[Interview] Nora Bendzko – Schriftstellerin

Hei, hallo und herzlich willkommen,

im Monat der „Wolfssucht“ geht es nun in die zweite Runde. Der Autorin Nora Bendzko habe ich einige Fragen gestellt und sie hat mir geantwortet. Und die kannst Du nun lesen. Viel Spaß dabei.

Zu Deiner Person

Erzähl bitte etwas über Dich.

Erst einmal danke, dass ich hier sein darf! Gestatten, Nora Bendzko: Ich bin in München als älteste Tochter einer Multi-Kulti-Familie geboren worden, mit einem Jazz-Musiker zum Vater und einer marokkanischen Karrierefrau als Mutter … Eine ziemlich bunte Mischung!

Und ich habe immer darauf geachtet, dass mein Leben immer bunt bleibt. Nunmehr bin ich Studentin der Deutschen Philologie an der Universität Wien, Rock- und Metalsängerin, neben dem Schreiben Moderatorin im Rindlerwahn-Autorenforum und arbeite als Lektorin.

Natürlich könnte ich noch ein paar Werdegangsdaten nennen – wie Abitur und dass ich eine Ausbildung im klassischen Gesang hatte – aber ich mag es nicht so trocken

Magst Du uns etwas über Deine Projekte erzählen?

Puh, derer sind viele! Neben Romanmanuskripten, von denen noch eins zu Ende geschrieben, eins überarbeitet werden und ein anderes einen Verlag finden muss, schreibe und veröffentliche ich immer wieder Kurzgeschichten, ganz selten auch Lyrik.

Und dann gibt es natürlich mein Selfpublishing. „Wolfssucht“, das Carola hier ja schon vorgestellt hat, war mein SP-Debüt. Und bei einem Debüt soll es nicht bleiben – daher feile ich gerade das Konzept für eine Grimm-Thriller-Reihe aus.

Ein ganz neuer Bereich für mich. Wenn ich auch immer mit Fokus auf Spannung schreibe, hatte ich lange nicht auf dem Schirm, dass Thriller mir taugen. Ich habe bisher alle möglichen Unterarten der dunkleren Fantastik bedient; dies nun mit Thrillern zu verbinden, ist eine sehr spannende Sache.

Betätigst Du Dich sonst wie noch kreativ?

Ich habe ja schon erwähnt, dass ich Sängerin bin. Einmal in meiner Progressive Metal Band „Avem“ und einmal in der Heavy Metal Band „Nightmarcher“.

Was neben dem Schreiben unglaublich viel Zeit frisst. Ich bin fast viermal die Woche proben. Deswegen bin ich tatsächlich in keiner anderen Weise kreativ, so ausgelastet, wie ich bin

Halt, ich koche sehr gerne! Ob man es als kreativ bezeichnen kann, weiß ich nicht, aber es schmeckt in den meisten Fällen.

Zu Deinem aktuellen Roman „Wolfssucht“

Wie bist Du auf die Idee zu der Novelle gekommen?

Als ich das erste Mal von den sogenannten Ur-Märchen gehört habe, auf denen die Grimm’schen Märchen beziehungsweise die Märchen von Perrault basieren, von denen die Grimm-Brüder unwahrscheinlich viel abgekupfert haben. So auch „Rotkäppchen“.

In Perraults Original wurde schon angedeutet, dass der eigentliche Inhalt von „Rotkäppchen“ sexuell zu interpretieren ist. Und die alten Sagenarchetypen, in denen der Wolf ein Werwolf ist und sogar Menschenfresserei (seitens Rotkäppchen) vorkommt, halten sich gar nicht mehr zurück.

Ich war auf morbide Art und Weise fasziniert, was für dunkle Kerne diese Geschichten haben, die ich als Kind immer als unschuldig empfunden hatte. Und mir kam die Idee: Wie würde sich diese dunkle Nuance in einer Adaption machen?

Warum hast Du gerade das Märchen „Rotkäppchen“ als Grundlage gewählt?

Schwer zu sagen … Die Ur-Versionen haben mich einfach gefesselt. Warum fesseln einen Autor bestimmte Stoffe? Vielleicht habe ich damals, als ich mich mit den Ur-Märchen beschäftigte, irgendetwas in ihnen gefunden, das mich berührt hat.

Du hast Deine Geschichte durchaus als feministisch beschrieben. Magst Du das näher erläutern?

Ich persönlich verstehe „Wolfssucht“ als die Geschichte einer Frau, die an einem System von patriarchalischer Gewalt zu zerbrechen droht und dem Widerstand leistet. Einer der größten Konflikte ist, dass meine Protagonistin Irina von einem Mann begehrt wird, den sie nicht liebt.

Dieser Mann, Skandar, will sie aber nur benutzen, um sich im Dorf besser darzustellen. Das lässt Irina sich nicht gefallen.

Gleichzeitig begegnet sie dem so genannten Wolfsmann, dem jegliche Menschlichkeit von der Gesellschaft abgesprochen wird. Sie erkennt aber, dass er ein Mensch ist wie jeder andere, nur nicht zivilisiert, und setzt sich für ihn ein. Damit vertritt sie unwissend den größten Aspekt des Feminismus: Für die Gleichheit der Menschen einzustehen.

Dein Arbeitsstil als Autorin / Schriftstellerin

Wie kommst Du zu Deinen Ideen?

Ich bin ja eine Autorin, die ihren Lesern immer etwas mitgeben möchte. Also schreibe ich über Dinge, die mich bewegen. Das können soziale, politische als auch persönliche Themen sein. Manchmal kommt mir auch eine tolle Idee in meinen Träumen. Ich habe sehr intensive Träume, die mir schon die fantastischsten Bilder geschenkt haben. So manche dunkelbunte Szene aus meinen Geschichten wurde so geboren, und deswegen gehören Träume auch zu meinen häufigsten Motiven.

Wie plottest Du eine Geschichte?

Ich bin tatsächlich eine total akribische Plotterin.

Wenn ich ein neues Projekt habe, beginne ich erst einmal mit groben Plot- und Charakterbögen. Habe ich eine ungefähre Idee, gehen die ersten Recherchen zu Namen, Setting, et cetera los. Dann versuche ich den Plot auszuschreiben. Ist das geschafft, überlege ich mir, in welcher Perspektive ich schreiben möchte – Ich-Erzählung, allwissender Erzähler, wie viele Hauptfiguren – und lege Kapitelbögen an. Für jedes Kapitel schreibe ich mir zusätzlich auf, was darin passieren soll.

Also wirklich detailreich, wie man sieht. Natürlich verläuft nicht immer alles nach Plan und ich muss während des Schreibprozesses editieren. Aber ohne eine solche Planung könnte ich gar nicht erst anfangen. Ich brauche diesen roten Faden, mit dem ich mich von Szene zu Szene hangeln und auf die Auflösung hinschreiben kann.

Was ist Deine besondere Arbeitsweise, welche Deinen Stil prägt?

Wie schon gesagt, das detailreiche Plotten, mit dem ich versuche, meine Geschichten so dicht wie möglich aufzubauen. Dann habe ich meist mehrere Überarbeitungsläufe.

Beim ersten Mal versuche ich das Manuskript alleine auf einen möglichst guten Stand zu bringen, indem ich alles Unnötige wie lange Sätze, Füllwörter, Plotholes und Ähnliches entferne. Dann geht es natürlich an die Testleser.

Beim Schreiben selbst versuche ich immer darauf zu achten, dass ich meinem ganz persönlichen Stil treu bleibe. Das bedeutet für mich: Neue Metaphern finden, bildgewaltig und intensiv schreiben, düstere Themen mit Hoffnung und Empowerment verbinden.

Vermisse ich das irgendwo, wenn ich überarbeite, sitze ich manchmal minutenlang nur vor einer einzigen Seite, um die richtigen Worte zu finden.

Deine Veröffentlichung

Wolfssucht“ ist im Selfpublishing erschienen. Warum?

Ich wollte „Wolfssucht“ schon seit Jahren schreiben. Die Idee hatte ich schon mit 17. Die passende Gelegenheit kam 2014 mit dem Waldhardt Verlag; der machte nämlich eine Ausschreibung für Märchenadaptionen. Leider wurde „Wolfssucht“ dort nie gesichtet, weil die Verlegerin schwer erkrankte. Bis heute gibt es keinen Gewinner und man hat nie wieder etwas wegen der Ausschreibung gehört.

Ja, und da stand ich also. Ich fand es schade, „Wolfssucht“ wieder in die Schublade zu verbannen. Zu dem Zeitpunkt war ich aber schon mit einigen erfolgreichen Selfpublishern in Kontakt und hatte schon öfter mit dem Medium geliebäugelt. Da dachte ich mir: Warum springst du nicht ins kalte Wasser? Und habe es getan, ohne es zu bereuen.

Warum ich überhaupt daran dachte, ins Selfpublishing zu gehen? Ich mochte den Gedanken, künstlerisch vollkommen frei zu sein. Mit Lektor, Designer, Layout. Und vor allem: Unabhängig zu sein. Mit meinem eigenen Tempo arbeiten zu können. Ich mochte es noch nie, mich auf andere Leute verlassen zu müssen, habe alles immer selbst in die Hand genommen, wenn ich konnte. Selfpublishing erfüllt dieses Grundbedürfnis von mir.

Was war die besondere Herausforderung dabei?

Das ganze technische Drumherum. Oh Gott, wollte ich mich beim Layouten und beim Erstellen des E-Books manchmal erschießen! Das hat mich wirklich Zeit und Nerven gekostet. Aber ich wusste auch, dass das auf mich zu kommt. Inzwischen freue ich mich umso mehr aufs nächste Buch, jetzt, wo ich weiß, worauf ich achten muss.

Was für Werbemethoden hast Du verwendet und welche haben sich als effektiv erwiesen und welche nicht?

Ich habe eine Homepage und einen Facebook-Account. Das Buch ging an ein paar Buchblogger, ich habe eine Leserunde auf LovelyBooks veranstaltet, hatte einen Starterpreis und eine kostenlose Werbeaktion mit dem E-Book für ein paar Tage.

Wie effektiv meine eigenen Seiten sind, ist schwer zu sagen, da sie nur ein paar Monate jung sind und ich entsprechend nur ein paar Follower habe bisher. Der Traffic ist aber erstaunlich gut, die Seiten werden auch von Leuten angesehen, die mir nicht folgen. Der Starterpreis hatte auch Wirkung gezeigt, es gab da eindeutig mehr Downlads im E-Book-Bereich. Und die Buchblogger und die Leserunde haben sich als absolut effektiv erwiesen! Ich hatte das Glück, nur gute und sehr gute Rezensionen zu bekommen. Die Gratisaktion habe ich gemacht, um meine ersten 100 Facebook-Likes zu feiern und zu schauen, was so eine Aktion bringt. Das Ergebnis: Die Verkäufe der digitalen Bücher steigen tatsächlich. Minimal, aber sie tun es.

Trotzdem werde ich so eine Aktion nicht wieder machen. Allenfalls im Rahmen einer besonderen Aktion (Gewinnspiel zum Beispiel). Die Leute sollen sich ja nicht an kostenlose E-Books gewöhnen.

Würdest Du im nach hinein Dinge anders machen? Oder bist Du trotzdem mit dem Erfolg zufrieden, den Du erzielt hast?

Das Eine schließt das Andere nicht aus. Ich bin wirklich zufrieden und einfach nur froh, dass ich diesen Schritt gewagt habe. Dabei habe ich gleichzeitig ein paar Dinge gelernt, die ich nächstes Mal anders machen möchte. Zum Beispiel eine Startaktion durch einschlägige Portale bewerben. Ich möchte auch mehr Social-Media-Kanäle haben, um mehr Publicity im Vorfeld machen zu können (gerade habe ich mir Twitter eingerichtet). Und überhaupt das nächste Buch mit meinen neugewonnen Erfahrungen so gut wie möglich machen.

Du als Autorin

Wie siehst Du Deine schriftstellerische Zukunft?

Schreiben, Schreiben, Schreiben, und habe ich Schreiben gesagt? Ich wage dabei nicht, das Wort „Berufsautorin“ in den Mund zu nehmen – tatsächlich, weil ich es mir nicht vorstellen kann. Das würde für mich bedeuteten, Musik und Lektorat aufzugeben, und das kann ich nicht. Aber ich möchte auf jeden Fall professionell schreiben. Mir im besten Fall ein kleines Standbein damit aufbauen.

Möchtest Du weiterhin im Selfpublishing veröffentlichen? Oder in Verlagen?

Definitiv beides. Für die meisten Autoren gibt es nur einen Weg, was mich immer wieder erstaunt. Tatsächlich betrachte ich diese unterschiedlichen Veröffentlichungswege als unterschiedliche Medien. Es gibt Bücher, die sind eindeutig besser fürs Selfpublishing geeignet, und andere besser für den Verlag. Die Titel, mit denen ich mich ins SP begebe, möchte ich darauf abstimmen. Nicht thematisch, sondern Kriterien wie Länge und Preis betreffend. Da folgen beide Seiten ihren ganz eigenen Regeln, die Autor doch zum Vorteil nutzen kann!

Was möchtest Du mit Deiner Arbeit erreichen?

Auch wenn das wahnsinnig überhöht klingt: Es gab eine Zeit, da war Schreiben für mich wie Rettung und Selbstfindung.

Über die Zeit ist es wie ein Anker in mir geworden. Ich werde tatsächlich unglücklich, wenn ich eine gewisse Zeit lang nicht schreiben kann. Das Erste, was ich daher mit meiner Arbeit erreichen will, ist, mir meine Gefühle von der Seele zu schreiben. Das brauche ich einfach.

Und der nächste Schritt ist, meine Leser zu finden. Ich möchte die Menschen mit meinen Geschichten berühren und zum Nachdenken bringen. Tatsächlich vertrete ich dabei eine ganz eigene Philosophie: Ich bin der absoluten Überzeugung, dass spannende, unterhaltsame Geschichten ebenso tiefe Aussagen haben können wie die Klassiker der hohen Literatur.

Mein großes Wunschziel ist daher, das akademische und unterhaltsame Schreiben in meinen Geschichten zu verbinden. Ich stehe da gerade mal am Anfang meines Weges, gehe aber mit meinem Studium jeden Tag einen kleinen Schritt weiter.

Und wenn das alles geschafft ist, wären grüne Zahlen nicht schlecht – sie müssen nicht hoch sein, Hauptsache grün.

Die letzte Frage

Wenn eine Anfängerin oder ein Anfänger zu Dir käme und Dich fragen würde, welchen Ratschlag Du ihr oder ihm als Autorin geben würdest, welcher wäre es?

Schreib! Jetzt!

Kein Zögern, keine Ausreden, kein „Ich hab keine Zeit“ oder „Aber das ist doch blöd“. Bring dein Buch zu Ende. Und vergiss bloß nicht den wahren Spaß im Anschluss: Das Überarbeiten.

Wenn das geschafft ist: Nach dem Buch ist vor dem Buch.

Sei hartnäckig. Und vergiss nie die Frage: Was will ich?

Eine Geschichte erzählen, von der du Feuer und Flamme bist, oder?

Lass dieses Brennen niemals verlöschen. Schon gar nicht von der Gier nach materiellem Erfolg. Glaub mir: Man wird nicht Schriftsteller, weil man das große Geld verdienen möchte – dafür sind andere Branchen wesentlich geeigneter. Man schreibt, weil man etwas zu erzählen hat.

Hast du das?

Dann braucht die Welt vielleicht deine Geschichte – lass dich nicht aufhalten!
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Über Frau Schreibseele

eine schreibende, die auf den weg zu ihrer ersten geschichte ist. und bis dahin gibt es beiträge rund ums schreiben, lesen und erleben auf meinem blog :)
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3 Antworten zu [Interview] Nora Bendzko – Schriftstellerin

  1. Nora Bendzko schreibt:

    Hat dies auf Nora Bendzko rebloggt und kommentierte:
    Nach Carolas Rezension von Wolfssucht auf ihrem schreibkasten-Blog darf ich nun mit einem Interview dort vertreten sein – umfangreicher als je zuvor 🙂

    Wer mehr darüber erfahren möchte, wie ich eigentlich arbeite, warum ich ins Selfpublishing gegangen und warum ich überhaupt schreibe, wird dort die eine oder andere Überraschung finden!

    Gefällt mir

  2. Pingback: Reblog: [Interview] Nora Bendzko – Schriftstellerin | Textflash

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