Brauchen wir mehr queere, behinderte oder farbige Charaktere in Romanen?

Hei, hallo und herzlich willkommen,

Twitter erweist sich häufig als Quelle philosophischer Gedanken. Vor einiger Zeit teilte eine Userin mit, dass sie gegen unnötige Einführung Queerer Charaktere ist, weil es unrealistisch sei. Darauf entgegnete jemand anders, dass diese Gedanken jedoch an der Realität vorbeilaufen.

Daher möchte ich hier meine persönlichen Gedanken zu diesem Thema aufschreiben.

Kurze Vorgedanken

Leider habe ich mir damals nicht einen Link gesetzt, um direkt zu dem durchaus interessanten Monolog der Userin verweisen zu können. Daher beziehe ich mich im Folgenden nur indirekt darauf und schreibe meine persönlichen Gedanken dazu.

An dieser Stelle möchte ich Dich einladen, Dir selbst über dieses Thema Gedanken zu machen. Sehr wahrscheinlich werden sie von meiner Meinung abweichen (was in Ordnung ist). Und es kann auch sein, dass in einigen Jahren sich unser beider Meinungen ändert. Aber wichtig finde ich, dass wir eine persönliche Position dazu finden, die aktuell für uns Gültigkeit hat.

Ein Blick in die Realität

Aktuell lebe ich in einer Großstadt und da kommen mir AusländerInnen aus unglaublich vielen Ländern entgegen, Homosexuelle, Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen und keine Ahnung wer noch.

Zugegeben, wie es in kleineren Städten oder Dörfern vor sich geht, darüber kann ich keine Aussagen machen. Dafür war ich zu wenig an solchen Orten. Aber häufig lese ich von anderen Menschen, dass es dort nicht so gemischt vor sich gehen soll, wie in Berlin. Und doch behaupte ich aus meinem naiven Elfenbeinturm, dass es auch dort sicherlich einige Beispiele aus der Liste von oben gibt.

Mit anderen Worten, wenn wir vor die Tür treten, treffen wir zwangsläufig auf Menschen, die sich klar von uns unterscheiden. Das mag an der Hautfarbe liegen, an dem Kleidungsstil, an der Religion bzw. an der Weltanschauung oder an so vielen großen und kleinen Details.

Damit können wir klar sagen, es gibt keine homogene Gesellschaft. Wir sind nicht einmal annähernd gleich und diese kleinen bis großen Unterschiede machen uns allesamt aus.

Ein Blick in die fiktionale Welt

Ganz ehrlich? In meiner ganzen Lesezeit kann ich mir nur an einziges Buch erinnern, in der eine „Behinderung“ eine Rolle spielte. Und zwar handelte es sich dabei um das Buch „The Curious Incident of the Dog in the Night-Time“ von Mark Haddon. Ansonsten kann ich mich nicht erinnern, über einen entsprechenden Charakter gelesen zu haben. Noch nicht einmal als Nebencharakter.

Homosexuelle Charaktere kommen da häufiger vor. Aber dann mit dem entsprechenden Label, dass es sich um eine Geschichte mit speziell solchen Charakteren handelt. Wenn in „normalen“ Büchern homosexuelle Charaktere auftreten, ist das eher selten und kann durchaus zu erstaunten Blicken oder gar zur Ablehnung führen.

Als man erklärte, dass der Star Trek Charakter Sulu schwul ist, ging ein Aufschrei durch die Reihen der Fans. Letztendlich wurde nie über die Sexualität von Sulu gesprochen und zudem spielt diese keine große Rolle in der Geschichte (zumindest laut den MacherInnen).

Jetzt könnte man sich beschweren, dass hier wieder mit aller Gewalt ein schwuler Charakter eingeführt werden muss (warum kein neuer lesbischer?). Andererseits, er ist schwul und es spielt keine Rolle (wie im Bechdel-Test durchaus gefordert, dass der Charakter die Rolle spielt und nicht die sexuelle Orientierung).

Aber ansonsten haben wir es eher in den Geschichten mit durchschnittlich schönen und vor allem gesunden Charakteren zu tun, die durch die Bank weg eher heterosexuell sind. Und bei aller Liebe hat das noch was mit der Realität zu tun?

Wie ich oben schon geschrieben habe, müssen wir nur vor die Tür gehen und sehen unterschiedlichste Charaktere von realen Menschen. Von kleinen Kindern bis hin zu alten Menschen, die kaum noch laufen können. Alle sind dabei und alle gehören zu unserem Leben.

Können wir also davon schreiben, dass die Romane ein Abbild des realen Lebens sind? Ich würde ganz glatt sagen, dass wir das nicht können.

Kein richtiges Abbild der Realität in der Fiktion

Vor Jahren habe ich einen Kurs besucht, indem erklärt wurde, wie man einen Liebesroman schreibt. Dort hieß es, dass die Charaktere in diesen Liebesromane durchschnittlich zwischen zwanzig und dreißig Jahren sind. Als Erklärung führte die Leiterin an, dass sich die Leserinnen in der Heldin wiederfinden sollen. Und man hat die „heißeste“ Zeit der Liebe eben in diesem Alter erlebt bzw. wird es voraussichtlich erleben (also der Durchschnitt).

Daher wäre es natürlich fatal, will man einen breiten Markt bedienen, wenn man dicke Heldinnen einführt, oder ältere oder Heldinnen, die in einem Rollstuhl sitzen (um einige Beispiele anzuführen). Es gibt sicherlich solche Romane, aber ich könnte jetzt keine benennen. Sie sind zu wenige und sprechen eher ein kleines Publikum an. Denn das sind Nischengeschichten.

Aber auch in Krimis oder anderen Romanen aus unserer Welt könnte ich keine Beispiele nennen, in denen Charaktere vom abweichenden Typ auftauchen. Und wenn, dann kann ich sie Dir an einer Hand abzählen, da bin ich mir sicher.

In Fantasyromanen ist das teilweise noch schlimmer. Dort sind alle gesund, stark und teilweise sogar in einem entsprechenden Alter zu finden. Und wenn sie älter sind, dann hat das nicht unbedingt große Auswirkungen auf das, was sie zu tun haben. Zumindest in den Geschichten, die ich gelesen habe.

Was sagt das über uns AutorInnen aus?

Natürlich bedienen wir AutorInnen einen Markt. Darüber müssen wir uns im Klaren sein. Viele von uns schreiben das, was letztendlich gelesen wird. Und das ist häufig der gesunde, heterosexuelle, weiße Charakter. Sie oder er sieht zudem hübsch aus und im Oberstübchen sind noch alle Tassen zu finden.

Vermutlich kommt es vielen noch nicht einmal in den Sinn über einen Charakter zu schreiben, die in einem Rollstuhl sitzt. Da fällt mir gerade Clara Sesemann ein (aus dem Roman „Heidi„). Sie ist eine der wenigen Charakteren, die in einem Rollstuhl sitzen darf. Und doch kommt sie aus dem Rollstuhl heraus. Oder auch Barbara Gordon (alias Batgirl), die in einem Rollstuhl sitzt. Zwischenzeitlich hat sich DC das jedoch anders überlegt und entlässt sie wieder aus diesem.

Wenn also entsprechende Charaktere auftauchen, dann bleiben sie nicht lange in dem Zustand des Dickseins, der Krankheit oder Derartiges. Sie nehmen in Rekordzeit ab oder können bald wieder laufen.

Man könnte meinen, dass einige AutorInnen mutig sein wollen, aber nicht zu mutig. Sie wollen die reale Welt zeigen, aber sie darf nicht zu real sein. Immerhin möchte man die geneigte Leserin oder den geneigten Leser nicht vergraulen. Denn, wenn das reale Leben schon hart ist, möchte man dann das alles in einem Roman überhaupt lesen?

Andererseits kann man nicht auch sagen, dass nur ein kleiner Teil der Menschen repräsentiert wird, während alle anderen einfach nur ignoriert werden? Säße ich in einem Rollstuhl, ich würde mich in keinen der Romane wiederfinden. Und vielleicht möchte ich ein positives Vorbild haben?

Gerade junge Menschen benötigen dies, meiner Meinung nach, dringendst. Denn viele von ihnen hadern durchaus mit ihrem Schicksal (welche Jugendliche hadern schon nicht mit ihrem eigenen Leben, obwohl bei ihnen alles perfekt ist?). Und dann haben sie noch nicht einmal positive Vorbilder.

Was wäre wenn …?

Was wäre also, wenn wir mehr Realität in die Geschichten holen würden? Wenn wir also mit Menschen in Rollstühlen zu tun hätten? Oder mit Menschen anderer Religionen und Hautfarben? Oder was auch immer?

Vermutlich würde das geschehen, was Nike Leonhard schreibt. Es würde die Aufmerksamkeit vom eigentlichen Thema ablenken. Aber ich behaupte, dass es nicht daran liegt, dass diese Personen zu viel Aufmerksamkeit bekommen, sondern, weil es zu ungewöhnlich ist.

Triffst Du im realen Leben auf Menschen, die nicht dem allgemeinen Standard entspricht, ich bin mir sicher, Du schaust erst einmal genauer hin. Das ist völlig normal. Wir sind solche Bilder nicht gewohnt und es zieht erst einmal unsere Aufmerksamkeit auf solche Personen.

Als ich einmal ein Mangamädchen in der U-Bahn getroffen habe, schaute ich auch erst einmal genauer hin. Denn das ist nun wirklich ein Anblick, den man nicht alle Tage erlebt. Doch dann akzeptierte ich es und konzentrierte mich wieder auf meine allgemeine Umgebung (ich wollte ja in die U-Bahn hinein).

Das dürfte vielleicht auch in den Romanen, Filmen und Serien eine Rolle spielen. Wenn wir dort mehr „normale“ Menschen sehen, dann könnte es auch Auswirkungen auf unser empfinden haben. Sehen wir sie regelmäßig, ist es schlichtweg normal. Warum sollte man sich dann noch Gedanken darüber machen?

Daher könnte es sich durchaus empfehlen, mehr Menschen in Deinen Geschichten unterzubringen, die sich von dem weißen, gesunden, heterosexuellen Menschen unterscheiden. Das ist durchaus eine Herausforderung. Aber seien wir doch ehrlich, ist das Leben nicht selbst eine Herausforderung? Und warum sollte ich mich als Autorin davor drücken?

Immerhin spielt die Herausforderung nur auf dem Papier. Mir als Person geschieht dabei nichts. Ich bleibe gesund, weiblich oder männlich und kann trotzdem meinen persönlichen Überzeugungen nachkommen. Aber auf dem Papier, da wage ich es eben, über andere Charaktere zu schreiben. Und ehrlich gesagt wäre das nicht ein wenig interessanter?

Abschlussgedanken

Es mag sein, dass jetzt die Argumentation kommt, aber in meiner Geschichte passt kein Charakter von Typ XYZ. Darauf möchte ich entgegnen, dass das reale Leben sich dafür auch nicht interessiert. Dort kann es jederzeit passieren, dass man einen Unfall hat und im Rollstuhl landet. Man kann auch taub, stumm oder blind geboren werden. Weiter kann es passieren, dass man in einem Land geboren wurde, deren Bevölkerung größtenteils eine andere Hautfarbe oder Religion hat, als man selbst.

Das alles gehört zum Leben. Und vielleicht, aber auch nur vielleicht, könnte sich davon auch ein wenig in den zukünftigen Geschichten wiederfinden?

Such ein Buch!

Recherchiere bitte im Internet über Romane, die sich mit den oben aufgeführten Minderheiten beschäftigt. Das können religiöse Minderheiten sein, Minderheiten in der Hautfarbe, Ansichten oder aufgrund Krankheiten oder körperlichen Einschränkungen. Besorg Dir eines der Bücher und lies es. Und zwar mit der Frage im Hinterkopf, wie diese Punkte dargestellt werden.

Geschichtenüberlegung

Mach Dir einfach mal Gedanken darüber, wie eine Geschichte mit einem entsprechenden Charakter aussehen könnte. Dieser Charakter soll ein Teil der Geschichte sein, und nicht als Exot gelten. Wie würde das alles aussehen?

Eine Frage

Magst Du dann solch eine Geschichte vielleicht sogar schreiben?

The World of Big Eyes hat auf Reaktion zu diesem Beitrag eine Liste mit unvollkommenen Charakteren geschrieben. Zwar geht es hier vornehmlich um schwule Charaktere, aber dort findest Du die verschiedensten Unvollkommenheiten. Und für den Anfang ist diese Liste stark.

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Erste Fassung: 07. Februar 2017
Zweite Fassung: 10. Februar 2017

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Über Frau Schreibseele

eine schreibende, die auf den weg zu ihrer ersten geschichte ist. und bis dahin gibt es beiträge rund ums schreiben, lesen und erleben auf meinem blog :)
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22 Antworten zu Brauchen wir mehr queere, behinderte oder farbige Charaktere in Romanen?

  1. nikeleonhard schreibt:

    Hi, ich bin absolut deiner Meinung, dass unbedingt mehr Figuren in Romanen auftauchen sollten, die vom Klischee der gutaussehenden, gesunden, weißen Hete abweichen, wenn auch nicht unbedingt in jedem Buch alle „Randgruppen“ vertreten sein müssen.
    Dass auch Behinderte gute Protagonisten abgeben können, belegt nicht nur der blinde Daredevil, sondern auch die Protagonistin aus „Im Dunkel der Wälder“, die nicht zwar keine Superheldin, aber genauso blind ist und darüber hinaus auch noch gelähmt und stumm. Trotz dieser ziemlich offensichtlichen Handicaps schafft sie es, einen Mord aufzuklären (übrigens ein sehr empfehlenswerter Thriller). Auch Jefferey Deaver hat mit Lincoln Rhyme einen Ermittler im Rollstuhl geschaffen. Der erste Band, der inzwischen mindestens 8 Fälle umfassenden Serie wurde unter dem Titel „Der Knochenjäger“ sehr erfolgreich verfilmt. Und by the way: Lincoln Rhymes persönlicher Assistent und Physiotherapeut ist nicht nur schwarz, sondern auch schwul. Aber diese Bücher spiegeln das Leben in der Großstadt wieder und im Krimi sind behinderte Ermittler aber gar nicht mal so selten. Da gehört es schon fast zum guten Ton, dass der Kommissar/Detektiv Alkoholiker oder andere Drogen einwirft. Oder sie haben Diabetis, Übergewicht, kaputte Ehen oder, oder, oder …^^
    Aber auch bei „Ein Lied aus Feuer und Eis“ bricht sich einer der Stark-Söhne das Rückgrat und ist fortan gelähmt. In der Serie rennen noch eine ganze Menge anderer Krüppel rum, was bei der Brutalität nicht weiter verwundert. Ein Bravourstück ist Martin jedoch mit Tyrion Lennister gelungen; dem kleinwüchsigen Underdog, der einer der Sympathieträger ist.
    Und zu den besten Liebesgeschichten, die ich kenne, gehören „Das Rosi-Projekt“ und „Der Rosi-Effekt“, die gerade davon leben, dass der männliche Prota nicht „normal“ tickt, weil er Asperger hat.
    Schiffbruch mit Tiger, die Analphabetin, die rechnen konnte und Slumdog Millionär haben PoCs ala Protagonisten. Nur zu LGBTs fällt mir ad hoc nur Brokeback Mountain ein.
    Die Beispiele zeigen aber, dass selbst im Mainstream eine ganze Menge möglich ist. Man muss sich nur trauen. Wie immer. ^^

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    • Frau Schreibseele schreibt:

      Uiuiui, das ist ja eine ordentliche Liste. Da muss ich meine Wunschliste auf alle Fälle noch einmal ordentlich füttern. Danke Dir für die Zeit, die ganzen Bücher aufzulisten. Wobei ich selbst einen ganz entscheidenen Unterschied machen möchte. Drogen- und Alkoholsucht gelten zwar offiziel als Krankheit, hat aber in meinen Augen mit der Unvollkommenheit des Menschen nicht direkt zu tun. Denn man kann clean werden und dann ist alles „gut“. Wer aber taub oder im Rollstuhl sitzt, die oder der hat häufig ein ganzes Leben lang ein Problem damit.

      Und bezüglich LGBT Charaktere. Den Beitrag habe ich um einen Link ergänzt, der sich genau um solche Geschichten dreht. Wobei ich nicht gedacht habe, dass bei Krimis so viele Charaktere mitspielen. Memo an mich, noch mehr Krimis lesen 🙂

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  2. N. Bendzko schreibt:

    Danke für diesen tollen Beitrag! Meines Erachtens hättest du den sogar mit etwas mehr Brustton, denn ja und doch, wir BRAUCHEN buntere Charaktere! Ich bin heftig überzeugt davon 🙂

    Die Aussage, man „zwänge auf“ mit farbigen, LGBTQ, was auch immer Charakteren konnte ich noch nie verstehen. A) Was sollen Minderheiten sagen, denen immer die weiße Heterosexualität ins Gesicht gerieben wird? B) Warum sind wir Autoren? Richtig, um spannende Geschichten zu erzählen. Was macht das Geschichtenerzählen spannend? In Rollen zu schlüpfen, die uns fremd sind – ob Magier, Casanova, nordafrikanischer Sklave, herauskommende Lesbe, völlig egal.

    Im Falle eines Hauptcharakters kann das genre-entscheidend sein, was z.B. die Sexualität angeht (wobei auch da immer mehr Grenzen überschritten werden). Bei den Nebencharakteren ist das eigentlich nie der Fall. Man kann durchaus eine bunte Welt im eigenen Roman schaffen, solange sie interessant, nachvollziehbar und politisch nicht unsensibel ist, ohne dass man sich die Chancen auf Veröffentlichung verbaut.

    Und tatsächlich beobachte ich auch, dass die etwas „anderen“ Charaktere auch in den Bestsellergenres gefragt sind zurzeit. Klar, es verkaufen sich bestimmte Schemata gerade besonders – denken wir nur an die ganzen Millionärsschinken. Aber wer im Gedächtnis bleiben will, der streut doch eine eigene Würze hinein, und sei es nur ein einziger ungewöhnlicher Aspekt im Inhalt. Beispiel: „Body Kiss“ von Lotte Römer. Typischer moderner Liebesroman geht nicht mehr. Die Hauptcharakterin ist dick und das ist Bestandteil des Plots. Es handelt sich dabei um einen der vielen SP-Bestseller von Lotte Römer.

    Leser haben auf so was anscheinend Bock – Nischenbuch wird für sie erst etwas, das wirklich viele ungewöhnliche Dinge zusammenwirft. Von dem her muss ich der Coacherin widersprechen, die meinte, im Liebesroman ginge nur ein ganz bestimmter Typ Mensch als Hauptcharakter. Manchmal traut der Markt den Lesern einfach nicht genug zu 😉

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    • Frau Schreibseele schreibt:

      Hallo Nora,

      ganz Deiner Meinung. Wenn ich selbst im Rollstuhl sitzen würde, dann würden mich die meisten Büchern total frustrieren. Denn es gibt ja nur die gesunden Charakteren im Mainstream. Zumindest hatte ich bisher das Gefühl. Denn ich werde hier immer mehr eines Besseren belehrt (danke dafür). Oder wenn ich selbst afrikanische oder asiatische Wurzeln hätte, wo soll ich mich in der westlichen Bücherwelt wiederfinden? Nur um einige Beispiele zu finden.

      In der Tat sind viele Bücher nach einem Klischeemuster aufgebaut. Trotzdem kann es funktionieren, wenn man der Heldin einfach ein paar Kilos mehr auf die Hüften packt. Wie Du schreibst, immer mehr LeserInnen wenden sich von den ganzen Mainstreambüchern ab und suchen das ungewöhnliche. Daher finde ich es auch schade, dass sich so wenige Verlage und SelfpublisherInnen nicht trauen, mehr Experimente zu wagen.

      Denn gerade Nischenbücher können auch zu Selbstläufern werden.

      Und hiermit sage ich es: ICH WILL MEHR ANDERE CHARAKTERE LESEN 🙂

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      • nikeleonhard schreibt:

        Wie gesagt, ich will auch vielfältige Charaktere lesen.
        Trotzdem möchte ich deinem ersten Satz ein bisschen widersprechen. Im Rollstuhl zu sitzen heißt nicht, dass man Bücher über Behinderte lesen will. Einer meiner Söhne ist zunehmend auf einen Rollstuhl angewiesen und ein Riesenfan von Superhelden und den X-Men. Aber seine Helden sind eben nicht Daredevil oder Professor Xavier, sondern der Flash und Volverine. Ich habe ihm auch mal angeboten, mit ihm zusammen eine Geschichte zu entwickeln, in der eine behinderte Figur die Hauptrolle spielt. Interessierte ihn überhaupt nicht, obwohl er mit großer Begeisterung beim Entwurf der Weihnachtsgeschichte für Clue Writing mitgemacht hat.
        Nun kannst du natürlich sagen: „Er ist ja noch ein Kind“, aber ich glaube, dass Erwachsene nicht so viel anders ticken, sondern viele einfach den Wunsch haben, sich mit Büchern aus der Realität wegzuträumen. Das erklärt vermutlich den Erfolg von kitschigen Liebesromanen und diesen ganzen Millionärsgeschichten.
        Ich persönlich finde allerdings vielfältige Charaktere spannender, weil sich dadurch auch vielfältigere Geschichten ergeben.

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      • Frau Schreibseele schreibt:

        Hallo Nike,

        ich glaube, das liegt nicht daran, dass Dein Sohn ein Kind ist, sondern dass er anders ist. Als ich noch jung war, hätte ich gerne Geschichten von introvertierten und schüchternen Menschen gelesen, die zudem noch übergewichtig sind und gemobbt werden. Wie gehen sie mit dieser Situation um und wie kommen sie daraus? Daher hätte ich selbst wohl auch gerne Geschichten gelesen, wenn ich selbst im Rollstuhl gesessen hätte.

        Aber vielleicht sieht man das anders, wenn man nicht auf Hilfsmittel aller Art angewiesen ist. Kann man auf den eigenen Beinen stehen, sieht man die Sache mit dem Rollstuhl oder Blindheit oder was auch immer anders, als wenn man halt im Rollstuhl sitzt oder blind ist, oder was auch immer.
        Das könnte auch erklären, warum ich eher über Figuren mit Handicaps schreibe bzw. schreiben würde und Dein Sohn kein Interesse daran hat. Er lebt damit, ich (noch) nicht – man weiß ja nie.

        Trotzdem bin ich halt weiterhin überzeugt, je verschiedener die Charaktere sind (sowohl in ihrem Innenleben, als auch in ihrem Äußeren), desto faszinierender kann die Geschichte wirklich werden. Da sind wir uns wohl einig 🙂

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      • nikeleonhard schreibt:

        Im letzten Punkt sind wir uns durchaus einig. Und du kennst meine Geschichten ja und weißt, dass das kein leeres Gerede ist. ^^
        Aber für alle anderen hätte ich vielleicht ausdrücklich hinschreiben sollen, dass in „Steppenbrand“ überhaupt keine weißen Mitteleuropäer vorkommen. Dass ich glaube, sehr wohl über starke Frauen zu schreiben, selbst wenn sie nicht die Protagonisten stellen und nur „O Tannenbaum“ den Bechdel-Test bestünde. Und dass in „O Tannenbaum“ auch das vermutlich erste lesbische Krähenpaar der Literaturgeschichte auftaucht. ^^
        Nur um dem Eindruck entgegen zu wirken, ich würde nur über gesunde, monogame Cis-Heten schreiben. 😉

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      • Frau Schreibseele schreibt:

        Hallo Nike,

        da ich Deine vier Geschichten kenne, war das für mich klar. Aber ja, für alle anderen ist es noch einmal eine gute Erwähnung. Und Deine lesbischen Krähen sind für mich selbst schon Kult ❤

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      • N. Bendzko schreibt:

        Genau, wir müssen dagegen anschreiben – für mehr Inklusion 😀

        Ich habe jetzt auch allmählich ein richtiges Bewusstsein dafür entwickelt und möchte mit meinem echten Buch da mal ein Statement setzen. Völlig egal, was die nächste Adaption haben wird, das Thema QUEER wird unbedingt eine Rolle spielen. Mal ein bisschen mehr wagen und gucken, wie das ankommt.

        Aber ich zittere ja auch schon beim „Kindsräuber“ ein bisschen, wenn ich ehrlich bin. Da präsentiere ich ja auch einen Aspekt des Frauenseins, der literarisch nicht so präsent ist, mit einer schwangeren Protagonistin. Zumal ich auch recht nah an ihren körperlichen Zustand gehe.

        Aber wäre das nicht schön, so ein kleiner Skandal? Für mehr Ruhm und so? Ich bereite mich jedenfalls geistig schon auf alles vor, und beim nächsten Buch geht’s definitiv weiter 😉

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      • Frau Schreibseele schreibt:

        Hallo Nora,

        auf Deine Geschichte freue ich mich schon. Denn in der Tat, schwangere Frauen sind eher Mangelwaren, sondern nur das Thema, wollen wir Kinder oder wollen wir keine Kinder. Aber die Schwangerschaft selbst, das ist kein Thema. Oder auch die Tatsache, dass man vielleicht gar keine Kinder haben möchte (ganz böse, das geht ja gar nicht).

        Doch mehr wagen, ein wenig mutiger sein, das würde der Literaturlandschaft durchaus gut tun. Obwohl ich dank dieses Beitrages gelernt habe, dass es durchaus mehr bunte Charaktere aller Art in der Literatur gibt, als ich bisher gedacht habe. Dafür bin ich sehr dankbar.

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  3. Lady Melody schreibt:

    Ach du meine Güte! Du hast gerade einen ganzen Knoten in meiner Geschichte gelöst😃
    Ich weiss jetzt warum meine Antagonistin die Männer wieder in ihre Welt holen will, habe eine Ahnung davon warum die Männer exekutiert wurden, und noch einiges mehr.
    Der Drahtzieher ist ein alter Mann im Rollstuhl(auch verrückt) und die Protagonistin(Küchenmagd) verweigert die Heldentat. Ausserdem bringst Du mich mit diesem Text dazu den wenigen „dukel“-häutigeren. Zu Schlüsselrollen zu machen. Es fehlen nur noch einige Krankheiten(Schwindsucht, Epidemie, Blutvergiftungen mit Amputationen)
    (Zumindest kann ich dadurch etwas Gerechtigkeit in die Geschichte bringen)😄

    LG Lady Melody

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    • Frau Schreibseele schreibt:

      Hallo Lady Melody,

      das hört sich durchaus interessant an. Und letztendlich ist es immer wieder gut, wenn man sich Inspirationen von außen holen. Zudem finde ich es schön, wenn Du den nicht weißen Rollen in Deiner Geschichte eine Chance gibst, dass sie größere Rollen geben. Zum Thema Rassismus habe ich auch einige Beiträge geschrieben, vielleicht magst Du Dich da umschauen.

      Nur Vorsicht bei Krankheiten, wenn das alles zusammenpasst, ist das in Ordnung, nicht dass es dann ZU überladen wirkt. Mit dem überladen kenne ich mich nämlich sehr gut aus 🙂

      Ansonsten freue ich mich heute schon Deine Geschichte eines Tages lesen zu dürfen ❤

      lg

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  4. AnBi Öz schreibt:

    Liebe Frau Schreibseele!
    Zuallererst möchte ich Danke für ihre – nicht alltäglichen – Gedanken sagen.
    Mein Name ist AnBiÖz und ich bin Autorin im ‚Gay Romance‘-Bereich. Ich schreibe seit etwa zwei Jahren und sechs meiner neun Bücher haben Behinderte und/oder Ausländer als Protagonisten. Der untenstehende Link führt auf mein Bookrix-Profil
    LG AnBiÖz
    https://www.bookrix.de/-hy0fea43e28f715/

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    • Frau Schreibseele schreibt:

      Hallo AnBiÖz,

      vielen Dank für Deinen Besuch und für Deine Geschichten, die Du bereits geschrieben hast. In einer ruhigen Minute werde ich mir Deine Bücher gerne zu Gemüte führen ❤

      liebe grüße

      Gefällt 1 Person

  5. velvetvenus schreibt:

    Hallo Frau Schreibseele … ich denke, ich habe ein solches Buch geschrieben … und nein, der zweite Hauptprotagonist wird seinen Rollstuhl nicht mehr verlassen können, egal, was er auch zu tun oder zu zahlen bereit ist.

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    • Frau Schreibseele schreibt:

      Hallo,

      das hört sich interessant an. Wenn es soweit ist, kannst Du gerne Bescheid geben. Es kann natürlich vorkommen, dass Menschen wieder laufen lernen können. Darüber gibt es ja durchaus Berichte. Aber mir scheint es halt, dass gerade in der Literatur dies fast gang und gäbe ist. Deswegen habe ich das erwähnt 🙂

      Gefällt 1 Person

  6. Bettina Sprenzel schreibt:

    Ein sehr schöner Artikel, der mich gerade richtig aufbaut. 🙂 In meinen Brunnthaler G’schichten habe ich einen schwulen Nebendarsteller, eine zwiderne Oma und …. ok, meine Pärchen sind so knapp um die 30.
    In meinen neuen Krimis spielt eine schrullige Autorin in meinem Alter und ihre beste Freundin, die einige Kilos zu viel auf der Waage hat, die Hauptrollen.
    Aber ich muss zugeben, an Menschen mit Behinderung habe ich echt noch nicht mal gedacht, wenn ich meine Figuren für einen neuen Roman entwickle. Das finde eine ebenso tolle Anregung, wie eine andere Hautfarbe. Danke dafür!

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    • Frau Schreibseele schreibt:

      Hallo Bettina,

      das liest sich durchaus interessant 🙂 Zugegeben, bisher habe ich auch nicht daran gedacht, Menschen mit körperlichen Einschränkungen oder Behinderungen in meinen Geschichten vorzustellen. Da bin ich erst so richtig durch diesen Beitrag selbst gekommen. Daher sitzt eine meiner Figuren nun auch im Rollstuhl.

      Und gern geschehen 🙂

      Gefällt mir

  7. Ryek Darkener schreibt:

    Interessante Frage, und auch interessante Überlegungen. Aber am Ende des Beitrags erkenne ich eine relativ „einfache“ Antwort: Eine Geschichte braucht die Charaktere, die zur Geschichte passen. Nicht die Quotenfrau, nicht den Quoten-Behinderten, nicht die Quoten-Lesbe, nicht den Quotenmenschen mit Migrationshintergrund. Zur Vielfalt ziviler und belletristischer Gesellschaften gehören alle diese Menschen mit dazu. Jeder Schriftsteller, der sich dazu berufen fühlt, soll Geschichten schreiben, in denen Menschen vorkommen, die „anders“ sind als die anderen. Wobei, genau genommen, jeder Mensch anders ist. Der unterschwellige Anspruch, dass alle irgendwie und immer vorkommen müssen, weist gefühlt in Richtung Betroffenheits-Belletristik. Damit ist niemandem gedient. Barrieren (gerade in den Köpfen) abbauen: ja. Aber jemanden ob seiner Ungewöhnlichkeit ins Rampenlicht zu stellen um für seine Sache Aufmerksamkeit zu erregen ist, meiner Meinung nach, nicht der Richtige Weg in Richtung Vielfalt.

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    • Frau Schreibseele schreibt:

      Danke für Deine Meinung.
      Ich glaube diese Betroffenheitsgeschichten können daher entstehen, weil wir es nicht gewohnt sind, mit „anderen“ Charakteren umzugehen. Wenn wir eine Quotenlesbe aufführen, dann betonen wir immer und immer wieder (mit Trompeten und Fahnen und was weiß ich), dass man eine Lesbe eingeführt hat. Anstatt es einfach zu akzeptieren und über diesen Charakter zu schreiben. Das betrifft auch alle anderen Charaktere.

      Würden wir sie als normal ansehen (was sie ja letztendlich auch sind), dürfte das anders aussehen. Wir schreiben einfach über eine behinderte Person und gut ist es. Wir sind es aber nicht gewohnt, also springen wir auf jeden ungewöhnlichen Charakter an und denken, es wäre etwas wichtiges an diesem Charakter. Dabei sitzt sie oder er einfach nur im Rollstuhl. Da sehe ich auch ein ganz schön großes Problem 🙂

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