Jung, weiblich, Superstar

Hei, hallo und herzlich willkommen,

sie ist jung, sie kann durchaus sexy sein, aber auf alle Fälle ist sie hochintelligent und sehr begabt. Die Heldin unseres Romans. Nur warum?

Kurze Vorgedanken

Vor einigen Wochen gab es im Nornennetz eine Diskussion zum Thema „Warum müssen die Heldinnen immer so jung und zeitgleich eine Art Superheldin sein?“. Es ging darum, dass es sehr viele Heldinnen gibt, die manchmal noch keine zwanzig sind und trotzdem gefühlt alles können.

Würde man eine Stellenausschreibung formulieren wollen, würde der vielleicht so aussehen:

Wir suchen Dich. Du darfst nicht älter als 20 sein, aber idealerweise bist Du auch nicht jünger als 16 Jahre. Immerhin sollst Du eine Inspiration für die Frau sein.

Am besten kommst Du aus ärmlichen oder zumindest schwierigen Verhältnissen und bist vielleicht sogar eine Halbwaise mit der Tendenz eine Vollwaise zu werden.

Bring bitte Folgendes mit: Du bist hübsch, hast eine mystische Herkunft und kennst dich in mindestens drei Wissensgebieten aus. Weiterhin kennst Du Dich in Deiner Welt aus und findest zu jedem Charakter zeitnah einen Draht.

Während deiner Geschichte wirst Du viele Widrigkeiten erleben. Daher ist es gut, wenn Du Dich dagegen wehren kannst und dabei noch viele Dinge lernst. Immerhin sollst du ja am Ende als Gewinnerin aus der Geschichte gehen.

Ach ja, natürlich ist es immer gut, wenn du zumindest theoretisch dich in mindestens zwei Kerle verliebst und nichts gegen Sex hast. Ist aber kein Muss in der Geschichte.

Gut, es mag ein wenig übertrieben sein. Aber ganz ehrlich, so manch eine Heldin erregt genau diesen Eindruck bei mir. Während ich mir Gedanken darüber gemacht habe, warum das so ist, entstanden bei mir einige Ideen, die ich Dir heute vorstellen möchte.

Da es scheinbar in erster Linie die Heldinnen betrifft, die jung und als Superheldinnen auftreten, werde ich in erster Linie sie ansprechen. Sollte Dir auch ein Held über den Weg laufen, der die gleiche Entwicklung durchmacht, dann kann dies natürlich auch für ihn gelten.

Mary Sue und Gary Stu

Was bedeutet das?

Der naheliegendste Gedanke ist, dass wir es hier mit einem Charakter zu tun haben, die man eindeutig als Mary Sue und Gary Stu identifizieren kann. Um es kurz zu machen, das sind Charaktere, die nahezu perfekt sind. Oder genau in die andere Richtung gehen. Also eine Heulsuse ist und trotzdem gerettet wird. Auch wenn es dafür häufig keinen guten Grund gibt.

Sehr häufig identifizieren sich die Autorinnen mit diesen Charakteren und es fällt ihnen dann schwer, ihnen negative Eigenschaften zu geben. Oder auch einfach nur eine vernünftige Schwäche. Daher wirken sie manchmal wie eine Superheldin, die fern jeglicher Realität ist.

Bei diesen Charaktertypen besteht schnell die Gefahr, dass man übersättigt wird. Denn man ahnt, egal wie schwer eine Situation ist, die Heldin wird das Ding schon meistern. Auf einmal packt sie aus irgendeiner Gehirnwindung irgendeine Fähigkeit aus und schon rettet sie den Tag. Und selbst wenn alle anderen in ihrer Gruppe im Alltag eigentlich überlegen sind, im Endkampf ist sie es, die alle mitreißt, weil die schon aufgegeben haben.

Warum wird das geschrieben?

Wie schon erwähnt, häufig identifizieren sich die Autorinnen mit ihrer Heldin. Und seien wir mal ganz ehrlich, wer sieht schon immer die schlechten Seiten an sich? Oder mag sie? Da ist es schon fast natürlich, dass die Heldin ein wenig zu perfekt wird.

Übrigens, dieses Phänomen ist schon lange nicht mehr nur auf Fanfiction beschränkt. Es mag sein, dass sie dort ihren Anfang gefunden haben. Aber zwischenzeitlich hat es sich auch auf die Romanwelt ausgeweitet.

Wie kann man das anders schreiben?

In dem Beitrag zu Mary Sue und Gary Stu hab ich einige Hinweise dazugegeben. Aus diesem Grund möchte ich an dieser Stelle nicht zu ausführlich werden. Kurz gesagt, es ist besser, wenn Du solche Charaktere vermeidest. Gibt ihr Stärken und vor allem Schwächen. Sie muss nicht alles können. Wichtig ist, dass sie das kann, was ihrer eigenen Geschichte weiterhilft.

Die Autorin, die ihre eigene Jugend bereut

Was meine ich damit?

Wie viele Entscheidungen in Deinem Leben bereust Du? Besonders die Entscheidung, die Du in Deiner Jugend (nicht) getroffen hast? Da gibt es sicherlich einige Entscheidungsleichen in Deinem Keller. Und das ist natürlich. Wir sind Menschen und machen halt Fehler.

Daher möchten manche, dass ihre Heldinnen diese Fehler nicht begehen. So sollen sie in jungen Jahren lernen und mehr Wissen ansammeln, als man es selbst getan hat. Und sie mögen bitte einige Entscheidungen vermeiden und andere treffen, die man selbst (nicht) gemacht hat.

Sind das dann nicht auch Mary Sues?

Der Grad kann ziemlich schmal sein, das stimmt. Aber das bedeutet nicht automatisch, dass diese Charaktere gleich Mary Sues sind. Denn diese Charaktere können Stärken und Schwächen haben, so wie man es sich von ihnen wünscht. Nur treffen sie schon sehr frühzeitig die richtigen Entscheidungen. Das ist der einzige große Unterschied.

Aber es stimmt schon, wenn man nicht aufpasst, dann kann am Ende hier schon eine Mary Sue entstehen.

Wie könnte man mit diesem Wunsch anders umgehen?

Akzeptiere, dass Du diese Entscheidungen nicht getroffen hast und lass Deine Heldin ihre Entscheidungen treffen und ihre Fehler machen. Auch wenn sie aus Deinem Kopf entsprungen ist, so entwickelt sie nach und nach doch eine eigene Persönlichkeit. Und diese darf sich gerne von Dir unterscheiden.

Es mag am Anfang manchmal schwer sein, aber es lohnt sich, da eine gewisse Trennung reinzubringen. Unterscheide Dich von Deiner Heldin und es kann dann eine eigenständige Geschichte werden.

Die Geschichte als Vorbild

Was meine ich denn damit?

In der Geschichte gab es immer wieder Menschen, die als junge Personen Bedeutsames erreicht haben. Vielleicht nicht viele, aber es gab sie. Mit zwanzig hatten sie schon mehr erreicht, als viele von uns mit dreißig oder vierzig. Und natürlich kann man davon auch beeindruckt sein.

Aber man darf eines nicht vergessen, das waren durchaus andere Zeiten. Früher gab es weder einen Fernseher, das Radio oder Internet und Handys sowie die vielen anderen Ablenkungsmöglichkeiten. Daher war es natürlich, dass man sich mehrere Stunden am Tag mit Büchern beschäftigen konnte. Teilweise, weil es nichts anderes gab. Und auch, weil man es musste. Immerhin wollten auch schon damals, dass aus dem Kind etwas wird.

Außerdem wurden früher die Kinder nicht als solche behandelt. Sie waren kleine Erwachsene und hatten sich dementsprechend zu benehmen. In einem Buch über die viktorianische Zeit hab ich gelesen, wie eine Mutter versuchte ihr, ich glaub, zwei- oder dreijähriges Kind, etwas beizubringen. Und sie war frustriert, warum er sich an einem Tag alles merken konnte und am nächsten Tag wieder alles Vergessen hatte. Heutzutage wissen wir warum. Doch dieses kleine Wesen wurde so behandelt, als wäre es sofort in der Lage etwas zu lernen.

Was ich damit meine?

Damit meine ich, dass es nicht unbedingt unrealistisch ist, wenn eine junge Heldin eine Menge kann. Wenn sie die Möglichkeiten hat, zu lernen und den Zugang zu einer Bibliothek (als Beispiel), dann kann es durchaus sein, dass sie in der Lage ist, mehr zu wissen als wir in diesem Alter. Denn in acht Stunden könnte sie mehr lernen, als wir, weil sie keine Ablenkungsversuchungen hat. Und wenn dann die Eltern noch hinterher sind und sie sich mit niemandem treffen darf, ist der Weg für eine sehr intelligente Frau geschaffen.

Wie Du das nutzen kannst?

Wenn Deine Heldin aus einer entsprechenden Umgebung kommt, dann ist es sehr wahrscheinlich, dass sie sich Wissen aneignen kann. Das bedeutet nicht, dass Bauernmädchen daher dumm sein müssen, aber sie haben nun einmal ganz andere Voraussetzungen als eine Tochter aus gutem Hause.

Ich würde zeigen, wie meine Heldin an das Wissen gekommen ist. Natürlich im Zusammenhang zur Geschichte. Aber um zu erklären, wie das geklappt hat, ist es durchaus gut, dies irgendwie in einem Absatz zu erwähnen. Dann kommt es nicht so unglaubwürdig herüber, wieso sie in so jungen Jahren so viel Wissen hat.

Für die Praxis

Allgemeines

Wenn Du über eine intelligente Heldin schreiben möchtest, die einer Superheldin gleicht, ist das erst einmal völlig in Ordnung. Immerhin ist es Deine Geschichte und damit auch Deine Entscheidung. Da werde ich Dir auch nicht reinreden.

Aber ich erlaube mir, eine Empfehlung auszusprechen. Benutze solche Charaktere nicht inflationär. Damit meine ich, in einem Buch reicht eine Superheldinnencharakter. Und das muss auch nicht zwangsläufig in jedem Buch sein. Das könnte für einige Leserinnen und Leser sonst zu langweilig werden.

Diesen Charaktertyp zu verwenden kann durchaus interessant werden. Überleg Dir nur, wie Du sie einbaust und sie nicht zu einer Mary Sue wird.

Wie könntest Du vorgehen?

Überleg Dir, wie Du in dem Alter warst. Was hast Du den ganzen Tag selbst gemacht und wie viel hast Du gelernt. Und dann versetze Dich mit dieser Idee von Dir selbst in die Welt Deiner Heldin. Wo lebt sie und was könnte sie den ganzen Tag tun? Hat sie Zugang zu Büchern oder wie könnte sie an das Wissen herankommen?

Auch wenn es manchmal in Romanen nicht so rüberkommt, doch hatten nicht alle Menschen früher Zugang zu Bildung. So gab es durchaus eine breite Bevölkerungsschicht, die schlichtweg nicht lesen oder schreiben konnten. Das solltest Du durchaus berücksichtigen.

Das bedeutet aber nicht, dass sie deswegen als einfältige Tölpel durch Deine Geschichte laufen müssen. Sie können auf anderen Gebieten sehr gebildet sein. Der Charakter Nynaeve al‘ Meara (aus der Romanreihe „Das Rad der Zeit„) war unter anderem eine hervorragende Spurenleserin. Der Vater hatte sie so gut darin unterrichtet, dass sie zu einer Waldläuferin werden konnte.

Auch wenn sie keinen Zugang zu Büchern hätte (was in dem Fall nicht war, soweit ich mich noch erinnere), so war sie in etwas gut, weil ihr Vater sie dies lehrte. Auch das kannst Du für Deine Charaktere berücksichtigen. Was kann sie von ihren Eltern oder anderen Verwandten lernen und am Ende sogar verbessern?

Es ist also gut, das Wissen Deiner Heldin ihrer Umgebung anzupassen. So kann Nynaeve al‘ Meare Spuren wie eine Waldläuferin lesen. Das bedeutet aber noch lange nicht, dass sie sich in einer größeren Stadt auskennen muss und weiß, wie man dort überlebt. Das meine ich damit. Was könnte Dein Charakter wirklich wissen und was nicht?

Abschlussgedanken

Wenn man sich in die Welt und in die Charaktere hineinversetzt, kann man durchaus realistische Heldinnen erschaffen, die intelligent, aber nicht mit einer Superheldin zu vergleichen sind. Wichtig finde ich dabei nur, dass man diesen Charaktertyp einfach nicht auslutscht.

Es gibt mehrere Ebenen, wie Du einen guten Charakter erschaffen kannst. Dabei ist die Intelligenz oder das Können nur eine davon.

Und dabei wünsche ich Dir viel Spaß.

Gedankenspiele

Überleg Dir einfach mal für verschiedene Situationen und Settings, wie gebildet Deine Heldin sein könnte. Also als Adlige, als gutbürgerliche Tochter oder auch als Bäuerin. Mach Dir dazu Notizen und suche weitere Möglichkeiten.

Das kannst Du als reine Übung sehen, um ein Gefühl dafür zu bekommen, wie man die Umgebung der Heldin nutzen kann, um sie zu erschaffen. Und wer weiß, vielleicht bekommst Du dafür auch die eine oder andere Idee für (D)eine Geschichte.

Umbau einer fiktiven Heldin

Wenn Du über eine Heldin stolperst, wie ich sie oben aufgeführt habe, überleg Dir, wie Du sie anders erschaffen hättest? Mit welchen Schritten könntest Du sie realistischer gestalten? Sicherlich fällt Dir der eine oder andere Weg dazu ein.

Biografiearbeit

Schau Dir die Biografien von historischen Personen an. Wieso sind sie so jung so erfolgreich geworden? Was hat sie inspiriert, welche Vorteile hatten sie und welche Schwierigkeiten? Wenn Du das kennst, kannst Du dieses Wissen nutzen, um das in Deinen Geschichten einzubauen.

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Über Frau Schreibseele

eine schreibende, die auf den weg zu ihrer ersten geschichte ist. und bis dahin gibt es beiträge rund ums schreiben, lesen und erleben auf meinem blog :)
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2 Antworten zu Jung, weiblich, Superstar

  1. Der quâtspreche schreibt:

    Schöner Beitrag und netter Hinweis zu historischen Persönlichkeiten. 🙂

    Gefällt mir

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