10 Romananfänge, die Du durchaus nutzen kannst

Hei, hallo und herzlich willkommen,

letzte Woche habe ich darüber geschrieben, wie man am einen Roman am besten nicht anfängt. Heute geht es genau in die andere Richtung. Wie könnte man also einen Roman anfangen? Hier sind meine Vorschläge.

Kurze Vorgedanken

Sicherlich hast Du es schon so oft gehört, dass es Dir sogar schon aus den Ohren herauskommt. Wer keinen starken Anfang hat, verkauft letztendlich nicht seine Geschichte.

Das ist natürlich eine absolut individuelle Angelegenheit. Während die einen beim Kauf penibel darauf achten, dass Kapitel 1 bis 3 absolut gut bis hin zu einer gewissen Genialität geschrieben ist, lesen die anderen gerade mal den Klappentext. Und die dritten lesen lieber zwischendurch die Kapitel.

Man kann also nicht alle Leserinnen und Leser über einen Haufen werfen und sagen, Kapitel 1 ist absolut wichtig. Letztendlich ist jedes einzelne Kapitel wichtig. Darüber sollten wir uns einig sein. Aber für einen Großteil Deiner zukünftigen Leserinnen und Leser solltest Du den Einstieg so angenehm wie nur möglich machen. Denn sie lesen eben Kapitel 1 und eventuell dann auch 2 oder 3.

Und um es klar zu sagen, die folgenden Punkte beziehen sich wirklich auf die Ersten, sagen wir, drei Kapitel (je nach Länge Deines Romans). Danach herrschen völlig andere Regeln.

1. Stelle uns Deine Hauptfigur vor

Ein durchschnittliches Buch hat so zwischen 300 und 400 Seiten (grob geschätzt). Und in diesem Buch kommen mindestens eine Hauptfigur und vieleNebenfiguren vor. Aber letztendlich willst Du sicherlich, dass wir als Leserinnen und Leser mit Deiner Hauptfigur mitgehen, mit ihr Leiden und Lachen, mit ihr fiebern und uns freuen, wenn sie gewinnt.

Dann ist es natürlich nur logisch, wenn Du Deine Hauptfigur auf Seite 20 oder gar Seite 100 vorstellst. Okay, das war ein wenig Ironie.

Ein guter Roman stellt uns durchaus flott die Hauptfigur vor. Damit wissen wir, welche Geschichte wir letztendlich wirklich folgen sollen. Natürlich dürfen während Deiner Geschichte mehrere wichtige Figuren einführen und uns vorstellen. Auch deren Entwicklung können wir folgen. Aber wichtig ist, dass Du die wichtige Hauptfigur als Erstes vorstellst und uns sagst, dass wir besonders auf diese Figur achten sollten.

Stell Dir mal Folgendes vor: Du liest sicherlich gerade einen Roman. Und bestimmt wird relativ früh (idealerweise auf Seite 1) die Hauptfigur vorgestellt. Jetzt ändere mal gedanklich die Reihenfolge und überleg Dir, wenn zuerst eine Nebenfigur präsentiert worden wäre? Und auf Seite 20 erfährst Du, dass diese Figur eben nur eine Nebenfigur ist und die Hauptfigur da erst kommt.

Wie würdest Du Dich dabei fühlen? Bei mir wäre es dieses Gefühl, will mich die Autorin oder der Autor auf den Arm nehmen? Und genau das ist mein Grund, warum auf Seite 1 meine Hauptfigur vorgestellt wird.

Natürlich gibt es sehr wohl Romane, welche zuerst Nebenfiguren vorstellen. Und sogar Geschichten, die komplett aus der Sicht einer Nebenfigur geschrieben werden. Das will ich an dieser Stelle nicht unter dem Teppich kehren. Hier musst Du aber dann andere Techniken anwenden, um das Interesse Deiner Leserinnen und Leser zu wecken.

2 Sorge dafür, dass wir Deine Hauptfigur verstehen, eventuell sogar mögen

Von dem Standpunkt, dass Heldinnen und Helden sympathisch sein müssen, bin ich schon lange weg. Sie dürfen sympathisch sein, darüber diskutieren wir nicht. Aber sie müssen es nicht mehr.

Trotzdem gibt es häufig den Ratschlag, dass Du uns die Figur auf den ersten Seiten so vorstellen sollst, dass wir sie mögen können. Häufig werden sogar Antiheldinnen und -helden so vorgestellt, dass wir eher mit ihnen Mitleid haben und gerne mit ihnen mitgehen.

Daher wäre es durchaus eine gute Idee, wenn Du uns Deine Hauptfigur so vorstellst, dass sie noch halbwegs sympathisch rüberkommt. Es gibt Hauptfiguren, die Serienmörderinnen und Serienmörder sind. Und trotzdem haben wir mit ihnen Mitleid, weil wir gesehen haben, warum es so ist, warum sie diesen Weg gehen.

Zeige uns durchaus eine etwas sympathische Seite von Deiner Hauptfigur. Danach darf sie auch richtig schön in Dreck wühlen, um uns zu zeigen, dass sie nicht ganz so nett ist. Und zeige uns auch, warum sie handelt, wie sie handelt.

Wenn ich Deine Figur verstehe, kann sie richtig düster sein. Ich bin bei ihr. Noch mehr, als wenn ich mit einer Lichtgestalt von Heldin oder Held zu tun habe, deren Motive ich einfach nicht nachvollziehen kann. Überlege Dir also, wie Du Deine Figur halbwegs sympathisch vorstellen kannst und dann, wie Du uns ihre Motive zeigst, damit wir ihr folgen. Und das alles kannst Du durchaus in einer Szene schaffen.

3. Mehr Handlung und Dialog als Beschreibung (am Anfang)

Beschreibungen, wohlmöglich langatmige Beschreibungen, können eher abtötend wirken, als dass wir wirklich Lust hat, die Geschichte lesen zu wollen. Eine kurze Beschreibung ist in Ordnung. Das will ich nicht absprechen. Aber es geht um eine Einstiegsbeschreibung, die wohlmöglich über mehrere Seiten geht und eigentlich nichts zu sagen hat, außer, dass Du als Autorin oder Autor mit Worten umgehen kannst.

Beschreibungen darfst Du gerne aufnehmen. Nachdem Du uns Deine Hauptfigur vorgestellt hast. Das bedeutet also, lass Deine Figur handeln und reden. Zeig uns, wie Deine Figur denkt, indem sie ausspricht, was in ihr so vor sich geht.

Das bedeutet wieder dieses „in medias res“. Zeig uns die Figur in der Handlung. Wenn Du der Meinung bist, dass Du aber eine Beschreibung brauchst, dann überleg Dir, ein Prolog zu schreiben.

Auf alle Fälle ist es eine gute Idee, wenn Deine Figur am Anfang handelt und mit uns spricht. Danach kannst Du uns auch gerne von ihrem Innenleben berichten.

4. Zeig uns die Umgebung und die tägliche Routine Deiner Hauptfigur

Bei der Heldenreise wird das „Ordinary Life“ genannt. Bevor Du uns in die tiefsten der Tiefen des seelischen Abgrunds stößt und uns zeigst, wie tief es noch gehen kann, wäre es gut uns vorzustellen, was normalerweise bei Deiner Hauptfigur so los ist.

Dieser Teil soll einfach zeigen, wo wir uns befinden (Ort, Land, Umgebung, was auch immer Dir wichtig ist), bei wem (also die Hauptfigur) und was sie so besonders macht. Immerhin ist sie unsere Hauptfigur. Das bedeutet also zwangsläufig, dass es etwas gibt, was nur sie kann und niemand anderes. Zumindest sollte es so sein.

Daher ist es durchaus eine gute Idee, wenn Du uns zeigst, mit wem wir es hier zu tun haben. Wem wir folgen und warum wir gerade ihn folgen. Und wenn wir noch die Umgebung dieser Figur sehen, dann kommt sie uns sympathischer rüber und wir haben einen völlig anderen Draht zu ihr, als wenn wir gar nichts über sie wüssten und wir sie gleich in Aktion sehen.

Das ist einfach ein Mittel, damit Du die Hauptfigur mit den Leserinnen und Leser verbinden kannst. Daher kannst Du dieses Mittel auch benutzen, damit Du es leichter hast, in Deine Geschichte reinzukommen.

Aber bitte verwechsle diesen Teil nicht damit, dass Du uns zeigst, wie Deine Hauptfigur am Morgen aufsteht, sich den Kaffee macht, anzieht oder die Zähne putzt. Da darf gerne ein wenig mehr Action eine Rolle spielen.

5. Eine erste Andeutung auf den kommenden Konflikt

Jede Geschichte sollte ein Ziel, eine Motivation und vor allem ein Konflikt haben. Das Ziel und die Motivation müssen nicht zwangsläufig am Anfang sichtbar sein. Aber es ist durchaus eine gute Idee, wenn wir am Anfang die ersten Schatten eines Konfliktes sehen.

Es kann sein, dass der Schurke mit einem Mal vor der Tür steht und die Familie unserer Hauptfigur tötet. Oder man hört bloß Nachrichten, dass in der Ferne etwas passiert, dass Angst bereiten kann.

Es ist egal, was für Schatten letztendlich Deine Figuren einholt, es darf ruhig eine Andeutung sein, sodass wir als Leserinnen und Leser mitbekommen, dass da etwas passiert oder zumindest passieren kann.

Dadurch hast Du uns dann an der Leine und kannst uns dahin führen, wo Du uns haben willst.

6. Der einführende Vorfall

Oder auch „Inciting Incident“ genannt. Es passiert also etwas, was unsere Hauptfigur aus den Schuhen reißt und letztendlich dafür sorgt, dass sie in die Geschichte muss. Das kann durchaus zeitnah mit dem Schatten unter Punkt 5 geschehen, aber auch getrennt.

Der Vorfall, der letztendlich Deine Hauptfigur dazu bringt, sich ins Getümmel Deiner Geschichte zu stürzen, darf durchaus einschneidend sein. Auf alle Fälle sollte es durchaus ein Punkt sein, wo Deine Figur sich nicht mehr wehren kann, durch die letzte Tür zu treten.

James Scott Bell hatte dazu ein schönes Bild geliefert, dass ich hier anwenden möchte.

Deine Hauptfigur kann am Anfang durch zwei (imaginäre) Türen gehen. Die eine bleibt offen, wenn Deine Figur durchgeht. Das bedeutet, sie hat noch die Möglichkeit, sich die Decke über den Kopf zu ziehen und zu sagen, das hat nichts mit mir zu tun. Ich will keine Heldin oder kein Held sein, lasst mich in Ruhe.

Die Tür kannst Du aufstellen, wenn Du willst, diese ist aber kein Muss. Die zweite Tür hingegen schließt sich fest zu, wenn Deine Figur durch sie hindurchgegangen ist. Der Vorfall war so stark, dass sie keine andere Wahl mehr hat. Zwar kann sie immer noch wollen, dass sie zurückkehren könnte. Aber es gibt keine Möglichkeit mehr. Sie ist zu fest in die Geschichte eingebunden, als dass dies noch geht.

Würde sie es tun, würde sie damit nicht nur die Geschichte kippen, sondern letztendlich die Welt brennen sehen. Es wäre also für sie, für die Personen, die sie liebt, ein erheblicher Nachteil. Daher überlege Dir, was dieser Vorfall sein könnte, bei dem Deine Figur nicht mehr Nein sagen kann.

Und je stärker dieser Vorfall ist, desto interessanter kann es sein.

7. Der Beginn der Reise

Wenn Du Deinen Vorfall aus Punkt 6 hast, dann solltest Du rechtzeitig Deine Figur auf die Reise schicken. Ihr Wunsch, sich die Decke über den Kopf zu ziehen, darf da sein, sie darf auch stark sein. Aber wichtig ist am Ende, dass sie losgeht, das Abenteuer besteht und danach wieder nach Hause kommt (der Weg der typischen Heldenreise).

Zeig uns rechtzeitig, wie Deine Hauptfigur sich von der normalen Welt verabschiedet und sich aufmacht, in die neue Welt einzutreten. In die Welt der Abenteuer, der Angst und was auch immer in Deiner Geschichte wichtig ist.

Deine Hauptfigur kann Hals über Kopf in die Nacht hinausrennen und das Abenteuer starten. Aber sie kann auch geplant losgehen. Also richtig mit Tasche packen, ein Ticket kaufen, was immer Du auch willst.

8. Sorg dafür, dass Deine Leserinnen und Leser neugierig werden

Du kannst während der ersten Kapitel durchaus ein oder zwei Informationen einbinden, die mich als Leserin verfolgen und neugierig machen.

Es reichen wirklich nur ein oder zwei Punkte, die Du nebenbei erwähnst. Deine Figur ist adoptiert? Dann lass Andeutungen fallen, dass sie den Eltern nur in wenigen Punkten ähnelt. Und das auch nur deswegen, weil man sich das einredet.

Oder was auch immer in Deiner Geschichte interessant sein könnte. Natürlich solltest Du diesen Punkt irgendwann einmal auflösen. Aber streue ihn gerne am Anfang an. Denn als Leserin weiß ich sehr wohl, dass Du als Autorin oder als Autor Köder aufstellst, um sie erst später zu beantworten. Daher lass die Punkte einfach stehen und lass sie nach und nach sich entwickeln.

9. Stell die Stimme Deiner Geschichte vor

Jede Geschichte hat ihre eigene Stimme, eine eigene Art mit uns zu sprechen. Das kann auf der einen Seite lustig sein, ernst, ironisch oder auch blutig triefend (wie immer das letztendlich auch aussehen mag).

Ein Roman aus der Scheibenwelt hat eine ganz andere Stimme, als ein Roman von Kim Harrison. Finde heraus, was für eine Stimme Deine Geschichte hat oder haben soll und führe sie gleich von Anfang an ein. Wenn sie eher ironisch ist, dann werden Deine Leserinnen und Leser ganz anders mit der Geschichte umgehen, als wenn die Stimme eher ernst ist.

10. Verkauf Dein Buch – mit den ersten Kapiteln

Beim Schreiben oder Verkaufen eines Romans geht es nicht darum, ob man am Ende bei einem Verlag oder einer Agentur unterkommt. Es geht letztendlich darum, ob Du Leserinnen oder Leser findest.

Natürlich, ja, es gibt sie, die Leserinnen und Leser, die sich nicht den ersten Satz durchlesen, die ersten drei Seiten oder die ersten Handvoll Kapitel. Vielleicht lesen sie nur den Klappentext, vielleicht ein paar Bücherblogs mit den dazugehörigen Rezensionen oder was auch immer. Aber das ist eben die eine Gruppe. Und auch die wird irgendwann sich das Buch (hoffentlich) nehmen und dieses von Anfang an bis zum Schluss lesen.

Der Rest gehört dann zur Sorte, dass sie die ersten Seiten durchlesen. Und das bedeutet für Dich, dass Du sie fesseln darfst und solltest. In der ersten Fassung musst Du Dir noch keine Gedanken über den perfekten Anfang machen. Aber früher oder später solltest Du dann bei der Überarbeitung dafür Sorgen, dass Du den perfekten Anfang hinbekommst.

Nur so wird das dann auch der Roman, den Du am Ende auch selbst gerne lesen möchtest. Und dadurch findest Du am Ende auch Deine Leserinnen und Leser. Daher lohnt es sich hier, durchaus Energie aufzubringen.

Abschlussgedanken

Theoretisch kannst Du die oben aufgeführten Punkte innerhalb der ersten Kapitel gemeinsam anwenden. Ob Du es letztendlich machst, das bleibt natürlich Dir überlassen. Du kannst auch alles über den Haufen werfen und sagen, ich mache was ganz anderes.

Das ist völlig Dir überlassen. Aber jetzt kennst Du einige Hinweise, wie man es machen kann. Was Du daraus letztendlich machst, ist völlig Dir überlassen.

Schreib mal ein Anfang …

… welche die Punkte oben sowohl beinhaltet, als ihnen komplett widerspricht. Wie fühlt es sich an? Du kannst auch gerne den Anfang eines Romans verwenden, um damit zu üben. Es geht hierbei um die Übung und wie Du mit den verschiedenen Formen der Anfänge klarkommst.

Deine Anfänge

Nun schau Dir mal Deine eigenen Anfänge an. Wie gut gefallen sie Dir? Und wie sehr entsprechen sie meinen Vorschlägen? Magst Du da noch einmal darüber schauen und sie überarbeiten? Vielleicht kannst Du ja noch einiges herausholen.

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Über Frau Schreibseele

eine schreibende, die auf den weg zu ihrer ersten geschichte ist. und bis dahin gibt es beiträge rund ums schreiben, lesen und erleben auf meinem blog :)
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