wieder) bedienen und deshalb diesen Fakt ändern.
Fällt dir da irgendetwas ein, wie man diese Situation (Waise) umgehen kann, es aber trotzdem für die Geschichte passt?
Beispiel: Die Eltern sind immer viel arbeiten und haben deshalb keine Zeit für ihr Kind usw.
Hast du darüber schon geschrieben?
Wenn nicht würde mich das sehr freuen wenn du das nachholst:)

Daher habe ich mir nun Gedanken gemacht, wie man die Geschichte rund um die Waisenkinder in den Jugendbüchern anders erzählen kann.

Warum überhaupt Waisenkinder?

Um sich zu überlegen, wie man eine Geschichte oder eine Thematik anders erzählen kann, sollte man sich durchaus Gedanken machen, warum überhaupt etwas erzählt wird. Daher habe ich mir erst einmal Gedanken zu dem Thema gemacht, warum überhaupt so häufig von Waisenkindern geschrieben wird. Das Folgende sind meine persönlichen Gedanken.

Die Suche nach der eigenen Identität

Wer keine Eltern hat, fühlt sich durchaus verloren. Wenn Du ab und an mal Berichte über Waisenkinder, Kinder die ihre Eltern nicht kennen oder auch über Kinder, die dank künstlicher Befruchtung geboren wurden, weißt Du, dass viele von ihnen bei anderen Personen nach einer gewissen Ähnlichkeit suchen. Nach wem komme ich bezüglich meines Aussehens und nach wem komme ich charakterlich gesehen?

Da Adoptiveltern oder die liebe Verwandtschaft (wenn diese sich um das Kind kümmern und nur vom Gesetz her miteinander verwandt sind, also es besteht keine Blutsverwandtschaft) natürlich ein völlig anderer Typ sind, als die Kinder, finden sie keine Ähnlichkeit zu diesen. Und dadurch können sie sich auch verloren fühlen. Und dieses Verlorensein kannst Du dann für Deine Geschichte benutzen. Denn damit hast Du durchaus einen guten Aufhänger, um in Deinen Roman zu kommen. Oder um Dein Waisenkind in Gefahren zu locken.

Denn Waisenkinder haben durchaus die Neigung, nach ihren Eltern zu suchen, wenn sie die Möglichkeit haben. Und wenn Du eine entsprechende Geschichte schreibst, dann kann das zu einer richtigen Gefahr für Deine Figur führen.

Die Suche nach den Eltern

Aber es spricht auch andere Punkte für eine Waisenkindgeschichte. Hat Dein Waisenkind die Möglichkeit nach den Eltern zu suchen, weil sie vielleicht in Gefahr sind, dann kann auch das eine eigene Geschichte sein. Zumal Du aus den Eltern alles machen kannst, was Du willst. Sie können Spione bzw. Spioninnen sein, sie können ein Königinnenpaar eines magischen Reiches sein. Oder sie können auch die Bösewichter der Geschichte sein. Alles ist möglich.

Aus Deinem Helden oder Deiner Heldin kannst Du auf diese Art und Weise eine Erbin bzw. Erbe einer wichtigen Aufgabe machen. Und das quasi gratis frei Haus. Denn wächst das Waisenkind bei den Eltern auf (und ist somit kein Waisenkind), dann wird die Spannung auf eine andere Ebene gehoben und Du hast eine völlig andere Geschichte. Denn in diesem Fall muss unser Kind nicht nach der eigenen Identität suchen und herausfinden, dass sie oder eher vom königlichen Blut ist. Das ist bekannt.

Das kann natürlich auch interessant werden. Aber damit hast Du ein Problem, die Spannung über die Eltern aufzubauen. Und das würde vielleicht die Grundidee kaputtmachen.

Die fehlende Elterninstanz

Wenn die Eltern fehlen, fehlt auch die Instanz, welche die Eltern normalerweise einnehmen. Denn sie erziehen uns, beschützen uns (größtenteils zumindest) und sollten dafür Sorgen, dass wir wachsen und eines Tages auf den eigenen Füßen stehen. Fehlen sie, dann können diese Punkte schon einmal ins Wasser fallen oder zumindest erschwert werden.

Weiterhin hast Du die Möglichkeit die Geschichte dynamischer zu schreiben. Hätte Huckleberry Finn noch seine Eltern, wäre die Reise auf dem Mississippi nicht so möglich, wie wir es kennen. Denn seine Eltern hätten sicherlich nach ihm gesucht und dafür gesorgt, dass er nach Hause kommt. Natürlich wäre hier noch das schlechte Gewissen ein anderer Konflikt. Aber dank der fehlenden Eltern konnte Huck einfach abhauen.

Ich schreibe jetzt hier nicht von Jugendämtern oder anderen Institutionen, die sich in einem solchen Fall natürlich um die lieben Kleinen kümmern würden. Aber wenn die Eltern fehlen, dann fehlt ein Hindernis die Tasche zu schnappen und loszulaufen, wohin auch immer. Die Eltern suchen, das Abenteuer, den eigenen Weg.

Zwischenfazit

Im realen Leben wünscht man niemanden, dass Kinder als Waisen aufwachsen. Auch wenn die Realität natürlich anders aussieht. Aber in Geschichten kann die Geschichte von Waisenkindern durchaus einen gewissen Wert haben.

Daher werden häufig Geschichten aus der Sicht von Waisenkindern erzählt. Und hat natürlich ihren Reiz. Aber ich wurde gefragt, ob es nicht auch andere Möglichkeiten gibt, diese Geschichten zu erzählen. Und darum dreht sich der zweite Teil dieses Beitrages.

Alternative Möglichkeiten

Kommen wir jetzt zu den Ideen, die man nutzen kann, solltest Du eben nicht über Waisenkinder schreiben wollen.

Warum überhaupt Waisenkinder?

Es stellt sich mir natürlich als Erstes die Frage, warum muss ich überhaupt über Waisenkinder schreiben? Die Eltern können ganz normal leben und sowohl Unterstützung als auch Hindernis für unsere Heldin oder unserem Helden sein.

Seien wir mal ehrlich, wie viele Menschen kennst Du, die schon als Kind Waisen waren? In meiner Grundschulzeit hatte ich einen sehr guten Freund, der adoptiert war. Und das war es auch schon. Wenn wir uns aber gerade die Kinder- und Jugendbücher ansehen, dann müsste man meinen, dass jede zweite Person auf der Welt eigentlich ein Waisenkind ist. Also sehr viele.

Eine andere Form wäre es also, dass Deine Figur ihre Eltern noch hat und auf diese Art und Weise sich was anderes einfallen lassen muss, um sich ins Abenteuer zu stürzen. Dazu zähle ich, um einige Beispiele aufzuführen, nachts heimlich abhauen, sich nicht an Verabredungen halten und zu spät kommen. Wenn Du das gut in die Geschichte einbettest, ist es nicht zwangsläufig, dass Deine Figur rebellisch daher kommt. Aber sie oder er hat Verpflichtungen, die eingehalten werden müssen. Und wenn nicht, dann gibt es Enttäuschungen, Hausarrest und was auch immer Dir einfällt.

Workaholic Eltern

Es gibt sie, Eltern, die lieber auf der Arbeit sind, als sich um ihr Kind zu kümmern. Oder auch Eltern, die viel arbeiten müssen, um ihr Kind zu ernähren. Und auch Eltern, die einfach viel arbeiten.

Und wenn sie dann Feierabend haben, sind sie nicht zu Hause, sondern auf irgendwelchen Feierlichkeiten, Partys, Opern und wo auch immer sie sein sollen oder dürfen. Damit ist Dein Held oder Deine Heldin kein Waisenkind, aber sie oder er hat durchaus gewisse Freiheiten.

Es kann sein, dass wir es dann mit einer Nanny zu tun haben, die oder der sich um unsere Figur kümmern muss. Aber auch das ist ein Hindernis, den es zu überwinden gilt. Und wer weiß, vielleicht ist unsere Nanny auf Dauer sogar eine wertvolle Hilfe. Immerhin gibt es genügend Geschichten und Filme rund um die geheimen Fähigkeiten einer Nanny.

Sollte es dann notwendig sein, kannst Du die Eltern unseres Helden oder unserer Heldin aus dem Hut zaubern und sie ihre Arbeit machen. Zum Beispiel die Kinder aus der Schule abholen (weil sie zum Rektor oder zur Rektorin mussten) oder von der Polizeistation. Und wenn nicht, dann sind sie eben auf ihrer Arbeit. Hier hast Du eine weitaus größere Möglichkeit mit der Nutzung der Elternrolle.

Alleinerziehende Elternteile

Wenn Du die eine oder andere Statistik zu alleinerziehende Elternteile kennst, insbesondere Mütter, hast Du sicherlich schon davon gehört, dass gerade Mütter weitaus höher von der Armut betroffen sind, als andere Gruppen unserer Gesellschaft. Und was tun die meisten, wenn sie von der Armut bedroht sind und eine Arbeitsstelle nicht ausreicht? Sie nehmen zwei oder sogar drei Jobs an.

Deine Heldin oder Dein Held muss damit nicht zum Halbwaisen werden, aber es kann eine der elterlichen Figuren fehlen. Wenn die Mutter die Erziehung innehat (was übrigens der häufigste Fall ist), dann fehlt damit der Vater. Und hier kannst Du eine Menge Geschichten erzählen.

Die Mutter ist nicht in der Lage sich Vollzeit um ihr Kind zu kümmern. Eventuell hat Deine Figur noch ein kleines Geschwisterchen, auf das sie oder er sich kümmern muss. Hier haben wir also mehrere mögliche Hindernisse. Eine Mutter, die erwartet, dass sich Deine Figur um das Geschwisterchen (oder auch mehrere) kümmert. Doch Deine Figur hat andere Dinge zu erledigen, wie zum Beispiel die Welt retten. Und enttäuscht damit die Mutter.

Oder sie heiratet jemand, der entweder aus einem magischen Reich kommt und damit bis in die höchste Ebene gut ist oder abgrundtief böse. Immerhin ist sie frei und hat sicherlich daran Interesse, jemand an ihre Seite zu holen und damit auch eine Vaterfigur für die Kinder. Sofern sie einen Mann heiratet. Es könnte ja eine zweite Frau in das Leben der Mutter treten.

Natürlich kann sich auch der Vater um unsere Heldin oder unseren Helden kümmern. Das gibt automatisch eine ganz andere Dynamik in der Geschichte. Denn Väter wollen ja ihre Kinder beschützen, gerade wenn es sich hierbei um Töchter handelt. Sie wissen ja selbst, wie sie gelegentlich Frauen betrachten. Und was bei ihnen gelegentlich in Ordnung ist, wollen sie auf keinen Fall für ihre eigene Töchter.

Mit einem alleinerziehenden Elternteil hast Du viele Möglichkeiten, mit denen Du spielen kannst. Und das schon allein aus der Sicht des Kindes. Wenn sie oder er noch Geschwister hat, kann das noch einmal interessant werden. Und dann kommt noch die Sicht des Elternteils hinzu.

Die Eltern spielen keine Rolle

Es gibt durchaus Kinder- und Jugendbücher, wo die Eltern leben, aber nicht die Rolle spielen, die sie im normalen Leben haben. Sie sind keine Workaholics oder alleinerziehend. Sie sind zu Hause, leben ihr Leben und lassen unsere Charaktere in Ruhe.

Zwar dürfen die Eltern gerne mal auftreten, aber nur um die Kekse und Milch für die kleinen Freunde vorbeizubringen und wenn es Schwierigkeiten gibt, dann sind sie auch da. Ansonsten eben nicht. Das ist eine bewusste Entscheidung, die Du treffen kannst, indem Du die Eltern einfach ausblendest. Es dreht sich um die Kinder und nicht um die Eltern.

Eine weitere Möglichkeit, die Du hast, um die Eltern außen vor zu lassen, ist, Deine Figuren entweder in ein Feriencamp oder in ein Internat zu schicken. Zwar haben wir es immer noch mit Aufsichtspersonal zu tun (zum Beispiel die Lehrer oder Lehrerinnen). Aber wenn man gegen die rebelliert, gerade dann, wenn diese nicht besonders freundlich sind, dann ist das durchaus in Ordnung.

Du schiebst hier also die Eltern an den Rand der Geschichte. Sie sind da, präsent im Leben der Kinder und doch eher eine Randerscheinung.

Die lieben Verwandten oder Paten bzw. Patinnen

Solltest Du Dich doch entscheiden, die lieben Eltern zu töten, dann ist das natürlich in Ordnung. Aber es ist auch schon fast klischeehaft, die Kinder zu Leuten zu schicken, die schlichtweg grausam sind. Sei es ein Heim oder Verwandte, welche die Eltern nicht leiden konnten und die Abneigung nun auf das Kind übertragen.

Wie wäre es, wenn die lieben Verwandten, zu denen unsere Figuren kommen, mal ganz lieb sind? Es könnte ja sein, dass es zwischen den Eltern und den Verwandten kein böses Blut gab, sondern sie sich liebten oder zumindest respektierten. Und das kann sich in der Erziehung der Kinder zeigen.

Und in einigen Regionen der Welt gibt es noch die Praktik, Patinnen und Paten für die Kinder einzusetzen, die sich ebenfalls um die Erziehung der Kinder kümmern können.

Ihre Rollen kannst Du dann nach dem obigen Prinzip ordnen.

Adoptivkinder

Und zu guter Letzt (zumindest was mir noch einfällt), es gibt Adoptionen. Du hast alle Möglichkeiten eines Waisenkindes, was ich im ersten Teil des Beitrages erwähnt habe. Aber Deine Heldin oder Dein Held hat Eltern, die sich um sie oder ihn kümmern, und lässt Deine Figur somit nicht alleine.

Abschlussgedanken

Natürlich sind Waisenkinder interessant für Deine Geschichten. Da bin ich die Letzte, die was anderes behauptet. Aber es kann halt auch interessant sein, den Kindern ihren Eltern zu überlassen und sich etwas anderes einfallen zu lassen, um ihnen das Leben ein wenig schwerer zu machen.

In diesem Beitrag habe ich Dir einige Ideen gegeben. Jetzt bist Du dran. Gerne höre ich von Dir, wenn Du noch weitere Ideen hast. Oder wie Du mit meinen umgehen würdest.

Bestehende Geschichten

Es gibt einige Geschichten, die entweder von Waisenkindern handeln (z. B. Harry Potter) oder wo Eltern keine Rolle spielen (Hanni & Nanni, sie sind im Internat). Schnapp Dir eine solche Geschichte und überlege Dir, wie Du diese anders erzählen könntest. Es reicht eine grobe Übersicht völlig aus.

Wie würde sich die Dynamik ändern, wenn Du die familiären Verhältnisse ändern würdest?

Deine eigene Geschichte

Nun ist Deine Geschichte an der Reihe. Wie würdest Du die Geschichte um die lieben Waisenkinder erzählen, wie es noch niemals zuvor geschehen wurde? Trage alles zusammen, was bisher in Geschichten und Romanen verarbeitet wurde und überlege Dir, wie Du Deine Geschichte komplett neu schreiben könntest.
Melde Dich für meinen kostenfreien Newsletter an.

Advertisements

Über Frau Schreibseele

eine schreibende, die auf den weg zu ihrer ersten geschichte ist. und bis dahin gibt es beiträge rund ums schreiben, lesen und erleben auf meinem blog :)
Dieser Beitrag wurde unter Ideen, Jugendbücher abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s