Solltest Du wirklich keine Kurzgeschichten schreiben?

Hei, hallo und herzlich willkommen,

ab und an stößt man auf einen Blogbeitrag einer Kollegin oder eines Kollegen und denkt sich, ja, ist nett, aber ich sehe das anders. Und dann möchte man mehr schreiben, als nur einen Kommentar.

Kurze Vorgedanken

Marcus Johanus hat einen Beitrag geschrieben, in dem er auffordert, keine Kurzgeschichten mehr zu schreiben. Und wie zu erwarten stößt er mit diesem Gedankengang nicht nur auf Gegenliebe.

Die einen unterstützen seine Idee, die anderen nur zum Teil und die Dritten stehen da und denken sich nur hääää? Und das macht, in meinen Augen sogar einen guten Beitrag aus. Ich respektiere seine Meinung, möchte trotzdem im Rahmen eines Beitrages meinen eigenen Senf dazugeben.

Dabei gehe ich erst auf seine Argumentation kurz ein und möchte dann noch erklären, warum sich vielleicht, aber auch wirklich nur vielleicht, Kurzgeschichten doch lohnen könnten.

Die Argumentation von Marcus Johanus

1. Kurzgeschichten sind eine Form der Prokrastination

Bei diesem Argument gehe ich noch mit. Denn in der Tat können Kurzgeschichten Dich abhalten Deinen Roman zu schreiben. Wenn Du Dich ein oder zwei Wochen darauf konzentrierst eine gute Kurzgeschichte zu schreiben, könntest Du in der Zeit schon einen halben Kurzroman verfasst haben.

Viele sagen sich, ich will ja nur üben, um einen besseren Roman zu schreiben. Dabei meinen sie häufig tatsächlich, ich hab Angst davor den Roman zu schreiben, also tue ich alles, damit ich eben diesen nicht anfangen muss. Und sobald das passiert, solltest Du Dir verbieten auch nur daran zu denken eine Kurzgeschichte zu schreiben.

Schreib Deinen Roman!

2. Kurzgeschichten haben mit Romanen wenig zu tun

Es stimmt, eine Kurzgeschichte ist sehr dicht geschrieben und eben, das sagt auch der Name, kurz. In einem Roman hast Du gut und gerne mal hundert Seiten Zeit, damit überhaupt etwas passiert. Bei einer Kurzgeschichte hast Du manchmal nicht einmal hundert Wörter dafür Zeit.

Daher kann ich dem durchaus zustimmen, Kurzgeschichten und Romane haben genauso viel gemeinsam, wie Birnen und Äpfel.

Andererseits ist es manchmal so, dass ich mir wünsche, dass so manch eine Autorin oder Autor sich ein paar Tricks von der Kurzgeschichte abgucken würden. Da wird der Kaugummi bzw. die Geschichte so dermaßen in die Länge gezogen, dass es schon unnötig ist. Daher sehe ich nicht zwangsläufig, dass das Schreiben von Kurzgeschichten wirklich schaden muss. Aber ja, er kann schädlich sein. Denn man kann auf Dauer zu viel zu kurz schreiben, wo es doch ein paar Worte mehr getan hätten.

3. Kurzgeschichten haben eine stark eingeschränkte Zielgruppe

Um es kurz zu machen, es stimmt. In Deutschland werden zwar ungemein viele Anthologien veröffentlicht, aber gelesen werden sie eher wenig. In Amerika hat die Kurzgeschichte einen völlig anderen Stand und damit auch einen anderen Wert. Das ist nicht schön, aber ein Fakt.

Wenn Du Dich also hauptsächlich auf Kurzgeschichten konzentrierst, wirst Du voraussichtlich erst einmal und vielleicht sogar auf Dauer auf ein kleines Publikum konzentrieren müssen. Du kannst damit auch Erfolge haben. Siehe Alice Munroe. Aber bis dahin ist es ein längerer Weg.

4. Mit Kurzgeschichten verbrennst du deinen Namen

Zugegeben, über diese Argumentation stolpere ich ein wenig. Ich kann sie verstehen und trotzdem stolpere ich ein wenig.

Auf der einen Seite erinnern sich die Leute nicht mehr an meinen Namen und zugleich könnte ich meinen Namen verbrennen? Nun gut, kann möglich sein. Aber ich behaupte, dass es einen kleinen Ausweg dabei gibt, dem Pseudonym.

Du kannst Deine Kurzgeschichten durchaus mit einem Pseudonym veröffentlichen und es bei einer Bewerbung verheimlichen, dass Du sie jemals geschrieben hast. Vor Jahren erwähnte Mal eine Autorin, dass sie eine Kurzgeschichte bei einem sehr einschlägigen Verlag veröffentlicht hat. Sie brauchte halt das Geld. Und sie würde einen Teufel tun, damit es niemals in ihrer Vita auftaucht. Kann ich verstehen.

Auf der anderen Seite hatte ich in einem Schreibforum gelesen, dass eine Autorin sich bei einem Verlag bewarb und artig alle ihre Anthologieveröffentlichungen notierte. Da kam die Antwort, dass sie nicht dauerhaft mit einem Verlag zusammenarbeiten könne und daher abgelehnt wurde. In dem Fall hatte die Lektorin nicht verstanden, was die Autorin damals notiert hatte.

Aber das war auch das einzige Mal, dass ich das mitbekommen habe. Inwiefern das die Regel ist, ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Es kann natürlich ein sehr dünnes Schwert sein, auf dem Du Dich bewegst, aber es kann sich auch positiv für Dich auswirken.

Meine Ergänzungen

Wie in den einzelnen Kommentaren erwähnt, kann ich zum Teil die Argumentation nachvollziehen. Aber gibt es denn nicht doch noch positive Teile, warum man eine Kurzgeschichte schreiben kann?

Kleine Erfolgserlebnisse

Ein Roman kann schlimmstenfalls bis zu einem Jahr oder gar noch länger dauern, bis er fertig geschrieben ist. Das kann frustrierend sein und manchmal sogar demotivierend. Wenn man sich dann die eine oder andere Woche Zeit nimmt, um eine Kurzgeschichte zu schreiben, tut das der Seele durchaus gut. Denn man kann sie durchaus in der Zeit schreiben und überarbeiten.

Natürlich darf und soll man die Kurzgeschichte nicht unterschätzen. Sie hat eigene Regeln und Gesetze, die man befolgen darf und auch durchaus sollte. Aber die Kurzgeschichte ist halt kurz. Und man kann da doch zumindest emotionale Erfolgserlebnisse feiern. Wenn sie dann noch in einer Anthologie erscheint, sich wohlmöglich gegen Hunderte Mitbewerberinnen und Mitbewerber durchgesetzt hat, dann tut das sicherlich der Seele sehr gut.

Ablenkung

Wenn man sich im Roman verrannt hat, dann kann es manchmal befreiend sein, sich auf etwas ganz anderes zu konzentrieren. Man bekommt den Blick frei und vielleicht sogar noch die eine oder andere Idee für den Roman, auf die man sonst gar nicht gekommen wäre.

Auf alle Fälle gewinnt man Abstand und kann sich vom riesigen Projekt ein wenig erholen.

Von der Kurzgeschichte zum Roman

Als Reaktion auf den Beitrag von Marcus haben einige erwähnt, ohne eine Kurzgeschichte gäbe es nicht den Roman. Da wollten einige Autor*innen einfach nur eine kurze Geschichte schreiben und sahen das Potenzial. Und am Ende haben sie sich hingesetzt und daraus eben einen Roman geschrieben.

Hätten sie sich also nicht hingesetzt und es versucht, hätten sie gar nicht das Potenzial gesehen, was sich hinter der Idee verbarg. Denn es wäre sehr wahrscheinlich gewesen, dass sie von vornherein gesagt hätten, das eignet sich nicht für einen Roman, daher lasse ich es ganz sein.

Andere Genres ausprobieren

Wenn Du schon einige Romane in einem Genre ausprobiert hast, dann könnte es sein, dass es Dir schwerfällt, dieses zu wechseln. Denn man weiß ja nie, ist es wirklich was für mich? Kann ich mit den Regeln und Gesetzen umgehen? Will ich das überhaupt?

In einer Kurzgeschichte kannst Du Dich ein wenig ausprobieren und sehen, was Dir zusagt und was nicht.

Es tut nicht weg

Und wenn Dir die Geschichte nicht gefällt oder das Genre oder was auch immer, mir persönlich tut es nicht weh, die Geschichte zu löschen. Denn ich hab nicht so viel Energie und Zeit und auch Liebe in diese Geschichte gesteckt, wie bei einem Roman, der mich seit einigen Monaten oder länger begleitet hat.

Die Hemmschwellen sind da ganz anders.

Abschlussgedanken

Natürlich musst Du selbst entscheiden, ob Du Kurzgeschichten schreiben willst oder nicht. Es gibt gute Argumente dafür und auch dagegen. Wobei das beste Argument gegen Kurzgeschichten der ist, dass es Dich abhält, Deinen Roman zu schreiben.

Daher ist es immer gut zu wissen, warum Du gerade jetzt eine Kurzgeschichte schreiben willst und nicht Deinen Roman. Wenn Du das weißt, ist alles in Ordnung. Ansonsten schau genau hin, willst Du wirklich gerade jetzt diese Kurzgeschichte schreiben? Oder willst Du Dich vor Deinem Roman nur drücken?

Auf alle Fälle wünsche ich Dir viel Spaß dabei.

Anthologien lesen

Besorg und lies mal eine Anthologie, einfach so, aus Spaß, ohne größeren Hintergrund.

Eine Kurzgeschichte schreiben

Und natürlich schreib mal eine Kurzgeschichte. In Deinem Genre, in einem anderen, worauf Du auch immer Lust hast.

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Über Frau Schreibseele

eine schreibende, die auf den weg zu ihrer ersten geschichte ist. und bis dahin gibt es beiträge rund ums schreiben, lesen und erleben auf meinem blog :)
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14 Antworten zu Solltest Du wirklich keine Kurzgeschichten schreiben?

  1. Die Diskussionen zum Thema waren (und sind) ja schon ziemlich interessant. Was ich vielleicht als Argument auf der Seite Pro-Kurzgeschichte deutlicher hervorheben würde: Wenn du es mit einer Idee „nicht mal“ eine Kurzgeschichte füllen kannst, wie soll daraus erst ein Roman werden? In einer Kurzgeschichte hat man nur einen Handlungsstrang zu füllen, während im Roman gut und gerne eine oder beliebig viele Nebenhandlung(en) auftauchen kann. Das ist wahrscheinlich auch der Grund, warum so viele Romane auf „das sollte doch nur eine Kurzgeschichte werden“ basieren. An sich würde ich die Kurzgeschichte nicht komplett verteufeln. Sie hat eben wie jede andere Form in der Literatur ihre positiven und negativen Aspekte. Am Ende muss eben jeder selbst entscheiden, welche Seite er oder sie bevorzugt.

    Gefällt 1 Person

    • Frau Schreibseele schreibt:

      Jupp, letztendlich ist es so. Die Kurzgeschichte kann mich auch davor bewahren, dass ich mich zu viel Zeit in eine Geschichte investiere, die sowieso zum scheitern verurteilt ist. Eben, weil sie nicht viel hergibt.

      Aber ich denke mal, dass könnte durchaus ein Thema für einen eigenen Beitrag sein 🙂

      Gefällt 1 Person

  2. Michael Behr schreibt:

    Dankeschön für deinen Beitrag, der einige meiner Gedanken zu Marcus‘ Artikel auf den Punkt bringt. Ich selber hatte leider nicht die Zeit und Muße, das so aufzubereiten. Insbesondere bei deinen Ergänzungen gehe ich voll mit.

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  3. Martina O. schreibt:

    Seconded. In allen Punkten. Merci!

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  4. simonsegur schreibt:

    Vielen Dank auch von mir! Was mich bei Marcus so irritiert hat, war die Vehemenz seiner Aussage. Soll doch jede und jeder schreiben, was sie oder er will – Hauptsache, es wird geschrieben! Und wenn mein einziges Problem beim Prokrastinieren Kurzgeschichten wären, und nicht surfen, zocken, aufräumen, lesen et cetera – dann wäre ich wahrlich glücklich 🙂
    Liebe Grüße!

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    • Frau Schreibseele schreibt:

      Da sag ich nur, zwei Seelen ein Gedanke. Das surfen, spielen und all diese Dinge sind für mich auch eher ein Problem, als das Schreiben einer Kurzgeschichte, welche mich vielleicht noch mehr weiterbringt. Daher war es mir auch ein Bedürfnis diesen Beitrag zu schreiben.

      Und gerne geschehen ❤

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  5. Pingback: Die Kurzgeschichte – Lust oder Laster? | Elea Brandt

  6. omadieschreibtante schreibt:

    Ich schreibe Kindergeschichten. Kurze Kindergeschichten. Kinderkurzgeschichten.
    Zum einen, weil ich mich noch mit dem strukturierten Schreiben auf Länge schwer tue und zum anderen, weil Kinder glücklicherweise eine beschränkte Aufnahmekapazität haben. So betrachtet passt das also ganz gut.
    Wer weiß, vielleicht setze ich auch noch die Roman-Idee, die mir im Kopf herum schwirrt um, aber wenn nicht: so what?
    Ich finde, diese ganze Diskussion „wenn Du das machst, passiert jenes…“ irgendwie seltsam. Schreibt doch alle einfach das, was in euch ist. Kurz, lang, episch… es ist völlig wurscht! Aber eines ist wichtig: bleibt euch beim schreiben selbst treu.
    Auch darüber könnte man Romane schreiben, wenn die nich nur so lange dauern würden.

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    • Frau Schreibseele schreibt:

      Da bin ich ganz bei Dir. Letztendlich bin ich für mein eigenes Leben verantwortlich. Warum soll ich dann nicht in diesem Leben das Schreiben, was mich glücklich macht?

      Und solange ich das selbst managen kann, ist alles andere völlig in Ordnung 🙂

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  7. siljakyrada schreibt:

    Jeder soll das schreiben, was er möchte, und was ihm liegt. Ich habe einmal in einem Ratgeber gelesen, man solle keine Gedichte schreiben, denn sowas würde heutzutage kaum jemand lesen. Außerdem sei es schwer, einen Verlag zu finden. Mich persönlich hält es nicht ab. Ich habe meinen ersten Gedichtband veröffentlicht und schreibe weiter. Und wenn mir nach Kurzgeschichten ist, dann schreibe ich Kurzgeschichten. Das muss jeder für sich selber wissen.
    Man soll ja nicht für den Mainstream schreiben. Sondern dass schreiben, was einem auf dem Herzen liegt.

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  8. Danke für deinen Beitrag!! Da kann mein Blog (der fast nur von Kurzgeschichten lebt) wieder aufatmen 😅
    Bin auch der Meinung, dass man das Schreiben sollte, was einem gut tut. Und Kurzgeschichten bringen sehr wohl Vorteile mit sich- für den Autoren und für den Leser… kannst gerne mal bei mir reinschauen

    http://www.geschichtenimkopf.com

    Schön, dass persönliche Meinungen nicht bei jedem so „wissenschaftlich“ dargestellt werden, wie bei anderen 😉 dankesehr!! 🙏🏼

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    • Frau Schreibseele schreibt:

      Vielen Dank für Deinen Besuch 🙂

      Natürlich kann und soll jeder Mensch schreiben, was sie oder er will. Bei manchen klappt es mit den Kurzgeschichten und bei anderen nicht. Nur ich würde es halt nie per se absprechen, dass man gar keine Schreiben soll.

      Und ich werde mal bei Gelegenheit bei Dir vorbeischauen 🙂

      Gerne, mit dem nicht „wissenschaftlich“ 😉

      Gefällt 1 Person

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