Möglichkeiten eine Antiheldin bzw. einen Antihelden zu erschaffen

Hei, hallo und herzlich willkommen,

Antiheldinnen und Antihelden sind zwischenzeitlich bei einigen beliebter als die „klassischen“ Heldinnen oder Helden. Doch wie erschafft man eine solche Figur mit einem vernünftigen Fundament?

Kurze Vorgedanken

Fakt ist, Antiheldinnen und Antihelden sind da und sind beliebt. Ich denke mal, darüber brauchen wir uns nicht wirklich zu unterhalten. Aber es reicht nicht aus, jemanden mit einem Toaster das Gesicht zu polieren, um als Antiheld bzw. Antiheldin zu gelten. Dazu gehört doch ein wenig mehr.

Wenn Du Dich dafür entscheidest, eine Antiheldin oder einen Antihelden zu erschaffen, dann ist die wichtigste Grundlage eben die Charakterarbeit. Letztendlich ist auch dieser Charaktertyp nichts Weiteres als eine Figur, die Du so gut wie nur möglich kennen solltest. Hierbei konzentrierst Du Dich lediglich auf einige Punkte mehr, als auf andere. Und dann erschaffst Du nach und nach eine Antiheldin oder einen Antihelden.

Warum überhaupt einen Antihelden als Hauptfigur nehmen?

Zerstört einfach mal Deine Erwartungshaltung (bzw. die Deiner Leserinnen und Leser)

Helden haben ein gewisses Konstrukt in dem sie sich bewegen dürfen. Sollte er eine Waffe ziehen und jemanden töten, dann nehmen wir es diesem doch eher übel.

Achtung Spoiler:

Das Video stammt aus dem Film Deadpool (die letzte wichtige Szene). Hier erklärt Colossus (ein klassischer Held), dem Antihelden Deadpool, was ein Held wirklich ausmacht. Laut ihm ist es nicht viel. Doch die Reaktion am Ende des Clips (nur sehen, wenn Du den Film noch nicht gesehen hast oder nicht sehen willst) zeigt den Unterschied zwischen einem Helden und einem Antihelden.

Spoiler Ende!

Der Held hätte niemals wie Deadpool reagiert. Vielleicht stände er kurz davor seinen Gefühlen freien Lauf zu lassen. Ihn hätte man aber noch mit entsprechenden Worten beruhigen können, sagen, dass alles gut wird und er vergeben sollte. Und wir wollen auch, dass der Held über sich hinaus wächst und am Ende vergibt. Zwar darf er kurz davor sein zu scheitern, seinen Gefühlen nachzugeben. Aber am Ende wollen wir sehen, wie er wächst und seine wahre, innere Größe zeigt.

Doch der Antiheld reagiert wie Deadpool. Punkt! Wenn ich jetzt an den Film und besonders diese Szene zurückdenke, dann überlege ich, was wäre gewesen, wenn Deadpool wie ein Held reagiert hätte? Ich vermute mal stark, es hätte mich irritiert. Den ganzen Film handelte unser Held / Antiheld eben so, wie wir es erlebt haben. Hätte er am Ende heldenhaft reagiert, dann wäre diese Figur nicht konsequent gewesen.

Weiterhin durfte Deadpool Dinge tun und sagen, die ein Held nicht darf. Daher kannst Du mit ihm auch Geschichten schreiben, die Du sonst nicht könntest.

Erschafft eine eigene Moral

Die moralischen Werte einer Gesellschaft sind immer in Wandel. Auch wenn es manchen Menschen nicht gefällt oder einfach nicht gefallen will. Der Held bewegt sich jedoch in diesem moralischen Kodex. Er will, dass die Menschen sich zum besseren bewegen und das geschieht, nach seiner Meinung nach, wenn man sich an die Regeln hält. Das tut er zumeist auch.

Unser Antiheld hingegen muss sich nicht an diesen Kodex halten. Denn häufig finden wir ihn außerhalb der Gesellschaft. Und damit auch außerhalb ihrer Wertvorstellungen. Dadurch hast Du die Möglichkeit Deinen Helden eine andere Form von Moralvorstellung leben zu lassen.

Ein konkretes Beispiel:

Vor einigen Jahren und Jahrzehnten war die Homosexualität in Deutschland noch ein Straftatbestand. Dein Held müsste dieses Gesetz theoretisch verteidigen, will er sich innerhalb der Moralvorstellung bewegen. Doch seien wir mal ehrlich. Könnten wir einem Helden folgen, welche ein Teil der Menschheit ablehnt?

Mir würde das schon schwerfallen. Da wäre doch ein Antiheld nicht schlecht, der sich für die Rechte der Homosexuelle einsetzt. Oder, wenn er das nicht so offen will, selbst homosexuell ist. Das wäre definitiv eine andere Geschichte, die erzählt werden könnte. Und in vielen Punkten wäre eine solche Geschichte eher mit einem Antihelden zu erzählen.

Er kann sich ändern

Normalerweise sollte jeder Charakter lernen und sich weiter entwickeln. Sie befinden sich am Anfang einer Geschichte an Punkt A und sollten am Ende der Geschichte irgendwo bei W oder X sein (mit Z wäre die Entwicklung abgeschlossen, ob ich das für meine Figur will?). Gilt natürlich nicht, wenn Du eine Reihe schreibst.

Idealerweise hat Dein Held einige Fehler, welche der Grund sind, warum er auf die Nase fällt. Und idealerweise sind das die Fehler, aus denen er lernt und wächst. Doch häufig sind die Fehler nicht groß. Sowohl an der Anzahl als auch am Fehler selbst. Denn ein Held wäre, trotz allem, nicht ein Held, wenn er nicht besser wäre, als der Rest von uns.

Captain America ist eben dieser typische Held. Er hält an seinen Idealen fest, glaubt an das Gute und ist es selbst auch. Doch wenn ich jetzt darüber nachdenke, was für Fehler hat er jetzt wirklich? Gut, er kommt mit der aktuellen Zeit nicht klar. Das ist nicht seine Schuld. Vielleicht das er zu gutmütig ist? Dass er der Oberpatriot ist?

Ihm gegenüber Deadpool zu stellen, das ist schon fast respektlos. Denn hier stellt sich die Frage, wo hat der Mann keine Schwächen? Der Film ist eine Ansammlung von Schwächen, Fehlern und einigem mehr.

Der Held ist durchaus in der Lage zu lernen. Aber bei ihm gibt es weniger Material um das zu tun. Beim Antihelden sieht dies ein wenig anders aus. Er ermutigt uns ihn zu akzeptieren, wie er ist. Denn bei einigen will ich mich nicht in die Schusslinie stellen, um ihn zu sagen, dass er sich ändern oder verbessern soll.

Es ist aber völlig in Ordnung, wenn Du dann Deinen Antihelden etwas lernen lässt, welche ihm zum Helden macht. Er könnte über sich hinaus wachsen und die strahlende Figur der Geschichte werden. Oder Du lässt ihn so, wie er ist und er bleibt am Ende weiterhin der Antiheld. Durchaus mit mehr Erfahrungen, als am Anfang der Geschichte, aber er bleibt, wer er ist. Es ist zudem auch noch möglich, dass er noch rauer und noch härter wird, als wir ihn am Anfang kennengelernt haben. Ja, es ist sogar möglich, dass aus Deinem Antihelden ein Schurke wird.

Dir stehen alle Möglichkeiten offen, wie Du mit Deinem Antihelden verfahren willst. Natürlich könnte auch aus Deinem Helden ein Schurke werden. Aber der Grad zwischen Antiheld und Schurke ist um einiges schmaler. Und vielleicht für einige durchaus interessanter.

Wie erschaffe ich nun eine Antiheldin?

Kommen wir endlich zu dem Teil des Beitrages, in dem wir uns auf die Punkte konzentrieren, die für eine Antiheldin interessant sind.

Das Motiv

Die Heldin in der weißen Rüstung hat die Aufgabe, die Welt zu retten. Oder zumindest das nächste Dorf oder wenigstens einen Menschen, die ihr wichtig ist. Dabei kann es schon passieren, dass sie auch ihr Leben für ihr Motiv, ihren Beweggrund, für ihre Aktionen gibt.

Das Motiv unserer Antiheldin muss nicht ganz so heroisch sein. In erster Linie kann man diesen durchaus auch als selbstsüchtig bezeichnen. So kann es sein, dass sie in erster Linie ihre Ruhe haben will (wie bei Shreck). Oder sie will Rache (Kill Bill fällt mir da gerade ein). Noch ganz einfacher kann es sein, dass sie einfach nur ihr altes Aussehen wieder haben will (Deadpool).

Du musst nicht immer so tiefstapeln, aber bei einer Antiheldin ist dies durchaus möglich. Und erlaubt Dir wirklich, die menschlichen Schwächen eines Charakters zu zeigen. Aus diesem Grund ist es völlig in Ordnung, wenn Du so etwas Banales wie Rache oder Ruhe als Motiv für Deine Antiheldin aussuchst.

Dadurch hast Du jedoch auch gleichzeitig die Möglichkeit etwas Großes zu erschaffen. Durch das Ruhebedürfnis von Shreck (welche ihm nicht gewährt wurde), war er gezwungen, sein Heim zu verlassen und die Prinzessin zu retten. Eigentlich eine Aufgabe für die Heldin der Geschichte.

Dank seiner egoistischen Motive wurde aus der Antiheldin die Heldin der Geschichte. Und das trifft letztendlich auch auf die anderen Charaktere zu.

Überlege Dir also, welches Motiv Deine Antiheldin haben könnte, um damit in die Geschichte gelockt zu werden. Natürlich will sie nicht ein Teil der Geschichte werden. Aber durch das Motiv wird sie es.

Die Methode

Heldinnen haben die Aufgaben Heldinnenhaft zu reagieren. Wenn jemand am Boden liegt, wird sie niemals zutreten, sondern die Situation akzeptieren und versuchen, die Gegnerin festzunehmen. Dadurch kann es natürlich passieren, dass die Schurkin die Situation ausnutzt und die Füße der Heldin wegreißt.

Die Antiheldin würde die am Boden liegende Schurkin sehen und aller Wahrscheinlichkeit noch ein oder zwei Dutzend Male zutreten. Nur um sicherzugehen, dass sie auch wirklich am Boden bleibt.

Unsere Antiheldin darf eben reagieren, wie eine Heldin niemals reagieren würde. Wenn Du Dir noch einmal das Video von oben ansiehst, dann weißt Du, was ich damit genau meine. Heldinnen halten sich eben an einen Kodex, welche die Gesellschaft auferlegt hat. Diese kann sich ändern, so wird sich aber dann auch unsere Heldin entsprechend anpassen.

Deine Antiheldin fungiert außerhalb des Systems und das bedeutet, dass sie auch etwas brutaler reagieren darf. Teilweise sogar grausam, muss es aber nicht.

Hier kannst Du Dir also überlegen, wie heftig Deine Antiheldin auf diverse Situationen reagiert oder reagieren könnte. Notiere sie Dir und dann kannst Du auch die eine oder andere Szene darüber schreiben.

Fehler oder auch Schwächen

Wenn wir uns Superman ansehen, dann sehen wir einen Helden, der einfach zu perfekt ist. Er hat nicht die Fehler, die wir Menschen haben. Oder irgendwelche Schwächen, mit denen wir uns identifizieren können. Außer Du wirst bei bestimmten Metallen oder Edelsteinen ebenfalls schwach und könntest dabei sterben (Diamanten zählen nicht 😉 ).

Superman ist der typische Held, der über uns steht und den wir niemals erreichen können. Egal wie sehr wir uns anstrengen, wir werden nicht einmal annähernd so sein wie er.

Antiheldinnen haben jedoch Fehler und Schwächen, die wir bei uns finden. Sie haben Ängste, können Alkoholikerinnen sein (Jessica Jones und Tony Stark als Beispiel) oder sogar physische Behinderungen (Daredevil ist blind).

Die Antiheldinnen sind uns um einiges näher, weil sie so sind, wie wir im Alltag uns erleben. Vielleicht möchten einige von uns wie Superman sein. Aber letztendlich sind wir eine Jessica Jones. Haben Angst, Fehler gehören zu unserem Leben und sind nach etwas süchtig (wenn hoffentlich auch nicht nach Alkohol).

Überlege Dir daher, welchen Fehler oder welche Schwäche Deine Antiheldin haben könnte. Was macht sie menschlich und uns damit ähnlicher? Und wie könnte diese Schwäche Auswirkung auf die Geschichte haben und sie sogar ändern?

Das Design

Natürlich darfst Du auch ein wenig am Aussehen Deiner Figur arbeiten und sie nicht ganz so perfekt gestalten. Wie wäre es mit ein paar Narben, gefärbten Haaren oder auch physischen Behinderungen (wie fehlende Gliedmaßen und das meine ich nicht ironisch)?

Jede Verletzung, jede Narbe erzählt eine Geschichte. Dadurch kannst Du Deine Figur auch interessanter machen. Ihr die Möglichkeit geben, sich zurückziehen zu wollen. Oder auch, warum sich vielleicht Leute für Deine Antiheldin interessieren könnten.

Aber auch ein ungewöhnlicher Kleidungsstil könnte zum Design gehören (gerade Gothickleidung dürfte hier immer noch sehr beliebt sein). Also Farben und Kleidungsstücke, die nicht zur aktuellen Norm gehören, lassen sie auf alle Fälle auffallen und anders auf uns wirken.

Das brüllt zwar schon heftig danach, dass sie eine Außenseiterin und eventuell eine Antiheldin sein könnte. Aber das ist durchaus in Ordnung. Alternativ kannst Du auch mit den Klischees spielen und sehen, was dabei herauskommt.

Überlege Dir also, wie Deine Antiheldin aussehen könnte. Hat sie irgendwelche körperlichen Auffälligkeiten? Oder trägt sie nur ungewöhnliche Kleidung? Wie sieht es mit Tätowierungen aus? Oder Piercings? Hier darfst Du Dich gerne austoben.

Die noble Absicht

Doch egal wie sehr Du Deine Figur ins Abseits stellst, bitte sei dabei auch vorsichtig. Gerade dann, wenn Du lediglich eine Antiheldin schreiben wolltest und keine Schurkin. Es könnte schon passieren, dass am Ende dann Deine Antiheldin nämlich genau in dieser Ecke landet.

Überlege Dir daher gerne noch eine edle Intention oder Absicht, welche Deine Antiheldin ein wenig sympathischer macht. Wenigstens im Nachhinein.

Hier fällt mir der Charakter Professor Serverus Snape ein. Seine Methoden sind, sagen wir es mal, nicht gerade nett. Er ist unhöflich, man kann ihn schon mit einem Mobber vergleichen und er geht sogar über Leichen. Und seien wir mal ehrlich, wer konnte ihn anfänglich wirklich richtig leiden.

Ich hatte meine Probleme mit ihm, das gebe ich gerne zu. Einfach weil er solch eine unnette Person war. Und doch gewann er im letzten Film unsere Herzen (okay, zumindest meines). Denn seine Absicht war nobel, liebevoll und brach mir persönlich das Herz.

An dieser Stelle will ich nicht zu viel verraten, solltest Du zu den Menschen gehören, die das Ende nicht kennen. Dieses zeigt uns, wieso Snape überhaupt solch ein Rüpel war und warum er getan hat, was er tat. Mit einem Male ergab alles einen Sinn.

Und in diesem Moment hatte mich dieser Charakter in seinen Bann gezogen (okay, er war schon früher faszinierend, aber hier war ich versöhnt). Denn er war nicht ohne Grund ein Antiheld. Und die Gründe finde ich halt sehr romantisch.

Abschlussgedanken

Es gehört eigentlich nicht viel, was Du brauchst, um eine gute Antiheldin oder einen guten Antihelden zu erschaffen. Die Ausgangslage ist wie bei einem Schurken oder einer ganz normalen Heldin bzw. Helden, ein guter Charakter. Hast Du keine gute Grundlage, wird die Arbeit an einer Antiheldin genauso zur Qual, wie bei allen anderen Figuren.

Hast Du aber eine gute Ausgangslage, dann kannst Du mit den oben genannten Punkten sicherlich eine interessante Antiheldin oder einen interessanten Antihelden erschaffen. Du musst einfach nur am Ball bleiben.

Und dabei wünsche ich Dir viel Spaß und noch mehr Erfolg.

Schau Dir Deine Antiheldin bzw. Deinen Antihelden an

Schau Dir Deine Figur an und überlege, ob sie all die oben genannten Punkte erfüllt oder ob da noch etwas fehlt. Notfalls gönn Dir ein Videoabend und schau Dir den einen oder anderen Film zum Thema Antiheldin bzw. Antiheld an und lerne von den Vorlagen.

Erschaffe eine Antiheldin bzw. Antihelden

Wenn Du noch nie mit einer solchen Figur gearbeitet hast, dann erschaffe jetzt eine solche. Du musst nicht die ganze Hintergrundarbeit leisten. Sondern überlege Dir zu den oben genannten Punkten nur etwas. Wie sieht am Ende Deine Figur aus? Könnte sie vielleicht einen interessanten Charakter für Deine nächste Geschichte bieten?
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Über Frau Schreibseele

eine schreibende, die auf den weg zu ihrer ersten geschichte ist. und bis dahin gibt es beiträge rund ums schreiben, lesen und erleben auf meinem blog :)
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2 Antworten zu Möglichkeiten eine Antiheldin bzw. einen Antihelden zu erschaffen

  1. Evanesca Feuerblut schreibt:

    Hach, ich erkenne die Protagonistin meines Neunteilers hier so oft wieder <3. Sie mit ihrem hauptsächlichen Wunsch nach Ruhe und Geborgenheit, die sie ums Verrecken aber nicht kriegt…
    In den Artikel linse ich auf alle Fälle noch beim Schreiben rein, zur Motivation.

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