Wie könnte man Märchen neu erzählen? – 5 mögliche Wege

Hei, hallo und herzlich willkommen,

aktuell erscheinen bei einigen Autorinnen Nacherzählungen von Märchen. Da könnte die eine oder der andere sich fragen, wie macht man das am besten? Hier ist meine Antwort.

Kurze Vorgedanken

Märchen wurden schon immer erzählt und dabei gab es auch immer wieder Neuinterpretationen. Rotkäppchen soll in den früheren Versionen um einiges heftiger und teilweise auch erotischer gewesen sein. Heute erinnert nur noch ihr rotes Käppchen an die erotische Darstellung.

Daher ist es schon fast verständlich, wenn heutige Autorinnen sich entscheiden, Märchen in ein völlig neues Gewand zu kleiden. Und das auch mit Erfolg (siehe dazu Nora Bendzko oder Janna Ruth). Daher muss man nicht vor solch einem Projekt zurückschrecken.

Zum Thema Plot oder Derartiges möchte ich hier nichts schreiben. Denn ich möchte mich lieber auf fünf Hinweise konzentrieren, wie Du eine Märchenadaption anders gestalten kannst. Plot und Charakterarbeit sind auch hier dringend notwendig.

Und ich werde in dem Beitrag die weibliche Anrede benutzen, außer ich meine direkt und ausschließlich nur Männer. Ansonsten dürfen sich die Herren immer und jederzeit gerne mitgemeint fühlen.

1. Du solltest wissen, was Du schreiben möchtest

Wenn Du Dir ein Märchen vornimmst und es auf eine neue Art und Weise erzählen möchtest, ist das natürlich in Ordnung. Aber Du solltest wissen, was Du tust. Und vor allem auch, warum Du es tust.

Willst Du also etwas in Deiner Geschichte erwähnen, dann sollte es natürlich irgendeine Bedeutung haben. Hat es keine Bedeutung, dann lass es sein und erwähne es nicht.

Vielleicht kennst Du die neuste Verfilmung von Alice im Wunderland von Tim Burton? In diesem Film wurde öfters erwähnt, dass Alice ja schon einmal als kleines Mädchen im Wunderland war. Schön und gut. Doch dieses Wissen, diese Information hat für den Film selbst keine Bedeutung. Warum wurde das also erwähnt?

Solltest Du Dich direkt auf einen Märchenvorgänger beziehen, ist das in Ordnung (bei Bedarf kannst Du auch juristisch abklären, ob das in Ordnung ist). Aber dann solltest Du immer wissen, worauf Du Dich beziehst und vor allem auch, warum.

Willst Du also auf ein früheres Ereignis Bezug nehmen, dann mach es. Es sollte nur dann in der aktuellen Geschichte irgendeine Bedeutung haben. Wenn unsere Alice also schon einmal im Wunderland war, wunderbar. Nur warum wird das erwähnt? Mach Dir darüber Gedanken oder lass es gleich bleiben.

Aber letztendlich gilt das für alle Geschichten, die Du schreiben möchtest.

2. Respektiere das Original

Du musst das Original nicht eins zu eins wiedergeben. Das wäre überhaupt nicht Sinn der Sache. Aber es wäre sehr schön, wenn Du das Original trotzdem respektieren würdest. Immerhin ist es vorhanden.

Schauen wir uns noch einmal unsere Alice an. In ihrer Ursprungsgeschichte war sie eine durchaus starke und neugierige Person. Sie bekam zwar ab und an Hilfe von den anderen Charakteren, letztendlich hat sie aber selbst das Abenteuer gemeistert und kehrte auch von selbst zurück.

Vor Kurzem habe ich sogar gelernt, dass sie deswegen als eine wertvolle feministische Geschichte angesehen wird. Auch wenn dieser Roman zu meinen Lieblingsgeschichten gehört, das habe ich selbst doch noch nicht gewusst.

Und was macht Tim Burton aus ihr? Ein Schatten ihrer einstigen Größe. Immerhin will Alice nicht den Jabberwocky töten. Doch sie wird dazu gedrängt. Und nachdem sie sich damit abgefunden hat, bekommt sie dieses Schwert in die Hand und das Teil erledigt die Arbeit. Alice ist eigentlich nur eine Halterin des Schwertes. Und damit wird sie noch mehr entmachtet.

Hier wäre es schön gewesen, wenn man ihre Stärke beibehalten und eine andere Lösung für den Tod des Jabberwocky gefunden hätte. Eben auf die unvergleichliche Art einer Alice. Und wenn man sie schon hat zwingen müssen, ihn zu töten, warum dann nicht durch ihre eigene Hand? Nein, sie führte nur das Schwert, was die Arbeit erledigt.

Schau Dir also den Originalcharakter bitte genau an und überleg Dir, wie Du die Besonderheiten dieses Charakters in Deine Geschichte einbauen kannst. Du musst natürlich nicht den Charakter so übernehmen, wie sie oder er mal geschaffen wurde. Aber der Respekt sollte immer da sein. Dann machst Du da nicht viel falsch.

3. Erzähl etwas Neues

Viele Remakes werden nur deshalb gedreht (ich beziehe mich hier auf die Verfilmungen), weil man nur eines sieht, die Euro bzw. Dollarzeichen. Man hat irgendwann einmal gesehen, dass ein Film gut funktioniert hat, und macht schlichtweg eine schlechte Kopie davon. Da fehlt häufig die originelle Idee.

Zugegeben, ich habe den Film Maleficant noch nicht gesehen. Doch hier wird etwas Neues im Rahmen des Alten erzählt. Es ist nicht eine reine Nacherzählung des Märchens Dornröschen aus der Sicht der dreizehnten Fee. Sondern sie zeigt eine völlig neue Perspektive der Geschichte.

Unter anderem soll auch der Kuss des Prinzen thematisiert werden, den Dornröschen über sich ergehen lassen muss. Es geht dabei um den Kuss, den sie bekommt, während sie schläft. In meinen Augen ist das nämlich alles andere als romantisch. Und das haben sich wohl die Macher auch gedacht.

Wenn Du eine Geschichte einfach nur nacherzählst, bietest Du Deinen Leserinnen nichts Neues. Darüber sind wir uns sicherlich einig. Daher ist es wichtig, zwar Respekt vor der Originalgeschichte zu haben. Trotzdem solltest Du etwas Neues erzählen. Ansonsten wird es schlichtweg nur langweilig.

Welcher Aspekt wurde in dem Märchen vernachlässigt, worüber Du schreiben könntest? Was wäre interessant noch eingehender zu beleuchten? Ich denke, darauf hast Du durchaus schon Deine Antworten. Dann erzähl sie uns.

4. Versuch nicht jemand anderes zu sein – sei Du selbst

Vor Jahren hatte ich mal eine Diskussion mit einem Autor, der unbedingt wie viele andere Autorinnen und Autoren klingen wollte. Da waren auch sehr berühmte Namen dabei. Als ich ihn fragte, warum er denn nur kopieren wollte, anstatt ein Original zu sein, hatte er nicht unbedingt eine wirkliche Antwort darauf.

Und das ist in vielerlei Hinsicht ein Problem. Immer, wenn eine Buchreihe oder ein Film erfolgreich ist, versuche viele diesem Erfolg regelrecht nachzuäffen. Von dem häufig guten Original merkt man dabei wenig, weil die Leute nur noch eines sehen, Euro- bzw. Dollarzeichen. Sie wollen lediglich auf den fahrenden Zug aufspringen und Geld machen.

Du kannst es versuchen, ich empfehle Dir aber, auf Dauer Dein eigenes Ding zu schreiben. Damit wirst Du erfolgreicher sein, als wenn Du andere kopierst.

Was auch immer aktuell gerade auf dem Markt angesagt ist, respektiere es. Du kannst auch gerne in diesem Genre schreiben. Warum nicht die Geschichte von Rotkäppchen im All erzählen. Ich fände das durchaus interessant. Aber eben auf Deine unvergleichliche Art und Weise.

5. Reduziere die Diskrimminierung

Über eins müssen wir wohl nicht wirklich diskutieren. Viele Märchen sind sexistisch oder rassistisch oder auch beides zusammen. Man kann es sogar fast entschuldigen, weil man es damals nicht besser wusste und die Zeit es quasi vorschrieb.

Das bedeutet aber nicht, dass wir es heute nicht besser wissen und es daher besser machen können. Wenn Du irgendwo einen sexistischen Part in einem Märchen entdeckst, überleg Dir, wie man ihn streichen kann. Das gilt auch für rassistische Teile in der Geschichte.

Und dann überleg Dir, wie Du es so schreiben kannst, dass es in die heutige Zeit passt und es sich angenehm anfühlt. Dazu gehört nicht unbedingt viel, aber es kann eine unglaubliche Menge ändern.

Zwar könnte man argumentieren (was auch viele tun), dass eine Änderung der Geschichte nichts mehr mit dem Original zu tun hätte, aber dem ist nicht unbedingt so. Wir behalten ja den Respekt vor der Geschichte bei, ändern aber einige Teile, um sie für die aktuelle Zeit anzupassen. Immerhin haben wir nun die Möglichkeit zu erkennen, was eben sexistisch oder auch rassistisch ist. Daher haben wir auch die Möglichkeit, die Geschichte so zu ändern, dass sie in die moderne Zeit passt. Auch wenn wir uns auf eine alte Zeit bedienen.

Abschlussgedanken

Eine neue Geschichte aufgrund des alten Materials zu erzählen ist nicht unbedingt leicht. Aber sie kann sich lohnen, weil wir in den Märchen durchaus viele Elemente finden können, die uns heute immer noch ansprechen. Ansonsten hätte Disney nicht diesen Erfolg, wäre dem nicht so. Wichtig ist halt nur, dass Du Deinen individuellen Weg findest, um die bestmögliche Geschichte zu erzählen.

Und dabei wünsche ich Dir viel Erfolg.

Original – Nacherzählung: Der Vergleich

Es gibt sehr viele Geschichten, die durch eine Nacherzählung entstanden sind. Such nach dem Original und schau oder lies erst das Original und dann die Nacherzählung. Dazu können auch Serien wie Battle Star Galactica oder auch Filme wie Star Trek gehören. Sei dabei aber auch sehr kritisch.

Dein Märchen

Überleg Dir mal, welches Märchen Du nacherzählen möchtest, wenn Du könntest. Und auch warum. Was ist daran so besonders? Dann überleg Dir, welchen Aspekt Du in Deiner Geschichte hervorheben würdest, der in der Originalgeschichte fehlt.

Übrigens, bei mir wäre es die kleine Meerfrau.

Deine Erzählung

Wenn Du jetzt Blut geleckt hast, dann erzähl doch Deine Version einer Geschichte. Sie muss ja nicht lang sein, das sind die Märchen auch nicht. Aber eben individuell und ganz Du.

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Über Frau Schreibseele

eine schreibende, die auf den weg zu ihrer ersten geschichte ist. und bis dahin gibt es beiträge rund ums schreiben, lesen und erleben auf meinem blog :)
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7 Antworten zu Wie könnte man Märchen neu erzählen? – 5 mögliche Wege

  1. C.K. Moises schreibt:

    Ich hab Maleficent schon gesehen und finde die „Lösung“ des Kusses nett. Es ist jetzt keine komplette Neuerfindung, aber interessanter und auch besser als das Original.
    Wieder Danke für den tollen Beitrag! Ich glaube du hast mich da auf eine Idee gebracht. Mal schauen. 😉

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  2. N. Bendzko schreibt:

    Jetzt erst gesehen – vielen lieben Dank für die Erwähnung! Ich kann alles, was du in dem Artikel geschrieben hast, nur unterschreiben. Besonders „respektiere das Original“, eine der wichtigsten Maximen, finde ich. Gerade deshalb beschäftige ich mich so gern mit der Entstehungsgeschichte von Märchen, damit man da ein bisschen mehr von den größeren Kontexten versteht (und diese bestenfalls in die Adaption einbauen kann) 🙂

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    • Frau Schreibseele schreibt:

      Gerne und ich mag Deine Geschichten und daher passt es, dass ich Dich und Deine Arbeit hier erwähne 🙂

      Und ich finde es beeindruckend, dass Du Dich sogar über die Entstehungsgeschichte der jeweiligen Geschichte recherchierst. Darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht. Danke für den Hinweis. Das werde ich dann bei der Überarbeitung aufnehmen.

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      • N. Bendzko schreibt:

        Danke ❤ Ja, das kann ich nur empfehlen! Es ist wirklich spannend, da etwas auf die Geschichte der Märchen zu schauen. Da begreift man auf einmal, wie viele überhaupt zusammenhängen (viele Märchenschreiber haben ja voneinander abgeschrieben) und welche Einflüsse die Märchen jeweils haben. Ich finde schon, dass es einen Unterschied macht, ob ein Ur-Märchen slavisch, arabisch oder asiatisch ist, oder wie bestimmte Motive von Märchen psychologisch und geschichtlich gedeutet werden. Mir zumindest erschließen sich dann ganz neue Interpretationen 😀

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      • Frau Schreibseele schreibt:

        Zudem ist es auchs o, dass man durch diese Rechercher auch noch ganz andere Ideen bekommt, die Geschichte zu schreiben. Wenn ich also sehe, dass Rotkäppchen (als Beispiel) einen ganz anderen Hintergrund hat, kann man diese ganzen Hintergrundinformationen nutzen, um eine neue Geschichte daraus zu machen.

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  3. Pingback: Altes Märchen neues Märchen - Die 12 Schwestern

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