4 Ratschläge, wie Du Charaktere mit körperlichen – geistigen Besonderheiten schreiben kannst

Hei, hallo und herzlich willkommen,

über behinderte Charaktere kann man nicht schreiben, man ist doch nicht selbst betroffen, wie soll man denn das bitte schön so sensibel hinbekommen?

Kurze Vorgedanken

Wer über Menschen mit körperlichen oder geistigen Besonderheiten, Einschränkungen oder wie man das alles auch immer politisch korrekt bezeichnen möchte, schreiben will, könnte erst einmal verschreckt sein. Denn, wenn man selbst nicht im Rollstuhl sitzt oder eine Depression hatte, wie soll man das bitte realistisch darstellen?

Jetzt könnte man sagen, wenn man respektvoll mit der Figur und dem besonderen Zustand vorgeht, reicht das schon. Natürlich, Respekt ist eine wichtige Voraussetzung, um überhaupt über etwas Bestimmtes zu schreiben. Aber das allein reicht nicht aus.

Aber es gibt sehr viele Geschichten, die über Menschen mit Besonderheiten geschrieben oder verfilmt wurde, ohne das die (Drehbuch-)Autorinnen oder RegisseurInnen selbst davon betroffen sind. Es muss also mehr geben, um über diese Gruppe zu schreiben.

Mit vier einfachen Empfehlungen kannst Du Deine Geschichten mit Menschen mit Besonderheiten befüllen, ohne dass Du Dir darüber Gedanken machst, wie Du sie darstellst.

Noch ein kleiner Hinweis: Es gibt zwischenzeitlich viele Empfehlungen zur politischen korrekten Sprache für Menschen mit Einschränkungen. Aber da ich nicht nur über sie schreibe, sondern auch über Menschen mit psychischen Krankheiten, werde ich die Bezeichnung Besonderheiten oder Menschen mit Besonderheiten verwenden. Es mag sein, dass auch diese Bezeichnung nicht sonderlich korrekt ist. Aber ich finde dies immer noch besser, als Menschen mit Einschränkungen zu nehmen.

Empfehlung Nummer 1: Recherche

Natürlich könntest Du Dich in einem Rollstuhl setzen, um nachzuvollziehen, wie es ist, nur auf die Hände angewiesen sein. Oder verbind Dir die Augen und geh mit einem Blindenstock durch die Welt. Das sind durchaus Möglichkeiten, um ein wenig einer Gruppe näherzukommen.

Aber wenn Du über ein Mobbingopfer schreiben willst, nie aber gemobbt wurdest oder über eine Person mit Depressionen, sieht die Sache anders aus. Wie willst Du nachempfinden, wie es ist eine Schizophrenie zu haben? Oder Alzheimer?

Daher ist eine ausführliche Recherche hier durchaus angebracht. Finde heraus, was eine Krankheit, Einschränkung, Besonderheit ausmacht. Und zwar erst einmal auf der theoretischen Ebene.

Wenn Du zum Beispiel über einen Charakter schreiben möchtest, die oder der eine Depression hat, dann reicht es nicht aus, diese nur als Depression zu bezeichnen. In meinem Kurs zur Heilpraktikerin begrenzt auf dem Gebiet der Psychotherapie habe ich gelernt, dass es mehrere Einteilungen gibt. Unter anderem die leichte Depression, die mittelschwere Depression, die schwere Depression und die schwere Depression mit somatoformer Störung.

Dann empfiehlt es sich zu wissen, wie die Depression entsteht (auch wenn es eine klare Antwort noch nicht gibt), wie sie sich zeigt, wie die Phasen sind und wie man sie behandelt (sowohl mit Medikamenten, als auch mit anderen Methoden).

Also zuerst die Theorie, dann die Praxis. Also, wie es sich in der Realität zeigt, wie die Gefahr einer Selbsttötung ist, wie die Menschen der Umgebung damit umgehen (könnten) und so weiter. Es ist nicht leicht, aber hier gehört eine Menge dazu.

Wenn Du Dich mit Menschen unterhalten kannst, dann ist das hervorragend. Aber es gibt auch genügend Berichte oder Romane zu den verschiedensten Themen, dass Du Dich auch darüber belesen kannst.

Das gilt natürlich auch für alle anderen Besonderheiten. Wie ist es nur ein Bein zu haben? Oder das Asperger-Syndrom zu haben? Kleiner Tipp an dieser Stelle, auf Englisch bekommst Du häufig die besseren Bücher, da die medizinische Weltsprache englisch ist. Zudem gibt es auch im englischsprachigen Bereich Romane, die bis heute noch nicht ins Deutsche übersetzt wurden, obwohl sie es verdient hätten.

Wenn Du Deine Ergebnisse in einer Geschichte dann präsentieren möchtest, dann ist es hier wichtig zu schauen, was für eine Geschichte Du schreibst. In einem Roman aus der Gegenwart oder Zukunft kannst Du natürlich das Wort Depression verwenden. Aber in einem historischen Roman, eventuell auch Fantasyroman sieht das anders aus.

Hier ist es fast unmöglich zu sagen, dass ein Charakter Depression hat (beim Fantasyroman können wir natürlich darüber diskutieren). Daher musst Du es hier zeigen, dass der Charakter eben depressiv ist. Und dazu kommt noch die Recherche, wie man damals darauf reagiert hat bzw. haben könnte.

In diesem Teil wirst Du wahrscheinlich die meiste Arbeit stecken. Aber wie bei einem guten Plot, wenn Du das tust, hast Du es am Ende leichter, wenn Du darüber schreibst.

Empfehlung Nummer 2: Es geht nicht um die Besonderheit in Deiner Geschichte

Wenn man über Menschen mit Besonderheiten schreibt, könnte man leicht verführt werden, diese ins Zentrum der Geschichte zu stellen. Doch das würde dazu führen, dass man den Charakter eben nicht mit Respekt behandelt. Zumindest aus meiner Sicht.

Nehmen wir an, Dein Charakter hat ein Bein verloren. Natürlich wird die Figur weinen, heulen und fluchen. Das ist auch völlig in Ordnung. Und sie oder er darf auch mal in die Welt schreien, warum ich.

Aber letztendlich geht es nicht um die Besonderheit selbst, sondern um das Leben der Person. Idealerweise integriert sie oder er die Besonderheit im Leben und wächst darüber hinaus.

Achtung: Spoiler zu Dr. Strange

Dr. Strange zum Beispiel hatte einen schweren Unfall. Dadurch verliert er seine Arbeit und seine Besonderheit. Der erste Teil des Films dreht sich um seine Besonderheit. Doch dann nimmt er die Einschränkung an und wird zu dem, den wir am Ende des Films kennen. Seine Besonderheit hat er weiterhin. Aber er hat sie in sein Leben integriert. Und trotzdem ist er nicht gesund geworden.

Integriere also über die Dauer der Geschichte die Besonderheit in den Plot hinein. Und dann zeig Deinen Charakter, wie sie oder er über sich hinauswächst und wie die Besonderheit im eigenen Leben integriert.

Empfehlung Nummer 3: Zaubere die Besonderheit nicht einfach weg

Kennst Du Toph aus der Serie „Avatar – Der Herr der Elemente„? Bei ihr handelt es sich um eine Erdbändigerin, welche blind zur Welt gekommen ist. Sie hat gelernt sowohl mit ihrer Blindheit zurechtzukommen, als auch diese mit ihren besonderen Kräften (die Erde zu bändigen) zu kompensieren. Doch wenn sie etwas sehen soll, dann ist sie eben blind. Toph nimmt ihre Umgebung auf andere Weise war.

Während der ganzen Geschichte bleibt Toph blind. Sie kann ihre Blindheit ausgleichen, aber sie wird nicht spontan geheilt und kann am Ende sehen. Das ist das Besondere an ihr.

Auf der anderen Seite haben wir Barbara Gordon alias Batgirl. Bei einem Angriff des Jokers auf sie, landete sie im Rollstuhl und wurde zu Oracle. Doch dann entschieden die AutorInnen, dass sie als Batgirl scheinbar viel zu wertvoll oder auch beliebt ist und dann ließ man sie heilen. Sie kann nun wieder laufen.

Natürlich gibt es sie, die Heilungen von schweren Besonderheiten. Darüber gibt es genügend Beispiele (und ich gestehe, dass ich, wenn ich das im Fernseher sehe, dass ich mir schon einige Tränchen verkneifen muss). Aber der Großteil der Menschen mit den Besonderheiten behält dies für ein ganzes Leben.

Daher solltest Du Dir überlegen, ob es wirklich korrekt ist, wenn Du unbedingt Deine Charaktere von ihrer Besonderheit heilen musst. Denn amputierte Körperteile wachsen nicht nach (außer in der Zukunft vielleicht) und viele psychische Krankheiten bleiben häufig ein ganzes Leben lang.

Der Respekt für den Charakter bedeutet auch, dass sie in dieser Hinsicht kein Happy End kriegt.

Empfehlung Nummer 4: Benenne die Besonderheit ganz klar

Wenn jemand in Deiner Geschichte auftritt, der eine Besonderheit hat, dann benenne diese ganz klar. Oder zeig zumindest, dass sie oder er eine hat. Kehre sie nicht einfach unter dem Teppich und tu so, als ob da nichts wäre.

Klar, in einem historischen Roman kann niemand kommen und sagen, die Frau ist keine Hexe, sie hat nur Schizophrenie. Damals kannte man diese Krankheit nicht und man hatte eben andere Erklärungen dafür. Aber für Du als AutorIn weißt, was für eine Besonderheit Deine Figur hat. Zeig sie also daher klar und versteck Dich nicht hinter Halbwahrheiten oder Möglichkeiten.

Wenn Du also eine Besonderheit einführst, dann zeig uns diese genau. Du musst sie nicht benennen, aber zeig ganz klar, dass etwas nicht stimmt und das dies ein Teil des Lebens dieses Charakters ist.

Abschlussgedanken

Natürlich werden jetzt keine Geschichten aus dem Boden schießen, in denen es um Menschen mit Besonderheiten geht. Das ist mir bewusst. Aber wenn Du eine entsprechende Geschichte schreiben möchtest, ich denke, Du hast nun eine gute Liste, um solche Charaktere zu schreiben.

Und vielleicht wagst Du Dich in Deiner Geschichte an solche Charaktere heran. Zumindest würde ich mich persönlich freuen.

Serien, Filme oder auch Bücher

Schau Dir Serien oder Filme an bzw. lies Bücher über Menschen mit Besonderheiten. Wie werden sie dargestellt? Kannst Du die oben aufgeführten Punkte nachvollziehen, fehlt etwas in der Geschichte? Oder in meinen Ausführungen?

Dein Charakter

Für Deine nächste Geschichte könntest Du vielleicht einen Charakter mit einer Besonderheit vorstellen. Wie würde sie oder er aussehen, welche Besonderheit wählst Du? Und lässt Du diesen Charakter auch wirklich auftreten?
Melde Dich für meinen kostenfreien Newsletter an.

Merken

Merken

Advertisements

Über Frau Schreibseele

eine schreibende, die auf den weg zu ihrer ersten geschichte ist. und bis dahin gibt es beiträge rund ums schreiben, lesen und erleben auf meinem blog :)
Dieser Beitrag wurde unter Charakter abgelegt und mit , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

4 Antworten zu 4 Ratschläge, wie Du Charaktere mit körperlichen – geistigen Besonderheiten schreiben kannst

  1. Michael Behr schreibt:

    Ein schöner Artikel, der sehr wertschätzend mit den Menschen mit Besonderheiten umgeht. Danke dafür!

    Gefällt mir

  2. Andrea schreibt:

    Ein interessanter Schreibtipp, der mir recht gut gefällt. In vielen Geschichten/Fanfictions sind die Charaktere einfach zu „glatt“ d.h. sie haben weder körperliche, noch geistige Einschränkungen.

    Besser finde ich es z.B. die Einschränkung zu erwähnen, allerdings nicht immer darauf „herumzuhaken“. Wenn eine Person z.B. blind zur Welt gekommen ist, wird er/sie sich auf den Arm genommen fühlen, wenn es die Möglichkeit gäbe, die Sehfähigkeit zu erlangen. Er/sie kennt das ja nicht, also vermisst er/sie auch nichts. Anders ist es, wenn eine Person erst später im Leben verwundet wird und die Gelegenheit bekommt, geheilt zu werden. Ob die Heilung dann wirklich auch erfolgt, ist eine andere Geschichte.

    Herzliche Grüße

    Andrea

    Gefällt mir

    • Frau Schreibseele schreibt:

      Hallo Andrea,

      Du fasst meine Gedanken sehr gut und knapp zusammen. Menschen, die mit einer Einschränkung geboren werden, empfinden dies häufig nicht als solche (vielleicht sogar immer). Denn immerhin sind sie damit geboren und haben dadurch die Möglichkeit gehabt zu lernen damit umzugehen. Sie gehen halt anders mit der Welt um (nicht besser oder schlecht, schlicht anders). Letztens erzählte mir eine Lehrerin, dass sie eine Schülerin hat, welche aufgrund eines genetischen Defekts nur eine Hand hatte. Die andere war verkrüppelt. Jedoch kam sie so gut damit klar, dass die Lehrerin vier Semester gar nicht mitbekommen hat, dass sie anders ist (es handelte sich um das Fach Textverarbeitung, also eine Arbeit mit der Tastatur). Gut, sie hat die Hand auch versteckt, aber auch so gab es nie irgendwelche Aufmerksamkeiten, wo man sagt, ist was bei dir anders? Sie kam damit klar.

      Aber auch wenn man verletzt wird (als Beispiel) und dann auf einen Rollstuhl angewiesen ist, so muss man zum einen lernen damit umzugehen und die meisten lernen es auch. Was bleibt ihnen auch anderes übrig. Hier darf man in Geschichten auch gerne verzweifeln und auf diesem Thema herumreiten. Aber irgendwann erwachen die Leute und nehmen das neue Leben an.

      Und das wäre schön, wenn es mehr in den Geschichten dargestellt werden würde.

      lg

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s