[Gastbeitrag] Mach nicht Geschlechter, mach Charaktere!


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Hallo und herzlich willkommen!

Ich habe die Ehre, heute anstelle von Carola für den Schreibkasten zu philosophieren. Ihre treuen Follower dürften in den letzten Wochen bemerkt haben, dass ich hier schon mit Buch und Interview vertreten war – gestatten, Nora Bendzko. Ich zähle zur fraulichen Seite des Universums, wie man an meinem Namen vielleicht erahnen kann. Da ich eine Autorin bin, die nie Abwechslung genug bekommen kann, habe ich nicht nur weibliche, sondern auch männliche Protagonisten. Wie viele andere Autoren sicher auch.

Tatsächlich bin ich auch der Riege begegnet, für die der Sprung in den Kopf des „anderen“ Geschlechts ein großes Thema ist. Stichwort:

Gender-Marketing.

Wie schreibe ich Mann/ Frau in einem Männer-/ Frauenbuch und vice versa? Solche und ähnliche Fragen sind in der Literaturwelt gar nicht so selten, insbesondere bei romantischen und erotischen Titeln. Erotik aus Frauensicht, aber vom Autor geschrieben? Gay Romance von der Autorin? Und vergessen wir nicht die geschlechterexklusiven Kategorien wie den Begriff der „Frauenliteratur“.

Ist das schon für manche ein Streitfeld, so ist ein noch größeres: Wie mache ich Geschlecht?

Diesbezüglich hat sich mir eine Diskussion in einem Autorenforum eingeprägt. Dort wollte ein Autor erstmals ein Buch für Frauen schreiben und fragte, inwiefern sich Frauen- von Männersprache unterscheidet. Was zeigte, wie sehr Lesern und Autoren eine binäre Vorstellung der Geschlechter einprogrammiert ist. Klassische Annahmen wie „Frauen reden“ mehr und „Männer sind einfacher gestrickt“ wurden bei der Diskussion in den Raum geworfen.

Entsprechend einfach scheint die Frage zu beantworten: Wie mache ich Geschlecht? Ganz klar, ich orientiere mich am klassischen Rollenbild.

Meine Antwort dazu ist: Jein, so simpel ist das nicht.

Im Folgenden werde ich erläutern, warum diese Rollenbilder eine fiese Schreibfalle sein können, und inwiefern die Geschlechterfrage von dem ablenken kann, was zur Standardarbeit von Profiautoren gehören sollte: Charaktere schaffen!

Kurze Einführung: Zu Gender, Sex und Gender-Marketing

Ich werde mich in diesem Artikel, wann immer ich „Geschlecht“ schreibe, auf die literaturwissenschaftliche Bedeutung von „Gender“ nach Judith Butler beziehen. Diese teilt „Geschlecht“ wie folgt ein:

Gender = Geschlechtsidentität (mental & sozial)

Sex = angeborene Geschlechterorgane (körperlich)

Trotz einem großen Zuwachs an LGBTQ-Literatur und dessen steigender Nachfrage herrscht in der deutschen Literaturlandschaft das Bild des „klassischen“ Frauenkörpers mit „klassischer“ Frauenidentität vor (auf Männer übertragbar). „Klassisch“ beziehe ich auf die mentalen und körperlichen Geschlechtszuschreibungen, wie sie im 18. Jahrhundert mit dem Vater-Mutter-Kind-Modell eingeführt wurden.

Zuschreibungen, die für das sogenannte Gender-Marketing von großer Relevanz sind. Denn dieses geht von eklatanten Bedürfnisunterschieden zwischen den Geschlechtern aus, wie sie von den Erwartungen der Gesellschaft – der jeweiligen Geschlechterrolle – geschaffen werden. Produkte dieses Marketings sehen wir tagtäglich ums uns: Die Trennung von Jungen- und Mädchenspielzeug in Blau und Rosa, Bikini-Models in der Axe-Werbung, oder das neue Grillbuch für „echte Männer“. So viele dieser Produkte erfolgreich verkauft werden, so viele erhalten auch Kritik.

Zwei Beispiele aus dem künstlerischen Betrieb, die beide Extreme darstellen: Gender-Marketing, das funktioniert hat, und Gender-Marketing, das in die Hose ging.

Beispiel 1: Revolutionary Girl Utena


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Unschwer zu erraten, an wen sich dieses DVD-Cover richtet, oder? Die Akzente sind mit den pinken Farben, den schönen Mädchen, dem Ballkleid und dem Schloss eindeutig gesetzt. Wer sich mit Animés auskennt, wird die langgliedrigen Figuren dem „Shoujo“-Genre zuordnen können, den Animés für Mädchen und junge Frauen.

Gerne hätte ich ein Buch vorgestellt, aber „Revolutionary Girl Utena“ (jap. „Shoujo Kakumei Utena“) ist so ein exzeptionelles Beispiel, dass ich es einfach nicht vorenthalten kann. Tatsächlich: Es handelt sich hier um einen Animé für heranwachsende Frauen.

Mit den pinken Haaren der Protagonistin, den Rosen, unglaublich schönen Prinzen und unzähligen Märchenmetaphern ist „Revolutionary Girl Utena“ fast beleidigend klischeebeladen. Und doch ist die Serie nicht als Trash-Titel berühmt geworden. Tatsächlich ist diese Märchenwelt, wie sie pinker und heiler nicht sein könnte, eine Fassade, unter der Themen wie Missbrauch, Inzest, Vergewaltigung, Homosexualität, patriarchalische Gewalt und Todessehnsucht brodeln. So subtil und surreal verarbeitet, dass jüngere Zuschauerinnen nicht davon geschockt werden, sondern sich nur an den mädchenhaften Elementen erfreuen. Und rückblickend, als Erwachsene, eine tiefe Message für sich entdecken können. Die Serie zeigt insbesondere Empathie für japanische Frauen, die durch ihre Geschlechterrolle unterdrückt werden, und wie man aus dieser Rolle ausbrechen kann, ohne die eigene Weiblichkeit einzubüßen.

Regisseur Kunihiko Ikuhara – ja, ein Mann – hat sein Zielpublikum eindeutig verstanden. Entsprechend erfolgreich war „Revolutionary Girl Utena“.

Beispiel 2: Die inneren Werte von Tanjas BH


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Das Bild zeigt ein Werbeplakat des Jugendromans „Die inneren Werte von Tanjas BH“, das auch als Poster dem Buch beilag. Die Autorin Jutta Wilke veröffentlichte es unter dem Pseudonym „Alex Haas“ im renommierten Oetinger Verlag. Wie bei „Revolutionary Girl Utena“ wurden hier Teenager und junge Erwachsene als Zielgruppe angepeilt, diesmal Jungen.

Kaum wurde das Werbeplakat online und in Schulen ausgestellt, wurde Oetinger mit einem gewaltigen Shitstorm konfrontiert. Der Grund? Das Plakat wurde von Mädchen und Eltern als sexistisch empfunden. Die Kontraste auf dem Plakat sind eindeutig: Wo der Junge ein „Superhirn“ besitzt, hat das Mädchen einen „Hohlraum“, und so weiter.

Laut Oetinger hatte man versucht, auf ironische Art eine „authentische“ Weltsicht des pubertären Hauptcharakters wiederzugeben, für den Mädchen noch eine fremde Welt sind. Nur wurde eine Sache nicht beachtet: Das Plakat ist nicht nur geschlechter-exkludierend, sondern auch geschlechter-bewertend. Eine solche Werbung ohne Kontext in einem geschlechterübergreifenden Raum aufzuhängen – der Schule – kann nur auf Empörung stoßen. Der Verlag verteidigte die Werbeaktion mit Argumenten wie „so denken junge Männer eben“. Darüber kann man streiten. Worüber man nicht streiten kann, ist die Tatsache, dass die Werbeaktion nach hinten losging.

Was bedeutet das für mich als Autor?

Wie man an diesen Beispielen sieht, kann Gender-Marketing sehr unterschiedlich ankommen. Nehmen wir an, du als Autor oder Autorin begibst dich auf dieses Gebiet. Ich denke, du wünschst dir, dass dein Buch gut ankommt, und nicht wegen einer politischen Unkorrektheit verrissen wird, die du nicht angestrebt hast? In diesem Fall hätte ich ein paar Tipps für dich!

Bewerte das Geschlecht nicht über

Wenn wir Autoren etwas Neues ausprobieren, tendieren wir in der Regel dazu, zu übertreiben. Ich erinnere mich noch an meine Babyschritte in Sachen Erotik – grauenvoll ist noch untertrieben! Entsprechend ist es nicht verwunderlich, dass wir erst einmal blockiert sind, wenn wir zum ersten Mal in einer ungewohnten Geschlechterperspektive schreiben.

Das absolute No-Go: Die reine Klischee-Reproduktion. Insbesondere, wenn es nicht nur einzige Figur, sondern die ganze Geschlechtergruppe im gesamten Buch betrifft. Auch wenn es auf den ersten Blick einladend wirken mag. Wir würden ja nicht haarklein jedes Klischee in eine Liebesgeschichte, einen Krimi oder Science-Fiction packen. Sicher, es sind genug nostalgische Akzente für den Vielleser gesetzt, aber dann braucht der doch ein bisschen mehr, damit die Geschichte nicht platt auf ihn wirkt.

Und da mischen Charaktere besonders mit, fern vom reinen Klischee – Geschlecht eingeschlossen.

Der eine oder andere wird sich hier denken: „Aber es ist doch witzig, wenn mit Klischees gespielt wird.“ Ja, und ob! Um mit Klischees spielen zu können, muss man aber enormes Wissen über sie verfügen, sowie die Fähigkeit, sie humorvoll gegeneinander auszuspielen. Humor kann auch nur durch Kontraste stattfinden. Wo Klischee normalisiert wird, um eine ganze Gruppe zu definieren, wird ein lustiger Aha-Effekt beim Leser ausbleiben. Ist dieser gelangweilt oder empört, nützt es nichts zu wettern, dass der eigene Witz nicht verstanden wurde – dann war man vielleicht einfach nicht witzig.

Ein Geschlecht ist nicht alle Geschlechter

Möchte man jenseits des Klischees schlau werden, kommt man um eines nicht herum: Recherche. Was bedeutet: Nicht nur einen einzigen Repräsentanten einer Geschlechtergruppe fragen und glauben, so ticken alle seine Genossen.

Ich erinnere mich an eine Diskussion in einem Autorenforum, wo eine erotische Szene besprochen wurde. Dort verwöhnte die Frau die Brustwarzen des Mannes, worauf einige Autorinnen meinten: „Das solltest du streichen, mein Mann sagt immer, Männer mögen das überhaupt nicht!“ Und gleichzeitig tat sich ein ganzes anderes Lager auf: „Was, Blödsinn, mein Mann liebt das!“

Daran sieht man, dass allein schon Details der Sexualität sehr individuell sind. Entsprechend individuell sollte die Geschlechterdarstellung deiner Charaktere im Gesamten ausfallen. So machst du sie wesentlich realistischer.

Show, don’t tell!

Ja, die Binsenweisheit aller Autoren gilt auch für Geschlecht. Schon Judith Butler stellte in „Gender Trouble“ fest, dass Geschlecht vornehmlich performativ ist. Soll heißen: Wir zeigen unsere Geschlechteridentität mit unserem Verhalten. So kann ein Mann „weiblich“ die Hüften schwingen oder ein Tomboy „männlich“ auf uns wirken, obwohl biologisch als Frau geboren. Das lässt sich eins zu eins auf Geschichten übertragen.

Mehr als einmal sind mir bei Texten Phrasen untergekommen wie: „Er war die Definition von Männlichkeit.“ Was ein erstaunlich nichtssagender Satz ist. Wie schon gesagt, ist Geschlecht individuell, entsprechend auch die Vorstellung von Geschlechteridealen. Für den einen mag die „Definition von Männlichkeit“ ein braungebrannter, leidenschaftlicher Bodybuilder sein, für jemand anderen ein distanzierter Gothic mit langen Haaren und feinem Gesicht. Andere Menschen machen gar ihr Ideal nur an inneren Werten fest und finden keine Antwort auf die Frage, was ihr Typ sei.

Also: Definiere! Aus den individuellen Augen des Protagonisten, nicht mit der allgemeingültigen Stimme des Erzählers. Und noch viel wichtiger als das Aussehen: Wie zeigt sich das Geschlecht deiner Charaktere in ihrem Verhalten? Dabei meine ich nicht, dass gewisse Handlungen von der Erzählerstimme als „weiblich“ oder „männlich“ bewertet werden sollen. Schreib wertfrei. Der Leser kann das Verhalten deiner Charaktere sehr gut mit seinen eigenen Vorstellungen abgleichen.

Gender-Marketing heißt nicht „Kampf der Geschlechter“

Das betrifft nicht nur die Binarität von Männern und Frauen, sondern auch Binaritäten wie Queer und Hetero, Gay versus Frauen, et cetera. Öfter kommen mir Texte unter, in denen verschiedene Geschlechter auftreten und sich ein Geschlecht als das „stärkere“ auftut (was längst nicht immer Männer sind, übrigens), während andere Geschlechtertypen dem untergeordnet, manchmal denunziert werden. Es gibt auch Bücher, die explizit vom „Kampf der Geschlechter“ leben, wie humoristische Belletristik, in dessen Zentrum die Gegensätze von Männern und Frauen stehen. Problematisch ist hier nicht, dass Differenz und Klischee Lacher hervorrufen, sondern, wenn zwischen den Zeilen pauschalisierende Bewertungen stattfinden. Ein Beispiel dafür wäre frauenexkludierende Gay Romance, die Frauen nur als „die Anderen“ und Antagonistinnen auftreten lässt, aber eben nicht als „normale“ Charaktere.

Hier ist das Stichwort: Respekt. Für alle Seiten.

Das bedeutet nicht, dass alle Charaktere in einem Buch politisch korrekt geschrieben sein müssen. Im Gegenteil, ein sexistisches Aas kann ganz schön Wind in einen Plot bringen. Es sollte dabei nur berücksichtigt werden, dass von Erzählerstimme oder Message eine bestimmte Geschlechtergruppe nicht pauschal niedergemacht wird. Zumal diese Geschlechtergruppe Teil der eigenen Leser sein kann.

Nicht an Schemata festhalten – Geschlecht ist veränderlich!

So, wie sich die Ideale der jeweiligen Geschlechterkörper durch die Jahrhunderte immer gewandelt haben, haben sich auch die Vorstellungen davon geändert, wie Mann und Frau sich zu verhalten haben – und tun es immer noch!

Früher waren Drachenkämpferinnen holde Maiden, die Babydrachen mit ihrer Lieblichkeit bezähmten. Heute köpft die erwachsene Alice den Drachen im Wunderland. Einst becircten sanftmütige Gentlemen mit adeligem Gemüt die Damenwelt. Nun sind die Bad Boys, bösen Rocker und Männer mit gebrochenen Herzen auf dem Vormarsch. Im 21. Jahrhundert gibt es von den traditionellsten bis zu den liberalsten Darstellungen hin alles an Extremen und Zwischenstationen. Entsprechend ist Gender-Marketing schwerer denn je, kritisierter als je zuvor.

Wirst du also mit beleidigten Lesern konfrontiert, haue ihre Kritik nicht mit dem Hammer nieder – rede mit ihnen! Denn sie sind deine beste Informationsquelle. Wenn du Gender-Marketing machen willst, musst du wie bei jedem anderen Markt immer up to date sein. Und musst manchmal auch ins kalte Wasser springen und dich fragen: Was könnte morgen sein?

Vielleicht verlässt die Erotik ihre Schmuddelkiste und wird zur etablierten Literatur? Vielleicht wird Queer Romance das große neue Ding? Vielleicht haben die Leute die Schnauze voll von Dreiecksbeziehungen und warten auf den ersten großen Bestseller, in dem die Protagonistin sich einfach für beide Männer entscheidet?

Probiere es aus!

Was immer du an neuer Perspektive oder Zielpublikum ausprobierst: Am Ende gibt es nur Try and Error mit deinen Charakteren. Lass dich gar nicht erst zu dem Gedanken verleiten, nicht eine „andere“ Darstellung auszuprobieren, weil sie nicht vorgekauten Geschlechterbildern entspricht. Lieber Kritik für interessante Charaktere als für uninteressante Geschlechterplakate bekommen – und daran wachsen!

 

 

 

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Über Frau Schreibseele

eine schreibende, die auf den weg zu ihrer ersten geschichte ist. und bis dahin gibt es beiträge rund ums schreiben, lesen und erleben auf meinem blog :)
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12 Antworten zu [Gastbeitrag] Mach nicht Geschlechter, mach Charaktere!

  1. nikeleonhard schreibt:

    Hat dies auf Nike Leonhard rebloggt und kommentierte:
    Sehr guter und ausdifferenzierter Artikel zum Umgang mit Geschlecht und Klischee beim Schreiben. Kann ich voll und ganz unterschreiben.

    Gefällt 2 Personen

  2. Nora Bendzko schreibt:

    Hat dies auf Nora Bendzko rebloggt und kommentierte:
    Heute folgt der große Abschluss meines Gastaufenthalts auf Carolas Schreibkasten: Ein Blogbeitrag zum Thema Schreiben, Geschlechterdarstellung und wie man sich dabei zurecht finden kann. Danke, dass ich auf deinem Blog vertreten sein durfte, Carola!

    Gefällt 2 Personen

  3. Pingback: Gefunden – Gastbeitrag von Nora Bendzko im Schreibkasten: Mach nicht Geschlechter, mach Charaktere! | Textflash

  4. San schreibt:

    Grundsätzlich guter Artikel. Aber natürlich kann von der Erzählstimme auch eine bestimmte Geschlechtergruppe pauschal niedergemacht werden. Ist dieser charakter ein Schwuler, der nicht auf Transen kann, muss er sich im Roman entsprechend verhalten. Ist er ein Homophober, muss er sich ebenso verhalten. Das ist ja nicht die Meinung des Autors, es ist der Charakter. Und eben bei der personellen Erzählweise sehr wichtig. Das hat ja mit Respekt nichts zu tun. In einem Follett-Roman, in dem es Szenen aus der Sicht eines Nazis gibt, mag der ja auch keine Juden plötzlich, nur weil der Autor Respekt rüberbringen will.

    An den meisten Gay Romances krankt es heute an zwei Dingen: Zum einen die correctnes, die viele Romane unglaubwürdig macht. So ist in Schwulenkreisen es heute sehr in, Gummis wegzulassen. Natürlich nicht bei allen Schwulen, es gibt diese Kreise aber. Das wird jedoch totgeschwiegen, stattdessen wird immer nur auf „vorbild sein“ geachtet, was das aber unglaubwürdig macht. Es müsste auch thematisiert werden.

    Das andere ist, und das ist der wichtigste Kritikpunkt an den meisten Gay Romances heute, dass bei einem schwulen Paar einer der beiden Männer im grund nichts anderes als eine Frau ist. Anderer Name, ein bisschen was ändern, schon hätte man einen Hetero Liebesroman. Und das ist unglaubwürdig, Schwule sind und bleiben Männer, auch wenn diese passiv oder feminin sind.

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    • Carola vom schreibkasten schreibt:

      Hallo San,

      vielen Dank für Deinen Besuch und Deinen Kommentar.
      Ich habe Nora Bendzko auf Twitter darauf aufmerksam gemacht, dass ihr Beitrag einige Kommentare hat, damit sie sich ebenfalls dazu äußern kann. Trotzdem möchte ich Dir an dieser Stelle antworten, wobei das natürlich meine Meinung ist und nichts mit Nora oder ihrem Beitrag zu tun hat (zwei unterschiedliche Dinge halt 🙂 ).

      Was Du beschreibst, empfinde ich halt sehr als Klischee. Wenn wir es mit einem Schwulen zu tun haben, muss er irgendwie wie eine Transe daher kommen. Also diese übertriebene weibliche Gehabe und so weiter. Daher habe ich vor längerer Zeit auch den Beitrag geschrieben, dass man sich bitte als Autorin oder als Autor immer an das gegebene Versprechen hält (https://schreibkasten.wordpress.com/2016/06/06/bitte-erinnere-dich-immer-an-dein-versprechen/). Damit meine ich auch, wenn man einen glaubwürdigen Charakter erschaffen hat, dass man diesen Charakter lebt und ihn nicht unglaubwürdig erscheinen lässt.

      Das ist das, was Du beschreibst. Nicht die Meinung der Autorin oder des Autors sollte in die Figuren hineinscheinen, sondern der Charakter soll sich zeigen. Und sämtliche Klischees sollten dabei nicht berücksichtigt werden. Denn was ist schon genau ein Mann? Ein Mann ist genauso vielschichtig wie Frauen. Es gibt Männer, die sind Alphas (um einfach bei dieser Erklärung zu bleiben). Andere hingegen sind eher Betas und dann gibt es Männer, die kann man überhaupt nicht eindeutig zuordnen.

      Und ja, gelegentlich kann sich auch ein Mann etwas femininer benehmen (warum nicht). Aber die Kritik, dass viele Schwulenromane nur verkappte Hetenromane sind, das habe ich auch schon gehört (ich gestehe, in diesem Bereich kenne ich mich noch nicht sehr gut aus).

      Aber ich warte noch ab, was Nora zu Deinem Kommentar zu schreiben hat. Danke auf alle Fälle dafür 🙂

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    • Nora Bendzko schreibt:

      Hallo San!

      Danke fürs Lesen und deine Gedanken 🙂

      Was du zur Erzählerstimme sagst, ist durchaus richtig und berechtigt. Deswegen war es mir ja auch wichtig im Artikel zu betonen, dass gutes Gender-Marketing nicht gleich „Political Correctness“ sein muss. Hier scheidet sich der Weg für mich durch drei verschiedene Fragen:

      1) Ist es nur die authentische Perspektive des Erzählers? (Dass er jetzt nicht auf etwas kann, worauf auch immer?)
      2) Oder überschneidet sich die Erzählerstimme mit der Autorenstimme?
      3) Oder formuliert die Erzählerstimme eine abschließende Message, die zu Ungunsten einer bestimmten Geschlechtergruppe ausfällt?

      Dein Beispiel mit dem Follet-Roman und dem Nazi fällt deutlich unter Punkt 1 und ist wahrscheinlich auch insoweit interessant, da er sich differenziert mit der authentischen Perspektive des Nazis von damals auseinandersetzt. Würde Follett dagegen Punkt 2 und 3 mitnehmen – sagen wir mal, Autorenstimme und Message würden das Töten von Juden gutheißen, aus welchen Gründen auch immer – dann gibt das natürlich Probleme 😉

      Das Beispiel mit der „Correctness“ bezüglich Gummis müsstest du mir etwas näher erklären. Ich lektoriere ja in dem Bereich und kenne das Phänomen, wüsste aber nicht, was das mit Correctness zu tun hat. Ich dachte mehr, das hat mit der Fantasie des perfekten Sexes zu tun? (Und da darf sich natürlich nichts zwischenschieben?) Ist ja auch nicht nur ein Phänomen im Gay, sondern auch im Hetero Romance.

      Was du zur „Frau als Homosexueller“ gesagt hast, kann ich nur voll und ganz unterstreichen. Meine Vermutung ja, dass sich dieses Bild auch durch japanische Shonen Ai und Yaoi durchgesetzt hat. Die meisten Gay Romance Autoren lesen sehr viel in diesen Genres und lassen sich da von einigen Klassikern inspirieren. Und optisch sind da die Charaktere oft eindeutig aufteilbar in männlicher Typ und weiblicher Typ. Im Grunde eine heterosexuelle Schablone, die einem homosexuellen Pärchen „aufgezwängt“ wird. Warum, kann ich nur spekulieren … Einfach reproduziertes Klischee, das man ursprünglich erschaffen hat, um Homosexualität durch die Brille der Heterosexualität besser zu „verstehen“?

      Aber schon zu lesen, dass sich immer mehr Leute diesem Klischee bewusst zu werden scheinen. Da kann ich ja auf viele Bücher mit erfrischenden Darstellungen in der Zukunft hoffen 🙂

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  5. Sascha schreibt:

    Bin über das Kommentar bei „Like a Dream“ (Gruß von einem Stevie Universe – Fan an den anderen `winkt*) auf Deinen Blog gestoßen. Dieser Artikel hier gefällt mir sehr, gerade weil ich als Leser mit vielfältig queerem Hintergrund oft Probleme habe, mich in Büchern wiederzufinden und mein Kopf gerne immer mal wieder auf die Tischkante knallt *g* … es ist eben nicht alles schwarz – weiß, den Männer / Frauen sind einfach mal Menschen, und da tickt jeder anders, das kommt hier sehr schön rüber.

    Prima Tipps, die sich hoffentlich viele zu Herzen nehmen. Nicht nur beim Schreiben, sondern auch beim Lesen und im Alltag 😉

    Gefällt 1 Person

    • Carola vom schreibkasten schreibt:

      Hallo Sascha,

      jetzt hast Du mich auf einen sehr kalten Fuß erwischt. Denn ich war schon länger nicht mehr auf dem Blog und ob ich da früher einen Kommentar hinterlassen habe, zumindest erinnere ich mich nicht daran. Vielleicht hast Du ja einen Link für mich.

      Aber es stimmt. Menschen sind unterschiedlich. Da gibt es nicht, Frauen sind so und Männer sind so. Ich ärgere mich halt öfters darüber, wenn es heißt, Frauen kaufen ja so gerne Schuhe ein. Stimmt nicht, ich hasse es Schuhe einzukaufen. Dementsprechend sieht mein Schuhschrank aus. Das nur als Beispiel. Es gibt solche und solche Menschen. Und ich hoffe, dass ich zukünftig das eine oder andere Buch lesen darf, dass nicht in Schema F hineinpasst. Darüber würde ich mich sehr freuen.

      Auf alle Fälle habe ich mich sehr über Deinen Besuch gefreut. Vielen Dank 🙂

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    • Nora Bendzko schreibt:

      Hallo Sascha, Grüßle zurück!

      Ich freue mich sehr, dass der Beitrag so gut bei dir ankommt ^_^

      Das hast du wunderschön gesagt mit dem Nicht-Schwarz-Weiß, genau darum ging es mir. Und ja, wenn wir das öfter im Alltag denken würden, wäre das noch viel besser. Ich habe ja die leise Hoffnung, dass wenn man Änderungen im Rahmen von Literatur bewirkt – und seien sie noch so klein – schon einiges bewirken kann 😉

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