Ohnmachtsanfälle für Deine Charaktere

Hei, hallo und herzlich willkommen,

vor Jahren habe ich an einem Schreibkurs teilgenommen, indem eine Mitteilnehmerin ihren Charakter in einer Szene hat ohnmächtig werden lassen. Unsere Schreibtrainerin hatte das nicht gut gefunden. Heute mache ich mir Gedanken darüber, ob sie recht hatte oder eben nicht.

Kurze Vorgedanken

Zwar kommt es eher selten vor, aber auch in Filmen können Charaktere aus diversen Gründen ausgeschaltet werden. Das bedeutet, sie sind kurzfristig für den weiteren Verlauf der Geschichte nicht verfügbar. Solche Kniffs können unterschiedliche Gründe haben und vor allem, unterschiedliche Auswirkungen.

Daher möchte ich erst einmal eine Worterklärung anbieten, was ich genau mit den Ohnmachtsanfällen meine. Danach ob sie überhaupt verwendet werden sollten oder nicht. Und natürlich auch wann.

Kurze Begriffsdefinition: Was meine ich mit Ohnmachtsanfällen?

Diesen Begriff hab ich gewählt, weil er einerseits ein wenig reißerisch ist und mir die Arbeit ein wenig erleichtern soll. Da bin ich jetzt ganz ehrlich.

Aber kommen wir dazu, warum ich diesen Begriff gewählt habe. Wenn ein Charakter ausgeschaltet wird, dann ist er für kurze Zeit ohnmächtig. Dabei ist es egal, ob die Nerven überstrapaziert werden oder der Charakter eins mit dem Lattenzaun abbekommen hat.

Würde ich aber jetzt jede Eventualität in diesen Beitrag miteinbeziehen wollen, würden die Sätze zu unmögliche Wortungetüme werden. Daher hab ich für mich beschlossen, aus reiner Einfachheit, nur das Wort Ohnmacht zu verwenden. Damit meine ich aber jegliche Art vom Ausschalten eines Charakters, an die Du jetzt vielleicht gerade denkst.

Denn mir geht es in diesem Beitrag nicht darum, wie Du Deinen Charakter ausschalten könntest, sondern ob es Sinn macht und welche Konsequenzen es mit sich bringt.

Warum sich überhaupt mit diesem Thema beschäftigen?

Es kann passieren, dass man eine Szene schreibt und plötzlich bekommt Dein Held oder Deine Heldin eine Flasche über den Kopf gezogen. Sie oder er fällt dann in Ohnmacht und ist für einige Seiten ausgeschaltet.

Das bedeutet, dass die anderen Charaktere weiterhin an der Geschichte arbeiten können, damit sie vorankommt. Aber Deine ausgeschaltete Figur hingegen nicht. Theoretisch können die anderen Charaktere nun tun und lassen, was auch immer sie wollen. Niemand hält sie jetzt erst einmal auf.

In solchen Szenen könntest Du dann einen anderen Charakter dann davon laufen lassen. Oder einen Einbruch durchführen lassen. Oder was auch immer wichtig ist und nicht dabei gestört werden soll. Weiterhin könnte Dein ohnmächtiger Charakter auch irgendwo hingebracht werden, damit dort die Geschichte weitergeht. Da denke ich an das Geheimversteck des Gegners, um ein Beispiel zu nennen.

Es gibt also durchaus gute Gründe, warum Du Dir durchaus Gedanken darüber machen kannst, ob Du Deinen Charakter kurzfristig aus der Geschichte herausnehmen solltest. Und herausnehmen meine ich, dass sie oder er sich noch vor Ort befindet, aber nicht eingreifen kann.

Zusätzlich kannst Du noch den Druck auf Deinen ohnmächtigen Charakter erhöhen. Zum einen könnte ein weiterer Charakter nun geflohen sein und die ohnmächtige Figur muss nun Energie und Seitenzahl aufwenden, um die andere Person zu finden. Gerade dann interessant, wenn die Zeit drängt.

Oder einem anderen Charakter passiert etwas und Deine ohnmächtige Figur kann das nicht verhindern. Selbstvorwürfe lassen grüßen.

Es gibt also genügend Gründe, um sich mit einer solchen Szene zu beschäftigen.

Wann sollte Dein Charakter nicht ohnmächtig werden?

Wenn Du keine Ahnung hast, wie Du Deinen Charakter von A nach B bringst, diese Figur dann ohnmächtig werden lässt, um sie dann nach B zu bringen. Zwar kann es gut sein, um Deinen Charakter in ein Geheimversteck zu bringen. Aber es kann auch zu viel des Guten werden und es wirkt so, als würdest Du Dich vor einer schwierigen Szene drücken wollen.

Es ist wichtig, dass Dein Charakter dann bei Bewusstsein ist, wenn aktives Handeln vor ihr bzw. ihm gefordert wird. Da einen Ohnmachtsanfall in die Szene zu zaubern, kann eine denklich ungünstige Situation hervorrufen.

Nehmen wir an, Dein Charakter befindet sich in großer Gefahr und muss da heraus. An der Seite ist noch jemand anderes, der Deiner Figur helfen könnte. Wenn es dann brenzlig wird, wird auf einmal Dein Charakter ohnmächtig. Und sobald alles vorbei ist, wacht sie oder er in Sicherheit auf.

Jetzt mal ganz ehrlich würdest Du der Szene oder gar der Geschichte noch glauben und diesem Charakter folgen wollen? Ich persönlich hätte da so meine Probleme.

Das bedeutet natürlich nicht, dass die Geschichte unglaubwürdig sein muss. Nur ich fände es nicht schön, wenn der Charakter so aus der Geschichte gezogen werden würde. Und wenn das dann noch häufiger passiert, ich würde wohl das Buch nicht auf Dauer zu Ende lesen wollen.

Es sollte sich idealerweise also nicht so lesen, als wüsstest Du nicht, wie Du eine Szene auflösen kannst und dann den Ohnmachtsanfall als Ausrede benutzt. Mal ist das durchaus in Ordnung. Aber nicht auf Dauer. Ansonsten könntest Du schnell den Ruf weghaben, dass Du als AutorIn giltst, die gerne Ausreden für ihre Szenen sucht. Und ich persönlich würde diesen Ruf nicht gerne haben wollen, wenn ich ehrlich bin.

Und wann geht so ein Ohnmachtsanfall?

Ganz klar, wenn es der Geschichte dient. So kann es durchaus passen, wenn Dein Charakter ausgeschaltet wird, damit dieser ins Geheimversteck des Gegners oder der Gegnerin gebracht wird. Was dort geschieht, ist dann Deiner Geschichte überlassen.

Der Vorteil dieser Ohnmacht liegt auf der Hand. Dein Charakter weiß nicht unbedingt, wo das Geheimversteck ist. Eine Flucht mag dann möglich sein, ist aber erschwert, weil sie oder er nicht weiß, was alles mitgenommen werden muss und wohin es zum Beispiel zur nächsten Stadt geht. Damit ist es Dir möglich, noch mehr Spannung in Deine Geschichte einzubauen.

Weiterhin können die anderen Charaktere durch die Ohnmacht die Geschichte erst einmal vorantreiben. Vor Kurzem habe ich „Logan – The Wolverine“ gesehen. An dieser Stelle möchte ich nicht zu sehr Spoilern, daher bleibe ich sehr allgemein. Doch in dem Film wurde Logan einige Male bewusstlos. Dadurch konnten die anderen Charaktere weiter machen und Logan in ein Dilemma bringen. Läuft er den anderen Charakteren nach oder zieht er sich aus der Geschichte zurück?

In diesem Fall war es sogar wichtig, dass Logan sein Bewusstsein verlor und daher nicht in die Geschichte eingreifen konnte. Einmal geschah es, als er nichts mehr zur Geschichte beitragen konnte. Und ein anderes Mal durfte er es nicht. Beide Ereignisse waren wichtig für den weiteren Verlauf.

Daher schau Dir Deine Geschichte genau an und überleg Dir, ob in diesem Moment ein Ohnmachtsanfall wirklich angebracht ist oder nicht. Wenn ja, tu es einfach. Zieh Deinem Charakter eine Flasche über den Schädel und schreib weiter. Nur sorg dafür, dass sie oder er dann zurückkommt. Wenn nicht, dann gib Dir Mühe, um aus der Situation herauszukommen. Mit einem wachen Charakter.

 

Noch ein zwei Ratschläge von mir

Zwar hab ich im Beitrag geschrieben, dass es völlig in Ordnung ist, wenn Du Deinem Charakter eine Flasche über den Kopf ziehen kannst. Aber für die Glaubwürdigkeit Deiner Geschichte trifft dies nicht so ganz zu.

Denn Hollywood schwindelt in einigen Fällen und so leicht, wie es in den Filmen aussieht, gehen Flaschen nicht kaputt. Ich bin der Meinung, dass die Mythbusters diesen Mythos untersucht haben. Und wenn ich mich recht erinnere, dann ging die Flasche nur schwer kaputt. Doch vorher wurde der Schädel der Person zertrümmert.

Daher empfehle ich Dir, recherchier vorher genau, was wirklich möglich ist und was nicht. Das gilt auch für Vergiftungen oder andere Verletzungen. Der Großteil Deiner LeserInnen wird vielleicht nicht realisieren, dass da ein Fehler ist. Aber immer mehr interessieren sich für die Forensik und Wissenschaft. Und denen fällt es garantiert auf.

Weiterhin empfehle ich Dir, die Ohnmachtsanfälle nicht zu übertreiben. Wenn Dein Charakter nicht gerade eine Krankheit hat, bei denen das üblich ist, würde ich es auf maximal eine Handvoll Ohnmachtsanfälle reduzieren. Wenn nicht sogar weniger.

Der Grund ist ganz simpel. Übertreibst Du es, gilt Deine Geschichte als Ohnmachtsgeschichte. Und man wird sich eher darauf konzentrieren, wann Dein Charakter das nächste Mal umkippt, als auf die Geschichte selbst. Du würdest daher Gefahr laufen, Deine LeserInnen von der Geschichte abzulenken. Und ich glaube nicht, dass das der Sinne ist, oder?

Abschlussgedanken

Vielleicht mag dieser Beitrag für Dich eher sinnlos erscheinen. Aber ich könnte mir gut vorstellen, dass Du Dir darüber noch nicht unbedingt Gedanken gemacht hast, oder? Daher lad ich Dich ein, genau das jetzt zu tun. Schau Dir Deine Geschichte an und überleg Dir, ob nicht der eine oder andere Ohnmachtsanfall passen könnte. Oder doch eher gestrichen werden sollte.

Dabei wünsche ich Dir viel Spaß.

Ohnmachtsanfälle in anderen Geschichten

Schau Dir Filme an oder lies Dir Geschichten durch, in denen Ohnmachtsanfälle vorkommen. Wie werden sie dargestellt und waren sie wirklich nützlich? Gleichzeitig kannst Du Dir die Frage stellen, was gewesen wäre, wenn der Charakter nicht so aus der Geschichte genommen worden wäre.

Dein eigener Ohnmachtsanfall

Überleg Dir, wie in Deiner Geschichte eine solche Szene eingebaut werden könnte. Und zur Übung kannst Du sie auch gerne schreiben. Wie würde sich danach die Energie der Geschichte ändern? Und würde sie Deine Charaktere weiterbringen?
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Über Frau Schreibseele

eine schreibende, die auf den weg zu ihrer ersten geschichte ist. und bis dahin gibt es beiträge rund ums schreiben, lesen und erleben auf meinem blog :)
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5 Antworten zu Ohnmachtsanfälle für Deine Charaktere

  1. Michael Behr schreibt:

    Ein interessanter Artikel, danke dafür!

    Auch wenn ich noch nicht weiß, ob ich das Video mit den Wrestlerinnen nun eher sexy oder eher beunruhigend finden soll 😉 .

    Gefällt mir

    • Frau Schreibseele schreibt:

      Hallo Michael,

      gerne. Und keine Sorge, natürlich ist Wrestling durch und durch gescriptet. Aber ich würde mich trotzdem nicht mit einen der Damen anlegen. Denn die wissen zumindest, wie sie sich zu bewegen habe. Sprich, die wissen wohin sie schlagen und wie sie sich fallen lassen können, um den geringsten Grad an Verletzungen zu erreichen. Andersherum müssten die auch wissen, wie es geht, andere zu verletzen 🙂

      Gefällt 1 Person

  2. simonsegur schreibt:

    Ganz großartiger Artikel, meinen herzlichen Dank. „Ohnmacht“ als Erfahrung, die „einfach so“ passiert (also ohne Flasche über den Kopf (oder den Inhalt einer Flasche IM Kopf), was ja dann eher ein Blackout ist), finde ich auch ein bisschen suspekt. Wahrscheinlich schon allein, weil mir ebendiese Erfahrung fremd ist und sich irgendwie „unrealistisch“ anfühlt. Wirklich schönes Thema – merci!

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    • Frau Schreibseele schreibt:

      Vielen Dank für Deinen Kommentar.

      Es kann natürlich auch sein, dass man durch irgendwelchen Gründen das Nervensystem völlig überlastet wird, was dann zur Ohnmacht führen kann. Aber in den seltesten Fällen kann das befriedigend sein. Aber ansonsten freue ich mich über sinnige Ohnmachtsanfälle 🙂

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  3. Neko schreibt:

    Hat dies auf Nekos Geschichtenkörbchen rebloggt und kommentierte:
    Das Problem mit dem verlieren des Bewusstsein ist, dass der menschliche Körper durchaus sehr verschieden auf denselben Stress reagiert. Die simpelste und zuverlässigste Art ist die Sauerstoffversorgung zum Gehirn zu unterbrechen.
    Andere Dinge wie Traumas durch harte Gegenstände, Stürze, Schläge oder dem Vulkanischen Nervendruckpunkt sind Dinge, die viel vom körperlichen Zustand beeinflusst werden.
    Eine Ohnmacht bietet sich aber natürlich storytechnisch besonders dann an, wenn der Hauptcharakter gerade einfach alles gegeben hat oder voll auf die Nüsse bekommen hat. Wichtig ist aber eben immer, dass sich die Geschichte sinnvoll weiterentwickelt auch wenn gerade ein Charakter fehlt.
    schnurrig
    Neko, Gizmo & Odin

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