Genre: Alternative Geschichte

Hei, hallo und herzlich willkommen,

wenn man einen historischen Roman schreibt, sollte man sich idealerweise an die Fakten halten. Tut man das nicht, riskiert man negative Rezensionen, weil man sich eben nicht genügend Mühe bei der Recherche gemacht hat. Und das zurecht. Gibt es aber da einen Ausweg, wenn man einen historischen Roman schreiben aber nicht alle Fakten recherchieren will?

Kurze Vorgedanken

Sicherlich kennst Du den Spruch „Geschichte schreiben die Sieger“. Das bedeutet ganz klar, wer die Definitionsgewalt hat, entscheidet letztendlich, was überliefert wird. Ob es sich dabei um die Wahrheit handelt, steht auf dem anderen Blatt.

Und viele historische Dokumentationen zeigen auch klar, dass die Geschichte sich nicht immer so abgespielt hat, wie wir es kennen oder gelernt haben. Das bedeutet schon einmal, dass Du die Geschichte in Deinem Roman anpassen kannst.

Doch häufig lese oder höre ich in historischen Beiträgen, dass der Zufall den Verlauf der Geschichte beeinflusst war. Zufällig war Person X an der Stelle und hat etwas Entscheidendes gemacht. Oder hätte es nicht geregnet, wäre das und das passiert.

Wenn Du einen Roman mit einer alternativen historischen Umgebung schreiben möchtest, entscheidest Du, was diese Zufälle sind.

Was verstehe ich unter „Alternative Geschichte“

Alternative Geschichte ist das, was nicht passiert ist. Wenn Du ein Geschichtsbuch aufschlägst, findest Du dort die reale Geschichte. So wie sie eben stattgefunden hat bzw. stattgefunden haben soll.

Änderst Du kleine Fakten, befinden wir uns schon in der Welt der alternativen Geschichte. Damit meine ich, wenn sich eine Figur an einem Ort befindet, an der sie sich in der realen Geschichte nicht befand. Oder sie trifft in Deiner Geschichte auf Deine Heldin, die von Dir erfunden wurde.

Du kannst aber auch die Geschichte und Ereignisse komplett ändern oder ausfallen lassen. „The Man in the High Castle“ ist eine solche große Änderung. Um es kurz zu machen, in der Serie geht es darum, dass Deutschland und Japan den Zweiten Weltkrieg gewonnen haben und somit die Welt unter sich aufteilten.

Der eigentliche historische Fakt, dass die Alliierten gewonnen haben, wird hier quasi ignoriert und anderen den Sieg zugesprochen. Und es funktioniert, solange Du weißt, was Du tust.

Die ersten Schritte zur alternativen Geschichte

Um eine alternative Geschichte zu erschaffen, finde ich es wichtig zu wissen, was in der realen Geschichte überhaupt passiert ist. Und das meine ich genauso, wie es hier steht, Recherche.

Such Dir erst einmal einen historischen Abschnitt aus, der Dich fasziniert. Und zwar so sehr, dass Du Dich länger mit diesem Teil beschäftigen möchtest. Dabei ist es völlig egal, um welche Periode der Geschichte und um welches Land es sich handelt. Hauptsache, Du bist gefesselt.

Und dann heißt es erst einmal Recherche betreiben. Wer lebte dort, welche Ereignisse fanden statt, welche historischen Charaktere waren vor Ort und so weiter.

Nehmen wir an, Du möchtest den Ersten Weltkrieg umschreiben. Und dazu willst Du das Attentat von Sarajevo ändern. Hierbei hat die Ermordung von Franz Ferdinand von Österreich und Sophie Chotek von Chotkowa über ein paar Ecken den Krieg ausgelöst.

Vielleicht sagst Du Dir, dass Du die beiden Charaktere an einer anderen Ecke der Geschichte brauchst und sie übeleben lassen willst. Das ist natürlich durchaus möglich.

Dann wäre es wichtig herauszufinden, wer die beiden sind (biografische Daten), welchen Rang sie hatten und welche Bedeutung sie für die Zukunft ihres Landes theoretisch gehabt hätten. Weiter wäre zu klären, wie es zu ihrer Ermordung kam, wer daran beteiligt war und warum es die politischen Auswirkungen gehabt hatte, die dann letztendlich zum Ersten Weltkrieg führten.

Vielleicht hört es sich viel an, aber letztendlich musst Du keine historische Abhandlung zu dem Thema schreiben. Es ist halt nur wichtig, dass Du weißt, was geschehen ist. Dann kannst Du die entsprechenden Fakten nach und nach abändern.

Noch etwas zur Recherche

Wenn Du bei der Recherche bist, empfehle ich Dir Folgendes:

Namenslisten

Du wirst über sehr viele historische Persönlichkeiten lernen, die Du vorher vermutlich noch gar nicht gekannt hast. Auch wenn Du nicht alle in Deinem Roman auftreten lässt, empfehle ich Dir, die Namen zu notieren und ein paar Eckdaten.

Dazu zähle ich, wann und wo sind sie geboren worden, wann verstarben sie, welche Rolle spielten sie in der Geschichte und wie standen sie zu den Ereignissen und Personen, über die Du eigentlich recherchierst.

Mit solch einer Liste solltest Du eine gewisse Übersicht haben, wenn Du immer wieder über diese Namen stolperst. Und wer weiß, zu was Dich diese Personen noch so alles inspirieren.

Glossar

Früher hatten einige Wörter eine völlig andere Bedeutung als heute. So bedeutete früher die „Toilette“ nicht unbedingt das stille Örtchen, sondern sich auch frisch machen. Aber Du wirst auch von Wörtern lesen, die Du vorher nicht kanntest. Gerade dann, wenn Du in anderen Kulturkreisen recherchierst (in unserem Beispiel Serbien).

Um zu wissen, was diese Wörter bedeuten, empfehle ich Dir, ein Glossar zu erstellen. Eine einfache Tabelle reicht hier völlig aus. In der einen Spalte schreibst Du das Wort, das Du nicht kennst. Und in der anderen die Bedeutung.

Wenn Du Deiner Geschichte dann ein Gefühl der entsprechenden Kulturkreise geben möchtest, kannst Du die Wörter benutzen. Und nach Deiner Recherche weißt Du auch, in welchem Kontext Du sie verwenden kannst.

Zeitlinie

Manchmal können Wochen oder Monate zwischen zwei wichtigen Ereignissen liegen, manchmal nur Tage oder gar Stunden. Um zu wissen, wann was passiert ist, kannst Du eine Zeitlinie erstellen.

Wenn alles in einem Jahr passiert, brauchst Du keine größere Einteilung, ansonsten schreibst Du auf, was in welchem Jahr als größere Ereignisse passiert ist. Oder Du trennst die Jahre einzeln auf.

Dann teilst Du das in Monaten auf und notierst Dir, was Du alles herausgefunden hast. Passiert etwas in wenigen Tagen, würde ich schauen, dass Du sie auch noch einmal einzeln aufschreibst.

Egal wie Du das machst, es ist wichtig, dass Du mit dieser Methode klarkommst.

Wir ändern die Geschichte

Wenn Du weißt, was alles passiert ist, bist Du sicherlich bereit, die Geschichte zu verändern. Natürlich könntest Du auch einfach drauf losschreiben, ohne Dir Gedanken darüber zu machen, was für Auswirkungen alles hat. Immerhin ist die Geschichte eine Ansammlung von Zufällen.

Doch auch eine alternative Geschichte sollte in sich logisch sein. Würdest Du eine unlogische historische Umgebung aufbauen, ich bin mir sicher, dass einige Leserinnen Dir das übel nehmen würden.

Überleg Dir daher, welchen historischen Aspekt Du herausnehmen würdest. Wir wollen ja unser Paar überleben lassen. Das würde bedeuten, dass der Erste Weltkrieg eigentlich nicht stattfindet.

Wenn es das ist, was Du willst, solltest Du überlegen, wie Du mit den Spannungen umgehst, die damals bestanden. Irgendwie müssen die ja kompensiert werden.

Oder, wenn Du doch den Ersten Weltkrieg haben willst, dann musst Du Dir ein anderes Ereignis überlegen, um es dazu kommen zu lassen. Und dann natürlich unser Paar mit einbeziehen. Warum sonst hättest Du sie überleben lassen sollen?

Wie könnte das Europa von 1914 bis 1918 aussehen, wenn es kein Krieg gegeben hätte. Was würde aus den Leuten werden, die an den Ereignissen beteiligt waren. Und was würde an der Stelle des Krieges dann entstehen?

Die Zusammenhänge sollten logisch sein, Du musst aber keine exakten Analysen betreiben, was tatsächlich gewesen wäre. Denn darüber kann eigentlich niemand eine Aussage machen.

Der Mensch ist nicht immer planbar. Das bedeutet, dass er in einer Situation so reagiert, weil er schlecht gelaunt ist. In der gleichen Situation kann sie oder er aber anders reagieren, wenn die Person die Nacht durchgeschlafen hat und gut gelaunt ist.

Am besten notierst Du Dir sämtliche Überlegungen, die Du Dir dazu machst. Damit hast Du auch eine sehr gute Grundlage für Deinen Plot.

Auf Änderungen dezent hinweisen

In dem Film „Watchmen – Die Wächter“ erwähnte ein Charakter ganz beiläufig, dass er für Präsident Nixon gewählt hat, ganze fünf Mal. Solche Informationen werden ganz beiläufig in den Film eingespielt, sodass wir als Zuschauerinnen wissen, was anders ist, in dieser alternativen Geschichte.

Wenn Du Deinen Leserinnen eine alternative Geschichte präsentierst, werden sie schon ahnen, dass die bekannten Daten keine Rolle spielen. Es bringt aber nichts, wenn Du die alternativen Informationen in einem Monolog präsentierst. Das ist Info Dump und interessiert niemanden.

Die alternativen Informationen sollten daher idealerweise von Dir sanft eingestreut werden. Sodass ich informiert bin, aber nicht erschlagen werde.

Abschlussgedanken

Bei der alternativen Geschichte benötigst Du durchaus ein wenig Geduld für die Recherche. Aber so bekommst Du ein Gefühl für die Welt, in der Du schreiben willst und das Setting.

Und je mehr Energie Du hier investierst, desto besser kannst Du Dir Gedanken über die alternativen machen. Das bedeutet dann am Ende, dass Du eine in sich schlüssige Geschichte schreiben kannst.

Dabei wünsche ich Dir viel Spaß.

Geschichten mit alternativer Geschichte

Es gibt viele Romane und Filme mit einer alternativen Geschichte. Finde sie und lies sie durch bzw. sieh sie Dir an. Was ist dort anders und vor allem, wie werden Dir die Informationen präsentiert?

Deine eigene Geschichte

Wenn Du selbst solch eine Geschichte schreiben möchtest, fang nun an zu überlegen, in welcher Zeitperiode und in welchem Land diese spielen soll. Dann fang an zu recherchieren und den Plot zu verfassen. Und natürlich danach den Roman zu schreiben.

Melde Dich für meinen kostenfreien Newsletter an.

Advertisements

Über Frau Schreibseele

eine schreibende, die auf den weg zu ihrer ersten geschichte ist. und bis dahin gibt es beiträge rund ums schreiben, lesen und erleben auf meinem blog :)
Dieser Beitrag wurde unter Genres abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

8 Antworten zu Genre: Alternative Geschichte

  1. Thomas Andres schreibt:

    Servus,
    genau zu dem Thema habe ich eine erste Rohfassung geschrieben. Bei mir war das Attentat von Sarajevo erfolgreich. Danach ändert sich die Geschichte, was ich allerdings noch stärker ausarbeiten muss.
    Aber toller Beitrag
    Danke dafür
    Thomas

    Gefällt mir

    • Frau Schreibseele schreibt:

      Nabend Thomas,

      das ist natürlich Zufall, dass Du eine Geschichte über mein Beispiel geschrieben hast. Dann wünsche ich Dir noch viel Spaß und Erfolg beim schreiben. Und sobald es veröffentlicht ist, ich will es lesen 🙂

      Und danke schön.

      lg

      Gefällt mir

  2. Amalia Zeichnerin schreibt:

    Dazu möchte ich folgendes anmerken:
    Es gibt auch die historische Fantasy als Genre (historical Fantasy).
    Diese spielt in unserer real Welt zu einer bestimmten Zeit, aber einiges ist dort anders, z.B. gibt es übernatürliche Elemente. Das kann man natürlich auch mit alternativen Zeitlinien oder alternativer Geschichte verbinden, es ist aber nicht zwingend erforderlich. Man kann als Autor seine Geschichte auch einfach um reale historische Ereignisse „herumstricken.“ 😉

    Steampunk ist auch ein schönes Beispiel in diesem Bereich. Dort gibt es dann z.B. Technik, die es so nie gab. Oft auch übernatürliches, und gern auch alternative Zeitlinien.

    Was mir ansonsten noch aufgefallen ist: Es kann passieren, dass eingeschworene Fans historischer Romane bei alternativer Geschichte, Steampunk oder historical Fantasy irritiert anmerken, dieses und jenes sei nicht historisch authentisch. Das ist mir selbst mittlerweile schon dreimal passiert (Feedback aus Rezensionen).

    Deshalb ist es hilfreich, schon im Klappentext in irgendeiner Form dieses spezielle Genre deutlich hervorzuheben (also alternative Geschichte, Steampunk, historische Fantasy oder was es sonst ist). Und selbst dann kann es noch passieren, dass einige Leser irritiert reagieren oder sogar die Lektüre abbrechen, weil größere Teile des Textes (oder auch nur Einzelheiten) nicht historisch authentisch ist.
    Ich glaube, solche Leser haben eine ganz bestimmte Erwartungshaltung oder können ihre Kenntnisse der historischen Verhältnisse nicht ausblenden, anders kann ich mir das nicht erklären.

    Gefällt mir

    • Frau Schreibseele schreibt:

      Hallo Amalia,

      da greifst Du ganz schön vor 😉 Dazu möchte ich in einem späteren Beitrag mich ein wenig austoben. Ansonsten gebe ich Dir recht. Es gibt sehr viele Spielarten, wie man mit der realen Geschichte umgehen kann. Und ich finde, man kann vieles daraus machen.

      Aber das Leute wirklich nicht darauf kommen, dass es sich bei Steampunk zum Beispiel um eine abgewandelte Geschichte handelt, das erschreckt mich jetzt doch ein wenig.

      Gefällt mir

  3. Evanesca Feuerblut schreibt:

    Ich schreibe historische Fantasyromane und damit ist alternative Geschichte für mich natürlich ein Thema :). Ich versuche dabei minimalinvasiv vorzugehen. Heißt:
    – Jemand, der eigentlich gestorben ist, wird auch bei mir sterben (oder sich in einen Vampir verwandeln und ist damit auch tot genug 😛 )
    – das, was belegt ist, wird bei mir auch stattfinden
    Hier liegt aber der Hund begraben. Was ist belegt? Was ist nicht belegt? Was gilt als Konsens laut Allgemeinwissen, ist aber eigentlich für Historiker längst widerlegt?
    Beispiel: Ich schreibe meinen nächsten Roman über Jesus. Und recherchiere dazu ausgiebig den Unterschied zwischen dem historischen Wanderprediger und der religiösen Figur der Christ*innen. Die Unterschiede sind bisweilen massiv und es ist SEHR faszinierend, was ich bisher herausgefunden habe.
    Aber es bleibt genug unerforscht, sodass Jesus auf meine Protagonistin treffen kann. Das ist dann alternativ.

    Gefällt mir

    • Frau Schreibseele schreibt:

      Wow, dass nenne ich mal sehr intensiv. Wenn in der realen Geschichte jemand stirbt und ich brauche die Person, ich würde sie oder ihn wieder auferstehen lassen. Aber das ist natürlich auch ein sehr interessanter und sicherlich auch sehr intensiver Aspekt.

      Wobei ich das mit Jesus auch mutig finde. Immerhin haben alle irgendwie eine Vorstellung von dem. Und dann über ihn schreiben, ich wüsste gar nicht, ob ich das könnte.

      Gefällt 1 Person

      • Evanesca Feuerblut schreibt:

        Ich bin was das angeht, ein pedantischer Freak 😀 .

        Das Problem ist mir bewusst – und ich habe schon so ein wenig Angst, wie das wahrgenommen wird. Vor allem, da ich mich dem Thema als Hobbyhistorikerin nähere, nicht aus religiöser Sicht.
        Aber irgendwie wollte er unbedingt mitspielen und dann muss ich damit leben, dass dabei ein runder Charakter rauskommt, der auch mal nicht zu 100% sympathisch sein kann.

        Gefällt mir

      • Frau Schreibseele schreibt:

        Lieber pendantisch, als zu sorglos würde ich schon fast sagen.

        Aber die Art, wie Du da heran gehst, finde ich interessant. Und ich denke mal, das kann auch eine völlig andere Sicht auf die Geschichte bringen. Auf alle Fälle bin ich gespannt auf Deine Geschichte 🙂

        Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s